Als Achtjährige erlebte Klaudia Semianiv das große Sterben in ihrem Dorf in der Oblast Charkiw. Ihre Eltern galten als Kulaken, als Feinde des Sowjetstaates. Sie wurden vollständig enteignet und durften nicht einmal das zum Überleben Allernötigste behalten. Eine Weile fristete die sechsköpfige Familie ihr Dasein von verrotteten Kartoffeln, die von einem Mistwagen stammten.

Um das Überleben der Familie zu sichern, entschloss sich der Vater, in Donezk Arbeit zu suchen. Während er abwesend war, starben innerhalb von etwa zwei Wochen zwei der Kinder. Kurz danach kehrte er völlig entkräftet zurück. Als "Kulak" hatte er keine Arbeit bekommen. Auf die Frage der Mutter, wie es nun weitergehen solle, antwortete er, dass sie ohnehin alle sterben würden. Am nächsten Morgen fand die Mutter ihn tot auf. Auch Klaudias jüngere Schwester überlebte nicht.

Klaudias Angehörige zählten zu jenen mindestens 3,5 Millionen Menschen, die 1932/33 in der Ukraine verhungerten. Für diese Hungersnot hat sich die Bezeichnung Holodomor eingebürgert, was so viel wie "Hungertod" bedeutet (zusammengesetzt aus holod, "Hunger", und mor, "Tod"). Die Sterblichkeitsrate lag im ersten Halbjahr 1933, dem Höhepunkt des Hungers, in den Oblasten Kiew und Charkiw um fast das Neunfache über der eines Normaljahres.

Verantwortlich für diese Tragödie waren Menschen, allen voran der sowjetische Diktator Josef Stalin. Gemessen an der Opferzahl (über 10 Prozent der ukrainischen Gesamtbevölkerung) ist der Holodomor als größtes Einzelverbrechen des Stalinismus anzusehen.

Nationales Trauma

Der Holodomor hinterließ eine tief traumatisierte Bevölkerung. Das ländliche Sozialgefüge der Ukraine war weitgehend zerstört, zudem waren zehntausende Angehörige der ukrainischen Intelligenzija als "Saboteure" und "Konterrevolutionäre" verhaftet und verurteilt worden. Für den noch nicht abgeschlossenen Prozess der ukrainischen Nationsbildung bedeutete das einen enormen Rückschlag.

Die Hungersnot beendete eine Phase der nationalen Konsolidierung, die in der neu geschaffenen Sowjetrepublik Ukraine nach dem Russischen Bürgerkrieg eingeleitet worden war. Unter dem Schlagwort Korenizacija ("Einwurzelung") hatte die Ukraine eine besondere Förderung erfahren: Eine "Ukrainisierung" aller Lebensbereiche sollte dazu dienen, die nichtrussischen Ethnien der UdSSR den bisher dominierenden Russen gleichzustellen und dem - wie Lenin es nannte - "großrussischen Chauvinismus" entgegenzuwirken.

Dieses nationale Aufleben der Ukraine, das Wladimir Putin zur Feststellung veranlasste, dass die Ukraine eine Schöpfung Lenins sei, erregte bald den Argwohn Stalins. Mit zunehmender Sorge betrachtete er die Bestrebungen der - wie er sie nannte - ukrainischen "Nationalkommunisten", ihren Interessen gegenüber denen der Moskauer Zentrale politisch mehr Gewicht zu verschaffen.

Propagandaplakat aus den 1930ern: "Wir vertreiben die Kulaken aus den Kolchosen!" 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Propagandaplakat aus den 1930ern: "Wir vertreiben die Kulaken aus den Kolchosen!"

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Für Stalin hatte die Ukraine als "Kornkammer" im Rahmen des ersten Fünfjahresplans eine zentrale Bedeutung. Ohne ausreichende Lebensmittelversorgung konnte die geplante Forcierung der Industrialisierung der UdSSR nicht gelingen. Durch die Kollektivierung der ukrainischen Landwirtschaft sollte die Nahrungsmittelversorgung der städtischen Industriezentren sichergestellt werden.

Um den "Klassenkampf" auch auf das Land zu tragen, verkündete Stalin 1929 die "Liquidierung der Kulaken als Klasse". "Kulak" war dabei eine völlig willkürliche Zuschreibung. Nicht nur relativ wohlhabende Bauern, sondern alle "Feinde" der sozialistischen Ordnung auf dem Land galten als "Kulaken". Sie wurden enteignet und in unwirtliche Gegenden deportiert - ein Schicksal, das in der Ukraine rund 200.000 Bauernfamilien betraf.

