Während Ausstellungen wie in der römischen Villa Giulia oder dem Museo Archeologico di Grosseto vom Reichtum der etruskischen Gräber erzählen, rätseln Archäologen noch immer über den Ursprung und die Bedeutung der Hohlwege der Etrusker, die das Hügelland in der Maremma durchfurchen.

Über mehrere hundert Meter Länge und teilweise in über zehn Meter Tiefe sind die Wege nahe der Ortschaft Pitigliano fast senkrecht in den Tuffstein geschlagen. Im Hochsommer steht die kühle Luft und lediglich die senkrechten Sonnenstrahlen schaffen es bis zum feuchten Boden. Die Frische hält sich den ganzen Tag - Stimmen verstummen, das weiche Gestein schluckt das Gespräch einiger Wanderer. Offensichtlich ist ihr Staunen über diese Vie Cave, einem wenig bekannten Wegnetz in der vulkanischen Geologie der Südtoskana.

"Poggio Buco" oder "San Rocco", "Cavone" und "Via Cava dell’Annunziata" - so lauten die Namen der Vie Cave. Wenig Sonnenlicht findet in diese Wege, aber genug, um an den Wänden Symbole und Zeichen zu erkennen. Leider stehen immer weniger Mittel für die Erforschung dieser rätselhaften Pfade zur Verfügung.

Oft vernachlässigt

Mächtige Eichen treiben heute ihre Wurzeln nah an die porösen Wände und spalten ganze Tuffblöcke ab. Außerdem sind die Vie Cave nicht nur ein ideales Mikroklima für Flechten und Moose, sondern in den umgebenden Wäldern wachsen Büsche und Bäume besonders schnell. Werden sie nicht regelmäßig zurückgeschnitten, wie es die Anwohner und Bauern der Region in den letzten Jahrhunderten taten, gefährden sie die fragilen künstlichen Felshänge.

In der Nähe der Nekropolis von Sovana. 
- © CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / Sidvics / via Wikimedia Commons

In der Nähe der Nekropolis von Sovana.

- © CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / Sidvics / via Wikimedia Commons

Die heute nachkommenden Generationen kümmern sich bestenfalls um ihre Weinfelder. Alles andere, so der Konsens, sei Sache der Stadtverwaltung, erklärt Luigi, während er seine prächtigen San-Giovese-Reben auf dem Gut bei Sovana im Nebel des frühen Morgens pflegt.

Doch genau für die seit vielen Jahrhunderten von den Bauern mit Stolz umsorgten Vie Cave fehlt heute das Geld in Pitigliano, Sorano oder Sovana. Archäologische Sehenswürdigkeiten gibt es in dieser Region in einer Fülle, wie sie im Rest des Landes nur selten vorkommt. Was aber die Kenner der Region noch ärgerlicher stimmt: Es gibt unzählige absurde und banale Erklärungen für die Entstehung der Hohlwege, die jährlich auf Kongressen und in Publikationen verkündet werden.

Wie der Historiker Carlo Rosati von der Cooperativa La Fortezza in Sovana festhält, reichen die Hypothesen von Kanalisationen für Regenwasser über Eselspfade und Fluchtwege hin zu ganz normalen Verbindungswegen zwischen den Orten. Ist es vorstellbar, dass die Etrusker lediglich dafür diesen enormen Arbeitsaufwand aufbrachten, der sicherlich Jahre in Anspruch nahm?

Das Hohlwege-System in Pitigliano hat, so der dort forschende Publizist Giovanni Feo, in den letzten Jahrzehnten vor allem funktionalistische und wenig befriedigende Interpretationen erfahren. Die offiziellen Darstellungen erklären sich, so Feo, aus einer tiefen Unkenntnis der mediterranen Religionsgeschichte heraus. Während die archäologische Schulmeinung über elitäre Totenkulte mit opulenten Beigaben, die aus dem Orient übernommen wurden, und religiöse Riten schnell abwinkt, fängt der Verfasser von zahlreichen Schriften über die Region Pitigliano dort an, wo die anderen aufhören. Er betreibt eine vergleichende Religionswissenschaft, die allerhand neue Erkenntnisse bietet.

Wege ins Jenseits?

So etwa die Feststellung, dass die Hohlwege eine zutiefst rituelle Funktion verkörpern. Und damit legt Feo bereits die Verbindung zu einer der wichtigsten religiösen rituellen Handlungen des Altertums im Mittelmeerraum: den Mysterien von Eleusis. Dieser Kult, der sich während der Bronzezeit in Kleinasien über sehr lange Zeit durchsetzte, hinterließ im ganzen Mittelmeerraum seine Spuren - und die etruskische Religion mit ihrem stark betonten Jenseitsglauben sei in ihren Grundzügen genau hier zuzuordnen, so Feo.

Votivtafel aus Eleusis (4. Jh. v. Chr.), das Bild zeigt vermutlich Szenen der Mysterien.  
- © CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0) / Carole Raddato from FRANKFURT, Germany / via Wikimedia Commons

Votivtafel aus Eleusis (4. Jh. v. Chr.), das Bild zeigt vermutlich Szenen der Mysterien. 

- © CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0) / Carole Raddato from FRANKFURT, Germany / via Wikimedia Commons

Es geht also um die Frage, wie die "orientalische Kultur" sich bei den Etruskern ausbreitete, und vor allem, warum diese Verbreitung stattfand und welche kulturellen Werte damit entstanden.

