In einem der spektakulärsten Prozesse gleich nach dem Zweiten Weltkrieg stand 1947 in Wien Guido Schmidt vor Gericht. Das wiedererstandene Österreich warf dem früheren Außenminister Hochverrat vor. Als vermeintlicher Vertrauter des diktatorischen, aber für Österreichs Unabhängigkeit eintretenden Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg habe Schmidt vor 1938 insgeheim für die Nazis und den "Anschluss" an Hitlerdeutschland gearbeitet.

Am 14. März 1947 sagte im Grauen Haus Hans Becker als Zeuge aus. Der 51-jährige KZ-Überlebende trat gleich in zwei Rollen auf: als ehemaliger Propagandachef der "Vaterländischen Front" und als späterer Anführer der Widerstandsorganisation "O5". Als Werbeleiter der Austrofaschisten habe er illegale Nazis in Wirtshäusern abhören lassen, berichtete Becker. Dort sei gesagt worden, dass "Schmidt ihr Mann" sei. Beweise für Schmidts Aktivitäten hatte er nicht.

Dass Schmidt nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland Direktor des Linzer VOEST-Vorläufers "Hermann-Göring-Werke" wurde, sah wie eine Belohnung aus. Becker wurde dagegen zusammen mit 150 weiteren Prominenten - Funktionären des Ständestaats, linken Aktivisten und jüdischen Geschäftsleuten - im ersten "Österreichertransport" in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Erfolgreiche Sabotage?

Nach tausend Tagen im KZ Anfang 1941 wieder in Freiheit, begann Becker "bereits im Mai mit der Widerstandstätigkeit", so zitierte die "Wiener Zeitung" am 15. März 1947 seine Zeugenaussage. Mit Gleichgesinnten versuchte er, Österreicher in "gehobenen Positionen" der deutschen Rüstungsindustrie zu Sabotageaktionen zu bewegen. Bei Guido Schmidt sei man abgeblitzt, doch anderswo habe man Erfolg gehabt.

So sei es gelungen, Kontakte in die geheimen Produktionszentren von Hitlers "Wunderwaffen" zu knüpfen. Diese vor allem gegen England gerichteten, damals ultramodernen Waffensysteme - der bombenbestückte Marschflugkörper V1 und die mit Überschallgeschwindigkeit fliegende Rakete V2 - hatten in der letzten Kriegsphase ganze Wohnblocks zerstört und an die 10.000 Menschen getötet.

Der Sabotage der Rüstungsproduktion durch seine Leute - etwa bei der Versorgung mit wichtigen Rohstoffen - sei es zu danken, dass die V-Waffen "erst ein Dreivierteljahr später fertig" und damit viele Menschenleben verschont wurden, sagte Zeuge Becker. Der "Wiener Zeitung" war das einen Untertitel auf Seite 1 wert: "Österreichischer Widerstand verzögerte V1 und V2". Wäre diese Geschichte wasserdicht beweisbar gewesen, so hätte sie ein ganz anderes Licht auf Beckers Organisation geworfen, die von vielen als Diskussionsklub abgetan wurde, der bloß das Protestsymbol O5 und ein paar Flugblätter hervorbrachte.

In der Flut vieler Sensationsmeldungen der Nachkriegszeit ging Beckers Aussage unter. Guido Schmidt, der alles abstritt, entging der Todesstrafe, die damals auf Hochverrat stand. Im Zweifel freigesprochen, machte er bald wieder Karriere in der österreichischen Industrie. Hans Becker geriet dagegen in Vergessenheit.

- © Czernin
© Czernin

Dabei verlief sein Leben, das ich in einem eben erschienenen Buch nachzeichne, extrem abenteuerlich, als wäre Becker Protagonist einer Netflix-Serie. 1895 als Sohn eines adeligen Marineoffiziers im damals österreichischen Istrien geboren, schloss er sich im Ersten Weltkrieg der Fliegertruppe an und überlebte als einer von wenigen seiner Einheit. Österreichs Niederlage im Ersten Weltkrieg machte aus ihm bloß einen weiteren Kriegsverlierer; der Adel war abgeschafft. Becker erprobte mehrere Berufe gleichzeitig. Er begann Studien als Architekt und bildender Künstler, wechselte dann in den Finanzsektor. Groß und gutaussehend, bewegte er sich im liberalen Künstlermilieu und war mit einer Tänzerin aus großbürgerlich-jüdischem Haus liiert.

