Der Tod von Bundespräsident Karl Renner am 31. Dezember 1950 löste eine Diskussion über die geeignete Form der Wahl eines Nachfolgers aus. Renner war 1945 von der Bundesversammlung gewählt worden. Sollte der nächste Bundespräsident direkt vom Volk oder noch einmal von der Bundesversammlung gewählt werden? Bereits am 12. Jänner 1951 fand im Nationalrat die erste Lesung eines gemeinsamen Antrages von ÖVP und SPÖ für die Volkswahl des Staatsoberhauptes statt. Somit konnten die Österreicher zum ersten Mal in der tausendjährigen Geschichte ihres Landes das Staatsoberhaupt direkt wählen.

Der ÖVP-Kandidat stand sehr bald mit dem oberösterreichischen Landeshauptmann Heinrich Gleißner fest. In der SPÖ war die Kandidatensuche etwas komplizierter. Angeblich hatte Renner Innenminister Oskar Helmer als Nachfolger präferiert, gegen den allerdings vorgebracht wurde, seine Wahl würde angesichts seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht möglicherweise zu Konflikten mit Moskau führen, was die Verhandlungen über den heißersehnten Staatsvertrag, der 1955 unterzeichnet werden sollte, erschweren könnte. Auch der Linzer Bürgermeister Karl Koref wurde als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt.

Heinrich Gleißner, ÖVP-Präsidentschaftskandidat bei der Wahl 1951. 
- © Fotograf im Auftrag der United States Information Agency (Pictorial Section der Information Services Branch (ISB)), Public domain, via Wikimedia Commons

Heinrich Gleißner, ÖVP-Präsidentschaftskandidat bei der Wahl 1951.

- © Fotograf im Auftrag der United States Information Agency (Pictorial Section der Information Services Branch (ISB)), Public domain, via Wikimedia Commons

Man entschied sich letztlich auf Vorschlag Helmers für den Wiener Bürgermeister Theodor Körner, der immerhin bereits 78 Jahre alt war. Für ihn setzte sich insbesondere der mächtige Minister für die verstaatlichten Betriebe, Karl Waldbrunner, ein. Parteiintern setzte man auf die Popularität Körners, glaubte aber nicht an einen Wahlsieg. Man hielt es in der SPÖ-Führung damals für nicht vorstellbar, dass ein Sozialist, noch dazu ein hochbetagter, in einer bundesweiten Volkswahl eine Mehrheit erreichen könnte.

Körner selbst zweifelte an seiner Kandidatur. In einem Brief an Vizekanzler und SPÖ-Vorsitzenden Adolf Schärf schrieb er: "Deine Bemerkung, dass ich ja nur ein Zählkandidat sei, ist gewiss beruhigend, aber der Teufel schläft nicht."

Neben Gleißner und Körner kandidierten der Chirurg und Präsident des Roten Kreuzes, Burghard Breitner, für den VdU, den Vorläufer der FPÖ, sowie der Gewerkschafter Gottlieb Fiala für die KPÖ und die beiden Parteilosen Johannes Ude sowie Ludovica Hainisch-Marchet.

Anfangs verlief der Wahlkampf fair und ruhig, was sich nach dem ersten Wahlgang am 6. Mai dramatisch änderte. Heinrich Gleißner (1.725.451 Stimmen und 40,1 Prozent) und Theodor Körner (1.682.881 Stimmen und 39,2 Prozent) qualifizierten sich erwartungsgemäß für die Stichwahl.

Jetzt wurden die Karten neu gemischt. Herbert Kraus, der Bundesobmann des VdU, und Gustav Canaval, der einflussreiche Herausgeber und Chefredakteur der "Salzburger Nachrichten", setzten sich für die Wahl Gleißners ein. Die KPÖ und der ausgeschiedene Präsidentschaftskandidat Ude empfahlen die Wahl Körners.

Die ÖVP war siegessicher und setzte voll auf eine Polarisierung: Körner repräsentiere eine marxistische Volksfront aus Sozialisten und Kommunisten. Für Gleißner müssten somit alle votieren, die keinen roten Bundespräsidenten wollen. Die Volkspartei rechnete damit, dass sich ein überwiegender Teil der Breitner-Wähler des ersten Wahlganges für den bürgerlichen Gleißner entscheiden würde.