Bei den Bauern der Ukraine war die Tradition des Eigentums an Grund und Boden wesentlich fester verwurzelt als in Russland. Darum leisteten sie der Kollektivierung von Anfang an heftigen Widerstand. Sie sabotierten die angeordneten Getreideablieferungen, schlachteten ihr Vieh und zerstörten ihr Inventar, um es nicht dem Staat überlassen zu müssen. Dennoch erreichte die abgelieferte Getreidemenge 1931 mit über 40 Prozent der ukrainischen Gesamternte einen Rekordwert. In diesem und dem Folgejahr exportierte die UdSSR mehrere Millionen Tonnen Getreide. Mit den Erlösen wurden im Westen Maschinen und Industrieausrüstungen angekauft.

Außer Acht blieb dabei, dass die Getreideernte von 1931 bestenfalls unterdurchschnittlich war - eine Folge der "Entkulakisierung" und Zwangskollektivierung, die überall auf dem Land zu einem Rückgang der Arbeitsproduktivität geführt hatten. Für die Ernte des Folgejahres konnte das nicht ohne Auswirkungen bleiben.

Bereits ab Februar 1932 wurde von Problemen bei der Getreideversorgung berichtet. Am 10. Juni 1932 erhielt Stalin Briefe von zwei ranghohen ukrainischen Parteifunktionären, in denen darauf aufmerksam gemacht wurde, dass in 100 ukrainischen Distrikten eine Lebensmittelnothilfe erforderlich sei. Beide Schreiben wurden ignoriert und erneut wurde bekräftigt, dass an den Getreideablieferungsquoten unter allen Umständen festzuhalten sei. Schätzungsweise waren zu diesem Zeitpunkt in der Ukraine bereits 150.000 Menschen verhungert.

Krieg gegen Bauern

Die stockende Getreideablieferung - im Juli 1932 betrug die Menge nur ein Siebtel von jener des Juli 1931 - war für Stalin die Folge des Wirkens von "Konterrevolutionären" und der "Sabotage" der Bauern, nicht aber eines Mangels an Getreide. Als auch noch zahlreiche ukrainische Parteifunktionäre die Quote für 1932 als "unerreichbar" bezeichneten, festigte das bei Stalin das Zerrbild eines organisierten nationalen Widerstands in der Ukraine. Am 11. August schrieb er einem Vertrauten, dass dieser dazu führen könne, dass "wir die Ukraine verlieren".

Hungerndes Kind in Charkiw. 
- © Alexander Wienerberger / Public domain / via Wikimedia Commons

Hungerndes Kind in Charkiw.

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Um das zu verhindern, war Stalin zum "Krieg" gegen die Bauern entschlossen. Eine drastische Verschärfung stellte ein am 7. August 1932 verabschiedetes Gesetz dar. Es sah für "Diebstahl oder (...) Verschwendung sozialistischen Eigentums" eine zehnjährige Lagerhaft oder die Todesstrafe vor. Die Ukrainer nannten es "Ährengesetz", denn die meisten der mehr als 125.000 bis Dezember 1933 nach diesem Gesetz Verurteilten hatten lediglich einige Weizen- oder Roggenähren von den Feldern der Kolchosen aufgesammelt, um ihren Hunger etwas zu lindern.

Am 22. Oktober 1932 wurden in der Ukraine außerordentliche Kommissionen zur Getreidebeschaffung eingesetzt. Sie unterstanden Wjatscheslaw Molotow, dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, der Stalin absolut treu ergeben war. Was den Holodomor aber endgültig zum Hungerterror werden ließ, war der Beschluss vom 22. November über die Einführung von "Naturalienstrafen". Fortan sollte jenen Bauern, die ihr Ablieferungssoll noch nicht erfüllt hatten, das gesamte Getreide abgenommen werden. In der Praxis wurde schon bald dazu übergegangen, ihnen buchstäblich alles Essbare abzunehmen.

Als "renitente Schuldner" durften diese Bauern auch in den Kooperativläden der Kolchosen nichts mehr kaufen. Sie konnten nur versuchen, dem Hungertod durch Abwanderung in die Städte zu entgehen. Dort kamen sie meist schon so geschwächt an, dass sie bald darauf starben. "Haufenweise schleppten sich (...) Kinder durch die Straßen (...) suchten nach essbaren Abfällen [und] verendeten auf dem Wege wie wilde Tiere", berichtete ein Augenzeuge aus Charkiw. Die Leichen wurden während der Nachtstunden mit LKW aus der Stadt gebracht und in Massengräbern verscharrt.