Als beruflich der Erfolg ausblieb, ging er für mehrere Jahre nach Südamerika, arbeitete dort als Landvermesser und im Eisenbahnbau. Riskante Einsätze in Paraguay verlangten ihm eine "doppelte Dosis von Diplomatie und Furchtlosigkeit" ab, wie Becker später schrieb. In entlegenen Urwäldern traf er auf bisher noch nicht kontaktierte Indigene; ihm unterstellte Holzfäller hatte er auch dann zu bändigen, wenn sie bewaffnet und schwer betrunken im Camp herumtobten.

Propaganda für Dollfuß

1927 kam Becker nach Europa zurück und hatte in München gleich zwei Begegnungen mit Adolf Hitler, der ihm als "besonders gefährlicher Halbnarr" erschien. Becker "wurde dort aufgrund seiner Eindrücke Gegner des Nazismus", schrieb die "Wiener Zeitung" 1947 über den Gerichtszeugen. Nicht erwähnt wurde, dass Becker dann in Österreich - nach Absolvierung eines Hochschulkurses für Werbung und Erfolgen als Kunstmaler im "Hagenbund" - im März 1933 als Journalist in die Redaktion der "Wiener Zeitung" aufgenommen wurde.

Hans Becker zur Zeit des Ersten Weltkriegs. 
- © Privatarchiv Franka Lechner

Hans Becker zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

- © Privatarchiv Franka Lechner

Becker trat seinen Dienst beim Regierungsblatt in den Tagen an, als Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament ausschaltete und diktatorisch regierte. Statt sich auf die Arbeit als Zeitungsjournalist zu konzentrieren, bot sich Becker der Regierung als Werbefachmann an. Als Dollfuß nach der Ausschaltung des Parlaments die erste Rundfunkrede hielt, soll Becker bereits am Entwurf mitgearbeitet haben. Kurz darauf war er "Werbechef" der neuen, an den Mussolini-Faschismus angelehnten Einheitspartei, der "Vaterländischen Front".

Ähnlich wie Karl Kraus unterstützte der zuvor liberale Konservative Becker den autoritären Kurs von Dollfuß, weil er "in klarer Erkenntnis der nazistischen Gefahr" für Österreichs Eigenstaatlichkeit eintreten wollte. Die Abschaffung der Demokratie und die Verfolgung aller Linken nahm er hin, wenn er auch darauf drängte, die Arbeiterschaft in den Kampf gegen die Nazis einzubeziehen. Dass er heimlich Mitglied der im Ständestaat verpönten Freimaurer war, ist ein Indiz dafür, dass Becker dem katholischen Fundamentalismus des Regimes innerlich fernstand.

Nach außen trug er aber als Propagandaleiter der "Vaterländischen Front" die Abschaffung der Pressefreiheit mit und versuchte den Rundfunk, das damals modernste Medium, unter seinen Einfluss zu bekommen. Ein durchgehendes "politisches Eingriffsrecht" in alle Medien, wie es Joseph Goebbels in Nazideutschland besaß, hatte Becker aber nicht. "Eine direkte monopolistische Agentur, analog dem Goebbelschen Propagandaministerium, existierte in Österreich zu keinem Zeitpunkt", konstatierte der Medienwissenschafter Theo Venus.

Noch bis kurz vor dem "Anschluss" hielt Becker im Radio Brandreden gegen Hitler, was ihn danach gleich ins KZ brachte. In Dachau mit Schwerstarbeit, mangelnder Ernährung und von sadistischen SS-Wächtern gequält, erfasste die Häftlinge in den wenigen freien Stunden der "Geist der Lagerstraße": Angesichts der "konsequenten Despotie" der Nazis hätten einander dort Österreicher aller politischen Richtungen getroffen, um eine gemeinsame und demokratische Zukunft des Landes zu planen, schrieb Becker später. Er gehörte zu jenen, die sich schworen, nach einer Freilassung aus dem KZ aktiv gegen Hitlers Machtapparat zu kämpfen.