Theodor Körner, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1947, als er noch Wiener Bürgermeister war. 
- © Wiener Stadt- und Landesarchiv, gemeinfrei

Theodor Körner, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1947, als er noch Wiener Bürgermeister war.

- © Wiener Stadt- und Landesarchiv, gemeinfrei

Julius Raab, der Obmann des ÖVP-Parlamentsklubs, der schon bald Bundeskanzler Leopold Figl als Chef der Volkspartei ablösen sollte, setzte auf die berühmte "Rote Katze"-Propagandawalze: "Sozialisten und Kommunisten reichen einander in einer Entscheidungsstunde die Hände, um ihr gemeinsames Ziel, die Errichtung der roten Diktatur, auch gemeinsam zu erkämpfen."

Achse Figl-Körner

Die Pikanterie dabei: ÖVP-Kanzler Figl und SPÖ-Präsidentschaftskandidat Körner verband eine enge persönliche Freundschaft. Das hinderte die ÖVP-Propagandisten aber nicht daran, an das Jahr 1934 zu erinnern und Körner als Schutzbund- und Bürgerkriegsgeneral anzugreifen. Die Sozialisten ihrerseits machten die Wähler darauf aufmerksam, dass Gleißner ein prominentes Mitglied des klerikal-autoritären Dollfuß-Regimes gewesen sei, und stellten dessen demokratische Gesinnung in Frage.

So etwas wie ein Fairnessübereinkommen kannte man in diesem Wahlkampf vor 71 Jahren noch nicht, wiewohl solche Parteienvereinbarungen später auch keine Garantie für einen sauberen Wahlkampf waren. Jedenfalls war die Auseinandersetzung zwischen den beiden traditionellen politischen Lagern besonders hässlich. Sowohl Gleißners als auch Körners Patriotismus wurde angezweifelt. Theodor Körner geißelte die ÖVP als "Partei des Profits", die niemals die Hüterin des "wahren Österreichertums" sein könne. "Gleißner für die Preistreiber, Körner für alle Österreicher", titelte eine SPÖ-Zeitung. Das "Kleine Volksblatt" der ÖVP wiederum schrieb: "Wer Körner wählt, stimmt mit der KPÖ."

Nicht nur die ÖVP, auch die SPÖ warb um die Stimmen der Breitner-Wähler des ersten Wahlganges. In einer Wahlrede sagte Körner: "Kleine Leute, Rentner, kleine Geschäftsleute, Wohnungssuchende, aber auch schwer getroffene Nationalsozialisten - diesen allen kann ich nur empfehlen: Wählen Sie in der Stichwahl jenen Kandidaten, dessen Partei die sozial Bedürftigen, das arbeitende und das leidende Volk vertritt - die Sozialistische Partei!"

Als am 27. Mai die Stimmen ausgezählt waren, erfuhr das staunende Wahlvolk dieses Ergebnis: Theodor Körner bekam 2.178.631 Stimmen, was 52,1 Prozent entspricht. Auf Heinrich Gleißner entfielen 2.006.322 Stimmen, was 47,9 Prozent ausmacht. Von den Breitner-Wählern, die wieder zu den Urnen gegangen waren, stimmten rund 60 Prozent für Körner und nur 40 Prozent für Gleißner.

"Lieber rot als schwarz"

Viele nationale VdU-Sympathisanten wählten offenbar lieber einen roten General als einen Kandidaten der "klerikalen" ÖVP. "Lieber rot als schwarz" lautete bald ein Stehsatz, der die Laizität des "dritten Lagers" beschrieb. Schon die Nationalratswahl des Jahres 1949 hatte der ÖVP, die 5,8 Prozent an Stimmen verlor, während das "dritte Lager" auf 11,8 Prozent kam, signalisiert, dass rechts der Mitte eine starke politische Kraft und damit ein direkter Konkurrent entsteht.