Am 22. Jänner 1933 wurde die Abwanderung der Bauern in die Städte verboten und die Hungergebiete wurden völlig abgeriegelt. Aus einem Bericht von Anfang März 1933 geht hervor, dass innerhalb eines Monats über 219.000 Personen aufgegriffen und mehr als 186.000 von ihnen in ihre Heimatregionen zurückgebracht worden seien. Das bedeutete für diese Menschen den sicheren Tod.

Manche versuchten ihm zu entgehen, indem sie zu Kannibalen wurden. Andere meldeten sich freiwillig zur Deportation in den Norden. Klaudia Semianiv und ihre Schwestern zerrieben Wolfsmilchgewächse in ihren Händen und versuchten, den ungenießbaren Saft zu schlürfen.

Die Sowjetführung war bestrebt, den Holodomor zu verheimlichen. Einige Journalisten, wie der Brite Gareth Jones, schafften es dennoch, die internationale Öffentlichkeit über die Vorgänge in der UdSSR zu informieren. Der Österreicher Alexander Wienerberger, der in Charkiw arbeitete, brachte es sogar zuwege, von ihm heimlich gemachte Aufnahmen als Diplomatengepäck außer Landes bringen zu lassen. Er stand im Kontakt mit dem Wiener Erzbischof Theodor Innitzer, der im August 1933 in einem Artikel der "Reichspost" "die Welt gegen den Hungertod in Rußland" aufrief.

Foto von Alexander Wienerberger aus der Publikation "Muss Russland hungern?" (Wien 1935). 
- © Alexander Wienerberger / Public domain / via Wikimedia Commons

Foto von Alexander Wienerberger aus der Publikation "Muss Russland hungern?" (Wien 1935).

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Wie Putins Russland im gegenwärtigen Krieg konnte auch Stalins UdSSR auf prominente Fürsprecher im Westen zählen. Neben George Bernard Shaw zählten zu ihnen der britische Journalist Walter Duranty und der französische Politiker Édouard Herriot. Während ihrer UdSSR-Aufenthalte wollten sie keine Hungersnot bemerkt haben. Viele Staaten hatten auch kein Interesse an einer Berichterstattung über den Holodomor. Die ohnehin schwierigen Beziehungen zur UdSSR sollten nicht weiter belastet werden.

Ein Genozid?

In der Beurteilung des Holodomor gehen die Meinungen nach wie vor auseinander. In der Sowjetunion war der Holodomor jahrzehntelang ein Tabu. In Russland wird er von Politikern und Forschern meist entweder geleugnet oder als Naturkatastrophe oder eine Art bedauerlicher "Betriebsunfall" im Zuge der Kollektivierung abgetan.

Die internationale Forschung wendet sich insbesondere gegen die Gleichsetzung des Holodomor mit der Shoah, da jener keine vergleichbare Systematik der Verfolgung einer bestimmten Opfergruppe aufweise. Auch ließe sich die Zielgruppe des Holodomor nicht zweifelsfrei bestimmen. Ging es Stalin darum, die ukrainischen Bauern für ihren Widerstand mit der "Waffe des Hungers" (Zitat Stalin 1932) zu bekämpfen? Oder ging es um die Vernichtung der ukrainischen Nation als solche?

Zweifelsohne waren die meisten der schätzungsweise bis zu sieben Millionen Gesamtopfer der Hungersnot Ukrainer. Betroffen waren aber auch Deutsche, Russen und andere Ethnien an der mittleren und unteren Wolga und im Nordkaukasus. Gemessen an der Gesamtbevölkerung waren kasachische Nomaden die größte Opfergruppe. Rund ein Drittel (1,5 Millionen) von ihnen kam um.

Ungeachtet dieser Kontroversen haben sich die Menschen und die offizielle Politik der Ukraine längst ihre eigene Meinung gebildet. Der Holodomor gilt als Genozid am ukrainischen Volk. Jedes Jahr wird der Toten am vierten November-Samstag gedacht. Das Gedenken steht dabei im Zeichen der völligen Distanzierung von der sowjetischen Vergangenheit und fungiert als ein starkes einigendes Band in der noch jungen Republik Ukraine.