Warum verschwand die einheimische italische Villanova-Kultur jener Zeit und wie kam es zu einer neuen gesellschaftlichen Ordnung und Städtegründungen an der toskanischen Küste, etwa in Populonia oder Vetulonia? Sind die Thraker beziehungsweise Lydier gegen 1000 v. Chr. aus Kleinasien an die toskanischen Küsten gewandert - oder handelt es sich, wie die italienische Mainstream-Archäologie gerne argumentiert, bei den Etruskern um ein italisches Volk, das lediglich orientalische Einflüsse übernahm?

Der antike Historiker Herodot berichtet, dass Tyrrhenos, Königssohn der Lydier, die Hälfte seiner Bevölkerung nach dem Los als Auswanderer zum italischen Festland führte; sie nannten sich fortan Tyrrhenier. Aber was hat es mit der von Herodot so bezeichneten "tyrrhenischen Auswanderung" auf sich?

Opulente Grabfunde

Während der "orientalisierenden Periode" im 8. Jahrhundert v. Chr. gab es neben zahlreichen Importen aus Griechenland - zum Beispiel Vasen, Amphoren, verzierten Straußeneiern, Gegenständen aus Elfenbein oder Fayence, Kleeblattkannen, Weingefäßen und Schüsseln - eine reiche lokale Produktion, wie die Grabfunde aus Populonia und Vetulonia zeigen. Diese Zentren lieferten, wie die etruskische Sammlung im Museum von Grosseto reichhaltig dokumentiert, die ältesten Belege für überregionale Kontakte.

Viele ausgestellte Gegenstände stammen aus den reichen Gräbern mit aufwendigen Beigaben: fein ziselierter Goldschmuck, Fibeln, Spangen, Spiegel und ornamentale Fächer. Doch handelt es sich dabei um eine "Mode" oder vielmehr um einen neuen Zivilisationszyklus an der etruskischen Küste Italiens?

Giovanni Feo sieht die Ereignisse in einem weiten Rahmen. Die älteren Funde der Villanova-Kultur sind von großer Einfachheit und lassen daher auf gänzlich andere kulturelle Werte schließen. Aber entscheidend ist ihr spontanes Verschwinden. Zwischen dem 10. und dem 9. Jahrhundert v. Chr. erfuhr das Kernland der Etrusker einen rapiden Bevölkerungsschwund, während in strategisch bedeutsamen Orten direkt am Meer neue Siedlungen entstanden. Und genau über diese Periode besteht seit Jahrzehnten der Streit zwischen der alten archäologischen Schule - "Die Etrusker stammen aus Italien" - und jener Lehrmeinung, die auf eine kulturelle Migration aus Kleinasien verweist. Und zwar aus der Region am Thrakischen Meer, dort, wo sich die Inseln Lemnos und Samothrake befinden - Hochburgen der helladisch-ägäischen Religion.

Ritus des Übergangs

Auch in Etrurien spielten Rituale, die sich mit dem Jenseits und dem Geheimnis der Wiedergeburt beschäftigen, eine große Rolle. Die monumentalen etruskischen Nekropolen sind komplizierten sakralen Lehren zuzuschreiben, und da liegt es nahe, so Feo, auch die Hohlwege in Zusammenhang mit den Erdgöttinnen Kybele und Demeter zu betrachten.

Ein Hohlweg bei Pitigliano. 
- © CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0) / Sailko / via Wikimedia Commons

Ein Hohlweg bei Pitigliano.

- © CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0) / Sailko / via Wikimedia Commons

Auffällig ist zunächst eine geologische Ähnlichkeit. Auch in der anatolischen Region und den Inseln des Thrakischen Meers ist der Boden vulkanischen Ursprungs, und dort, zusammen mit Etrurien, findet sich die größte Dichte an frühzeitlicher Felsarchitektur. Und es wurde in spektakulären Umzügen die helladische Persephone, Schützerin der Erde und der Unterwelt, gefeiert. Eine Gottheit, die zunächst von den Etruskern als Phersipnai und von den Römern als Proserpina übernommen wurde.

Die Hohlwege hätten, so vermutet Feo, einem der wichtigsten Aspekte des Mysterienrituals dienen können: der rituellen Suche nach Persephone auf nächtlichen Umzügen beim Licht brennender Fackeln. Den Ausgang aus dem dunklen, engen Wegesystem zu finden, wäre somit metaphorisch für die Reise, die die Seele auf dem Weg zur Unsterblichkeit absolvieren muss. Das Durchqueren dieses Labyrinths wäre durch ein aufwendiges Ritual bestimmt. Es hätte dabei für die Teilnehmer die Funktion eines rite des passage im Sinne Mircea Eliades, um schließlich die zeitlose Dimension wiedergeborener, unsterblicher Seelen zu erreichen.

Sind also die mysteriösen Wege im tiefen Süden der Toskana Bestandteil einer sakralen Architektur, in der sich kraftvolle rituelle Umzüge abspielten, die zur Ehre der großen Göttin erfolgten - und damit an die Demeter-Kulte anknüpften, die über den erstaunlichen Zeitraum von annähernd 2.000 Jahren praktiziert wurden?

Eine faszinierende Annahme, die sicherlich noch um stichhaltige Beweise untermauert werden kann, wie der deutsche Geoarchäologe Eberhard Zangger bekennt. Er schlägt die Kriege der sogenannten Seevölker am Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr., von denen der gesamte östliche Mittelmeerraum betroffen war, als Ursache dafür vor, dass die Vorfahren der Etrusker von Kleinasien nach Italien migrierten.