Der gewählte Bundespräsident Theodor Körner verfolgte am Wahlabend eine "Fidelio"-Aufführung der Staatsoper im Theater an der Wien, ehe er sich in das Innenministerium begab. Als er dort jubelnd empfangen wurde, soll er zu seinen Parteifreunden gesagt haben: "Ihr habt’s mir doch versprochen, dass ich nicht gewählt werde!" Da an diesem Wahlsonntag auch im Wiener Stadion ein Fußball-Länderspiel zwischen Österreich und Schottland stattfand, das mit einem Sieg der Heimmannschaft endete, konnte man am nächsten Tag in der kommunistischen "Volksstimme" lesen: "Gleißner und Schottland geschlagen!"

"Wahlen haben Konsequenzen", so heißt ein altes Sprichwort. Im Fall der Bundespräsidentenwahl 1951 bedeutete dies, dass in der ÖVP Spitzenmann Leopold Figl für die Niederlage von Heinrich Gleißner verantwortlich gemacht wurde. Nicht nur in der steirischen Volkspartei, in der man sich um eine Verständigung mit dem nationalen Lager bemühte, gab es Kritik an der Parteiführung. ÖVP-Funktionäre in den westlichen Bundesländern monierten, dass Bundeskanzler Figl zu nachgiebig gegenüber dem Koalitionspartner SPÖ sei. Dass man die politische Zuständigkeit für die verstaatlichten Betriebe in der Bundesregierung den Sozialisten überantwortet hatte, gefiel wiederum dem ÖAAB nicht.

Es braute sich in der ÖVP also etwas zusammen, und die "Salzburger Nachrichten" des Gustav Canaval, der einen engen Draht zu Julius Raab hatte, forderten, endlich "reinen Tisch" zu machen. Bald schon gab es Konsequenzen: Bundeskanzler Leopold Figl, der auch Bundesparteiobmann war, und Unterrichtsminister Felix Hurdes, der auch Generalsekretär war, bekamen geschäftsführende Vertreter: Julius Raab, der "starke Mann" der ÖVP, übernahm Figls Parteifunktion, Alfred Maleta die von Hurdes.

Es wurde ein ÖVP-Reformkurs formuliert, den man mit dem Slogan "Leistungsdenken statt Nivellierung" umschreiben kann. Einer Regierungsumbildung unter Kanzler Figl folgte auf dem Parteitag 1952 die definitive Wahl Raabs zum Parteiobmann. Am 2. April 1953 wurde Julius Raab als Nachfolger seines Freundes Leopold Figl, den er bald zum Außenminister machen sollte, neuer Bundeskanzler. Bundespräsident Körner hatte es fortan mit Raab zu tun.

Generalstabsoffizier

Theodor Körner, Jahrgang 1873, Edler von Siegringen, war ein Großneffe des gleichnamigen Dichters. Der Absolvent der Theresianischen Militärakademie besuchte die k.u.k. Kriegsschule, wurde Generalstabsoffizier und konzipierte im Ersten Weltkrieg die Operationspläne für die Verteidigung in den Isonzo-Schlachten. Ende 1917 wurde er Generalstabschef aller in der als 1. Isonzo-Armee zusammengefassten Streitkräfte. Später wirkte er als General am Aufbau des Bundesheeres der Ersten Republik mit.

Theodor-Körner-Statue von Hilde Uray, Rathausplatz, Wien 
- © Wolfgang H. Wögerer, , CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Theodor-Körner-Statue von Hilde Uray, Rathausplatz, Wien

- © Wolfgang H. Wögerer, , CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

1924 trat Körner der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei, wurde Vertreter Wiens im Bundesrat und Berater des Republikanischen Schutzbundes. In der Nazizeit wurde er nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet, aber bald wieder freigelassen, weil man ihm seine Kontakte zum Widerstand nicht nachweisen konnte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Körner Abgeordneter zum Nationalrat und Wiener Bürgermeister.

Nun als erster vom Volk direkt gewählter Bundespräsident in der Hofburg gelandet, empfahl ihm Vizekanzler Adolf Schärf den jungen, aus der schwedischen Emi-gration zurückgekehrten Diplomaten Bruno Kreisky als Berater in der Präsidentschaftskanzlei. Dort wirkte der spätere Außenminister, SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler bis 1953, als er Staatssekretär im Außenamt wurde.

