Ganz Frankreich stand im Jahr 1894 im Bann der Affäre Dreyfus. Der aus dem Elsass stammende jüdische Offizier Alfred Dreyfus war beschuldigt worden, für das Deutsche Reich spioniert zu haben. Obwohl die Beweislage äußerst dünn war, erhob die Militärjustiz Anklage gegen Dreyfus. Der Prozess war innerhalb von drei Tagen erledigt, das Ergebnis: Dreyfus wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel im südamerikanischen Guyana verurteilt.

Alfred Dreyfus (1859-1935). 
- © Aron Gerschel / Public domain / via Wikimedia Commons

Alfred Dreyfus (1859-1935).

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Die Berichterstattung der Zeitungen über den Fall wurde zu einem antisemitischen Feldzug, und der Jude Dreyfus diente allen politischen Gruppen - Sozialisten, Monarchisten, Konservativen - als Sündenbock für Missstände in der Republik. Wenige Wochen später wurde Dreyfus in aller Öffentlichkeit degradiert. Obwohl er noch einmal seine Unschuld beteuerte, wurden ihm vor seinen Kameraden die Epauletten von der Uniform gerissen, sein Säbel wurde zerbrochen und eine johlende Menge rief: "Tod den Juden!"

Der Fall spaltete die französische Gesellschaft zutiefst. Lange Zeit wurde Frankreich von einer heftigen Debatte über Antisemitismus und die Objektivität der Justiz erschüttert. Trotz einer antisemitischen Kampagne fast aller Zeitungen gegen ihn gewann Dreyfus immer mehr Unterstützer. Bis heute berühmt ist der offene Brief "J’accuse ...!", in dem der Schriftsteller Émile Zola das Militär und das politische Establishment anklagte, Beweise manipuliert zu haben.

Giftige Gerüchte

Durch den Druck der Öffentlichkeit und angesichts vieler Ungereimtheiten musste der Prozess neu aufgenommen werden. Im Jahr 1906 wurde Dreyfus schließlich rehabilitiert, konnte wieder seinen Dienst in der Armee antreten und wurde sogar Ritter der Ehrenlegion. Trotz dieses guten Endes steht die Affäre Dreyfus bis heute als Sinnbild für eine antisemitische Kampagne. Weit weniger ist aber bekannt, dass nur wenige Jahre später ein ähnlicher Fall Österreich bewegte.

Am Ostersonntag des Jahres 1899 wurde in der Nähe des böhmischen Städtchens Polna die Leiche der 19-jährigen Anežka Hrůzová gefunden. Untersuchungen ergaben, dass sie drei Tage zuvor ermordet worden war. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf den jüdischen Schuster Leopold Hilsner, der damals 23 Jahre alt war. Er hatte keinen sonderlich guten Ruf, galt als arbeitsscheu und hatte schon früher Mädchen nachgestellt und sie bedroht.

Leopold Hilsner (undatiert). 
- © neznámí / Public domain / via Wikimedia Commons

Leopold Hilsner (undatiert).

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Wilde Gerüchte kursierten in der kleinen Provinzstadt, und sie wuchsen von Tag zu Tag. Schon bald hieß es, dass Hilsner das Mädchen rituell ermordet hatte. Damit wurde eine seit dem Mittelalter kursierende Erzählung aufgegriffen, wonach Juden Christen töten würden, um an deren Blut zu kommen. Ihnen wurde unterstellt, das Blut für die Herstellung von ungesäuertem Brot für das Pessachfest zu verwenden. Nur ein paar Tage nach den ersten Gerüchten über einen Ritualmord kam es in Polna und anderen Ortschaften zu antisemitischen Ausschreitungen und Übergriffen.

Schon vor dem Gerichtsprozess, der in Kuttenberg/Kutná Hora stattfand, kochten die Emotionen hoch. "Der morgen beginnende Prozess gewinnt noch mehr an Bedeutung durch die wilde Propaganda, welche mit allen Mitteln betrieben wird, um den Fall zu einem Ritualmorde zu stempeln", schrieb die "Neue Freie Presse" am Tag vor dem Prozessbeginn. Es zeichnete sich ab, dass die Verhandlung für viel Aufregung sorgen würde. Die Gendarmerie in Polna wurde verstärkt und die Militärgarnison in Bereitschaft versetzt.