Aktiv im Untergrund

1941 war es so weit. Becker kam frei und nahm zu anderen Hitler-Gegnern Kontakt auf. Sie hielten geheime Treffen ab und verfassten Flugblätter. Die Gruppe hatte auch Kontakt zu Ärzten, die Nazigegner für den Kriegsdienst untauglich schrieben. Zivilisten in wichtigen Positionen der Rüstungsindustrie wurden zu Sabotageakten animiert. Einzelne Hitler-Hasser in der Wehrmacht versorgten die Gruppe mit gefälschten Ausweisen, die im braunen Überwachungsstaat eine gewisse Reisefreiheit erlaubten.

Emissäre des Widerstands nahmen Kontakt zu ausländischen Gruppen und zu den Alliierten auf. Dabei tat sich der blutjunge Fritz Molden hervor, der spätere Zeitungsmann und Buchverleger, der damals in der Schweiz und Frankreich mit Amerikanern und Russen sprach.

Der "O5"-Schriftzug am Wiener Stephansdom. 
- © Erhard Stackl

Der "O5"-Schriftzug am Wiener Stephansdom.

- © Erhard Stackl

Ziel der Untergrundorganisation, die sich gegen Kriegsende "O5" nannte (O und E, der fünfte Buchstabe des Alphabets, für "Oesterreich"), war es, einen Volksaufstand zu entfachen, um Wien und andere Städte den Befreiern kampflos zu übergeben. In Wien, wo O5 mit einer von Major Carl Szokoll geleiteten Widerstandszelle im Militär kooperierte, war die Planung bereits weit fortgeschritten, als die Verschwörung aufflog. Mehrere Widerständler wurden sofort hingerichtet, Becker kam nach Mauthausen und damit neuerlich ins KZ.

Nach der dann doch blutig verlaufenen "Schlacht um Wien" öffnete O5 im Palais Auersperg ein Büro, das als Brutkasten für das neugeborene Österreich dienen sollte. Dort erschienen auch unpolitische Jobsucher und dubiose Glücksritter, die den Ruf der O5 nachhaltig beschädigten. Parteipolitiker aller Richtungen bauten die Zweite Republik ohne sie auf. Kommunisten und Revolutionäre Sozialisten, die im Kampf gegen das Hitlerregime zweifellos die meisten Opfer gebracht hatten, blickten zum Großteil mit Verachtung auf den "bürgerlichen" Widerstand.

Diplomat in Chile

Daran änderte sich auch nichts, als Hans Becker, von den Amerikanern in Mauthausen befreit, wieder nach Wien kam und in Vorträgen von der Bedeutung des gesamten Widerstands sprach. Er versicherte, dass in seiner Organisation neben ehemaligen Adeligen und Bürgerlichen auch Sozialdemokraten und einzelne Kommunisten mitmachten. Erwähnenswert ist auch, dass drei spätere Vertraute Bruno Kreiskys - Hans Thalberg, Kurt Grimm und Ernst Lemberger - O5-Verbindungsleute waren.

Die Familie Becker 1948. 
- © Privatarchiv Franka Lechner

Die Familie Becker 1948.

- © Privatarchiv Franka Lechner

Becker, der ein Regierungsamt erhofft hatte, ging leer aus und wechselte in die Diplomatie. 1948 amtierte er als österreichischer Geschäftsträger in Santiago de Chile, als ihn am 16. Dezember ein ukrainischer Flüchtling aus lange ungeklärten Gründen in der Gesandtschaft erschoss.

Im Wiener Stephansdom gab es ein Requiem für Becker, die Medien berichteten ausführlich über den "führenden Mann des Widerstands". In der "Wiener Zeitung" wurde hervorgehoben, dass ihr früherer Mitarbeiter noch kurz vorher, am 28. November, im Blatt einen ausführlichen Artikel über "Lateinamerikas Wirtschaftslage" veröffentlicht hatte. Darin stellte Becker fest, dass Österreichs Exportwirtschaft in Lateinamerika "viele Chancen verpasst" habe.

Das stimmt noch immer. Auf das "ehrende Angedenken", das die "Wiener Zeitung" Hans Becker im Nachruf versprach, wartet man dagegen noch heute.