Friedlicher Widerstand gegen das NS-Terrorregime, vier Jahre unmenschlicher Qualen in Gefängnissen, begleitet von tragischen familiären Umständen - und schließlich Hinrichtung durch das Fallbeil. Das ist in kürzester Form die Schilderung des Schicksals von Jakob Kastelic, einer der wichtigsten Persönlichkeiten des Kampfes gegen den Nationalsozialismus und für ein freies Österreich, der vor 125 Jahren in Penzing im 14. Wiener Gemeindebezirk zur Welt kam. Kürzlich wurde vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Trogergasse 3 in Wien ein "Stein der Erinnerung" enthüllt.

Über sein Leben könnten Bücher geschrieben werden, hier kann es nur sehr gerafft wiedergegeben werden: Jugend in ärmlichen Verhältnissen, vorzüglicher Schüler, 1915 Kriegsmatura mit Auszeichnung, sofort zum Militär, auch dort mit vorzüglicher Beurteilung, 1916 Verletzung und Lungendurchschuss, hohe Kriegsauszeichnungen, juristisches Studium an der Wiener Universität, Promotion 1924.

Beruflich keine einfache Zeit, Rechtskonsulent verschiedener katholischer Vereine, 1934 endlich fixe Anstellung beim Österreichischen Arbeitsdienst, den er mit aufbaute. Aktiv schon sehr früh in katholischen Jugendorganisationen, vor allem für die Jungarbeiter. Von Anfang an aktiv bei den Ostmärkischen Sturmscharen des Kurt Schuschnigg, einer katholischen Kulturorganisation, und 1933/34 deren Wiener Landesführer. Ehrenamtlich aktiv in christlichen Sportorganisationen.

Jakob Kastelic (1897-1944). 
- © Familie Kastelic

Jakob Kastelic (1897-1944).

- © Familie Kastelic

Immer im engsten Kontakt mit den kirchlichen Stellen und Organisationen. Seit 1924 Mitglied der Christlichsozialen Partei, kandidierte Kastelic für den Wiener Gemeinderat und 1930 bei den letzten Nationalratswahlen. 1937 Hochzeit mit seiner Frau Maria, die ihm zwei Söhne, Norbert (1938) und Gerhard (1940) schenkte.

Schon in diesen Jahren übte Kastelic in seinen Reden - und deren hielt er viele - scharfe Kritik am Nationalsozialismus. Antisemitismus lehnte er ab, denn "es wäre unkatholisch, einen Menschen nur deswegen, weil er einer anderen Rasse oder Bevölkerungsgruppe angehört, zu verdammen", so Kastelic 1933.

Mit dem Einmarsch von Hitlers Truppen und dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich begann der Abschnitt des Leids in Jakob Kastelic’ Leben. Sofort wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Bald nach der Besetzung Österreichs suchte er Kontakt zu Gleichgesinnten (auch zu ehemaligen politischen Gegnern - außer Kommunisten), die die Herrschaft der Nationalsozialisten ablehnten.

Andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verhielten sich genau gegenteilig. Etwa Karl Renner, der in einem Interview mit der "Neuen Wiener Zeitung" kurz vor der "Anschluss"-Abstimmung freiwillig bekannte: "Ich stimme mit Ja" - und den "Anschluss" als "wahrhafte Genugtuung" bezeichnete. Er rief nicht einfach auf, für den "Anschluss" zu stimmen, sondern "für Großdeutschland und Adolf Hitler". Damit durfte er die gesamte Zeit der Nazi-Herrschaft weitgehend unbehelligt in seinem Haus in Gloggnitz verbringen.

Ganz anders Kastelic. Erste Zusammenkünfte seines Widerstands fanden bereits ab November 1938 statt. Er nannte seine Gruppe "Großösterreichische Freiheitsbewegung", die nicht für den gewaltsamen Widerstand eintrat, sondern Überlegungen für die Zeit nach dem Ende des Nazi-Terrors anstellte. Die Idee war etwa eine Donauföderation unter Einschluss Bayerns.

Schauspieler-Verrat

Neben der Freiheitsbewegung des Jakob Kastelic gab es noch die "Österreichische Freiheitsbewegung" des Rechtsanwalts Karl Lederer und die "Freiheitsbewegung Österreich" des Klosterneuburger Chorherrn Karl Roman Scholz.