Der Prozess begann am 12. September und dauerte vier Tage. Zeugen berichteten von mehreren Männern, einer davon sei Hilsner gewesen, die am Tag der Tat zu jener Stelle unterwegs waren, an der das Opfer später gefunden wurde. In seinem Schlussplädoyer spielte der Staatsanwalt immer wieder auf einen Ritualmord an, ohne das Verbrechen so zu benennen. Die Wunden des ermordeten Mädchens stellte er so dar, dass es zuerst betäubt wurde und danach mit einem "charakteristischen Schnitt am Halse" getötet wurde. Da passte es gut, dass ein Zeuge angab, Hilsner mit einem Messer gesehen zu haben, das wie ein kleines Schächtermesser ausgesehen habe.

Doch das war noch nicht alles, denn nach dem Staatsanwalt kam Karel Baxa zu Wort. Er war Landtagsabgeordneter in Prag, sollte später Bürgermeister der tschechoslowakischen Hauptstadt werden und vertrat im Prozess als Anwalt die Mutter des Opfers. Baxa sprach in seinem Plädoyer vom Opfer als einer "tugendhaften christlichen Jungfrau" und von Leuten "einer anderen Rasse, Leute, die sich wie Tiere geberdeten".

Damit aber noch nicht genug, denn er war der Meinung, "dass eine Gesellschaft von Menschen unter uns ist, die unsere christlichen Mitmenschen mordet, um unser Blut zu erlangen". Ein Journalist berichtete aus dem Gerichtssaal, dass die Rede des Anwalts "nur darauf angelegt zu sein scheint, überall Exzesse gegen die Juden hervorzurufen".

Urteil und Revision

Hilsners Verteidiger Zdenko Auředníček hatte dagegen einen schweren Stand. Als er die Punkte aufzählte, welche für die Unschuld seines Mandanten sprachen, vermerkte ein Bericht aus dem Gerichtssaal "starkes Murren im Auditorium", während bei Baxas Brandrede ein "Beifallssturm" notiert wurde.

Am 16. September verurteilten die Geschworenen Hilsner wegen Mitschuld am Meuchelmord zum Tod durch den Strang. Während der Hetzer Baxa Telegramme erhielt, in denen ihm zu diesem fragwürdigen Erfolg gratuliert wurde, musste Auředníčeks Haus von der Gendarmerie bewacht werden, weil er zahlreiche Drohungen bekommen hatte.

Mit diesem Urteil war der Fall aber noch lange nicht beendet. Hilsners Anwalt legte Nichtigkeitsbeschwerde ein, der Fall polarisierte die Gesellschaft und sorgte für hitzige Diskussionen. Während etwa das "Deutsche Volksblatt" in Wien anerkennend schrieb, dass das Urteil eine "kolossale, gar nicht hoch genug zu bemessende Bedeutung für die ganze antisemitische Bewegung" habe, hieß es in der "Arbeiterzeitung": "Zu den vielen Dingen, derer sich Österreich zu schämen hat, wird auch dieser Prozeß gehören."

Tomáš Garrigue Masaryk. 
- © Lomen Brothers / Public domain / via Wikimedia Commons

Tomáš Garrigue Masaryk.

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Der wohl prominenteste Mann, der sich in dieser mehr als gespannten Lage für Hilsner einsetzte, war Tomáš Garrigue Masaryk, damals noch Philosophieprofessor der Universität Prag, später sollte er zum ersten Präsidenten der Tschechoslowakei werden. Masaryk interessierte sich zu Beginn nicht sonderlich für diese Causa und wurde erst durch einen früheren Schüler auf den Fall aufmerksam. Umso mehr engagierte er sich dann, er las kriminalistische Studien, reiste nach Polna, um den Tatort zu sehen, und veröffentlichte schließlich eine Streitschrift mit dem Titel "Die Notwendigkeit zur Revidierung des Polnaer Prozesses". In einem offenen Brief forderte er "ein gemeinschaftliches Auftreten aller" gegen den "antisemitischen Aberglauben".