Es war der 22. Juni 1951, als Kreisky, gerade vierzig Jahre alt, Kabinettsvizedirektor in der Präsidentschaftskanzlei wurde: "Damit war ich praktisch der zweite Mann unmittelbar nach dem Kabinettsdirektor, einem alten österreichischen Aristokraten, dem Baron Klastersky. Ich sollte mich ausschließlich um die politischen Dinge kümmern. Die Reden des Bundespräsidenten wurden von einem altösterreichischen Journalisten, dem Hofrat Josef Carl Wirth, geschrieben, der schon während des Ersten Weltkrieges ein bedeutender Mann im Kriegspressequartier gewesen war. Klastersky, Wirth und ich begleiteten den Bundespräsidenten auch auf seinen Reisen."

Die Nationalratswahl 1953 machte die SPÖ zur stimmenstärksten Partei, wenngleich die ÖVP aufgrund des Wahlrechts ein Mandat mehr hatte. Julius Raab vereinbarte für die ÖVP mit dem neuen Führer des VdU, Max Stendebach, eine Drei-Parteien-Koalition. Laut Kreisky wollte Raab mit diesem Manöver die schwere Niederlage der ÖVP camouflieren: "Die Gespräche zogen sich über Wochen hin, und abermals bewährte sich das hohe Ansehen, das dem Amt des Bundespräsidenten zusteht. Das erste Mal war es Bundespräsident Renner gewesen, der Figl mitgeteilt hatte, er werde den damals wegen schwerer Korruptionsvorwürfe ins Gerede gekommenen Minister Krauland nicht ernennen. 1953 erklärte nun Körner, dass er für eine Dreierkoalition nicht zu haben sei."

Politischer Faktor

Offenbar wollte Raab durch eine Einbeziehung des VdU in eine Dreierkoalition eine stärkere Machtstellung der SPÖ vereiteln. Körner argumentierte, der VdU sei keine staatserhaltende Partei, wenn einer ihrer Abgeordneten offen schreibt, "dass kein vernünftiger Mensch an der Notwendigkeit einer Änderung der bisherigen wirtschaftlichen und politischen Staatsform zweifeln kann".

Und ganz dezidiert hielt der Bundespräsident fest: "Ich werde deshalb unter den gegebenen Verhältnissen niemals einem Vertreter dieser Partei in der Regierung zustimmen." Gegenüber Raab deutete Körner sogar an, er könnte auch einen Sozialisten mit der Regierungsbildung beauftragen: "Ich werde mir ernstlich überlegen, ob mir nicht, wenn alle bisher von der ÖVP vorgeschlagenen Männer eine Zweierkoalition nicht zustande bringen, die Gerechtigkeit gebietet, dass die gleichstarke Partei auch zum Zuge kommt." Bald sollte die erste Regierung Raab als Neuauflage einer ÖVP-SPÖ-Koalition gebildet werden, was in der Öffentlichkeit so kommentiert wurde, dass Körner gezeigt habe, dass in einer Krise mit ihm als politischer Faktor zu rechnen sei.

Am 28. Juli 1956 erlitt der Bundespräsident in Mürzsteg einen schweren Schlaganfall. Er erholte sich halbwegs und führte seine Amtsgeschäfte fort bis zu seinem Tod am 4. Jänner 1957. Theodor Körner, der ein Bindeglied zwischen der Monarchie und der Republik war, wurde in einem der zahlreichen Nekrologe "Edelmann und Demokrat" genannt. Sein Begräbnis brachte mehr Menschen auf die Straßen Wiens, als man bei Leichenbegängnissen seit jenem von Kaiser Franz Joseph 1916 je gesehen hatte.

Übrigens war an der Beerdigung von Bundespräsident Körner, der sich selbst als "Gesinnungssozialist" bezeichnet hatte, auch die katholische Kirche beteiligt, was damals keine Selbstverständlichkeit war. Der seit kurzem amtierende neue Wiener Erzbischof hieß Franz König und war wie Körner ein Brückenbauer.