Als er das Ergebnis seiner Recherchen in der einzigen tschechischen Zeitung, die sich gegen das Urteil von Kuttenberg ausgesprochen hatte, veröffentlichte, folgte ein Sturm der Entrüstung und Anfeindungen. Vor der Prager Universität kam es zu Protesten nationalistischer Studenten und Masaryks Vorlesungen wurden gestört. Dieser legte aber nach und zerpflückte in einer weiteren Publikation nicht nur viele Argumente der Anklage im Fall Hilsner, sondern auch die Legende von jüdischen Ritualmorden. Für Masaryk war der Prozess gegen Hilsner ein "kultureller, religiöser, medizinischer und juristischer Schandfleck" und er kam in seiner Schrift zu dem Schluss: "Je mehr man über den Ritualaberglauben nachdenkt, umso absurder und für unser Volk gefährlicher muss er erscheinen."

Doch mittlerweile war die Öffentlichkeit durch den Fall Hilsner aufgewühlt und die Behörden hatten alle Hände voll zu tun, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Ein Redakteur des "Deutschen Volksblattes", das sich in der Berichterstattung besonders übel hervorgetan hatte, wurde wegen tendenziöser Artikel zu einem Monat Arrest verurteilt. Politiker instrumentalisierten die Causa und im Parlament wurden heftige Debatten über den Prozess geführt. "Mit weit ausholenden Gesten schrien sich die Herren in eine blinde Wuth hinein", hieß es in einem Bericht über die Sitzung des Reichsrates, und: "Ein Strom antisemitischen Unflathes ergoß sich heute."

Späte Begnadigung

Neue medizinische Gutachten widersprachen schließlich denen des Prozesses in Kuttenberg. Der Kassationshof hob deswegen das Urteil auf und ordnete an, dass ein neues Verfahren am Gericht in Pisek stattfinden solle. Doch die Neuaufnahme des Verfahrens sollte keine Verbesserung bringen, ganz im Gegenteil. Hilsner wurde dabei nämlich noch des Mordes an einem anderen Mädchen beschuldigt, der mehr als zwei Jahre zuvor verübt worden war. Nun wurde aber nicht mehr mit einem Ritualmord argumentiert, sondern Hilsner wurden sexuelle Motive unterstellt.

Auch wenn die Beweislage in beiden Fällen mehr als dürftig war, wurde der Angeklagte neuerlich zum Tode verurteilt. Im Juni 1901 wandelte Kaiser Franz Joseph das Urteil in lebenslange Haft um. Auch wenn der Fall danach aus der medialen Aufmerksamkeit geriet, setzten sich weiterhin Menschen für Hilsner ein. Noch im Ersten Weltkrieg ersuchte etwa die Österreichisch-Israelitische Union um seine Begnadigung. Sie sollte Erfolg haben, denn nach neunzehn Jahren im Gefängnis war es so weit: Im März 1918 wurde Hilsner freigelassen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges lebte Hilsner in Wien und änderte vier Jahre später seinen Namen. Über seinen Beruf in diesem neuen Lebensabschnitt lässt sich nicht viel sagen, manche bezeichneten ihn als Handlungsreisenden, andere als Schnorrer. Im Jahr 1928 starb er im Wiener Rothschild-Spital, begraben wurde er im jüdischen Teil des Zentralfriedhofes. Auf seinem Grabstein steht: "Als unschuldiges Opfer der Ritualmordlegende schmachtete er 19 Jahre im Kerker." Im Jahr 2008 wurde vom Bundesministerium für Justiz eine Zusatztafel angebracht, auf der zu lesen ist: "Wir bedauern die Verfehlungen der Justiz. Sie sind uns Mahnung für die Zukunft."