Im April 1940 gelang es Kastelic, Verbindung zu den anderen Freiheitsbewegungen aufzunehmen, die ersten Besprechungen fanden in seiner Wohnung statt. Alle zusammen zählten etwa 240 Mitglieder. Man erschöpfte sich in theoretischen Diskussionen, was man tun könnte, ohne dass konkrete Aktionen gesetzt wurden. Über die Gruppe Scholz kam ein Spitzel in den Kreis, nämlich der Burgschauspieler Otto Hartmann, der immer wieder nach Gewalt drängte, was von den anderen mit Hinweis auf ihre christliche Gesinnung abgelehnt wurde.

Durch den Verrat Hartmanns wurden diese Widerstandsgruppen im Juli 1940 verhaftet; Jakob Kastelic am 23. Juli 1940 an seinem Urlaubsort Schönberg am Kamp durch die Gestapo. Ab da begann für Kastelic ein Leidensweg von einem Gefängnis ins andere mit schwersten gesundheitlichen Schädigungen, nur seine tiefe Religiosität ließ ihn diese Torturen ertragen.

Der Spitzel Hartmann wurde 1947 zu lebenslänglichem Kerker verurteilt, 1959 aber aus Gesundheitsgründen begnadigt.

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung erwartete Kastelic’ Frau gerade das zweite Kind, sie selbst starb schon kurz darauf am 25. Jänner 1941, als die Kinder noch sehr klein waren. Kastelic durfte nicht einmal an ihrem Begräbnis teilnehmen. Anfangs kümmerten sich Mutter und Schwester von Jakob Kastelic um die beiden Söhne, später nahm sich die Braut eines Mitangeklagten von Kastelic, Anna Hanika, der beiden Buben wie eine Mutter an. Ihr Bräutigam wurde ebenfalls hingerichtet.

Franz Schausberger (l.) mit den Söhnen von Jakob Kastelic bei der Gedenkstein-Feier. 
- © privat

Franz Schausberger (l.) mit den Söhnen von Jakob Kastelic bei der Gedenkstein-Feier.

- © privat

Jakob Kastelic wurde am 1. März 1944 in einem Volksgerichtsprozess in Wien wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Wiederaufnahmeanträge und ein Gnadengesuch seiner betagten Mutter wurden abgewiesen. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gab es schon gar keine Gnade mehr. Am 2. August 1944 wurde er nach vierjähriger Kerkerhaft durch das Fallbeil hingerichtet. "Vorbildlich fromm, vollends ergeben in Gottes Willen starb er gefasst und gottergeben wie ein Heiliger", schrieb der Seelsorger im Wiener Landesgericht, Eduard Köck.

Alles das ist zutiefst berührend und bedrückend in der Diplomarbeit von Stephan Kastelic, eines Enkels von Jakob Kastelic, aus dem Jahr 1993 beschrieben und dokumentiert. Die Nachricht von seinem Tod erhielten die Angehörigen erst sechs Wochen später, seinen Leichnam fand man nach Kriegsende in der Wiener Anatomie.

Am 2. August 1945 veranstaltete die Österreichische Volkspartei, Bezirksleitung Penzing, im Kalasantinerkollegium in der Reinl-gasse eine Gedenkstunde für Jakob Kastelic. Unter den zahlreichen Teilnehmern waren Minister Hans Pernter, Bruno Schmitz - Sohn des früheren Wiener Bürgermeisters Richard Schmitz und selbst 1945 aus dem KZ Mauthausen befreit - und Karl Rössel-Majdan, ebenso 1940 verhaftet, ihm gelang die Flucht und er überlebte als U-Boot. Rechnungsrat Hubert Knauer, ein Kamerad des Ermordeten, hielt eine ergreifende Gedenkrede, die in dem Satz gipfelte, dass wir Lebende dazu berufen seien, das Vermächtnis der Toten zu erfüllen.

Langer Trauerzug

Schließlich fand am 27. Oktober 1945 am Penzinger Friedhof unter großer Teilnahme der Bevölkerung die Beerdigung von Jakob Kastelic in Anwesenheit von Vizebürgermeister Leopold Kunschak, Unterstaatssekretär Karl Lugmayer und weiterer Persönlichkeiten statt. In der Friedhofskapelle nahm Prälat Josef Wagner die Einsegnung vor und dann nahm der lange Trauerzug, in den sich auch viele Vertreter der österreichischen Freiheitsbewegung einreihten, seinen Weg zur letzten Ruhestätte. Am Grab sprach Leopold Kunschak.

Die ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich unter der Leitung der beiden betagten Söhne Kastelic’, Norbert und Gerhard, halten die Erinnerung an alle, die für die Freiheit Österreichs sterben mussten, hoch.

Dies ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich mit dem zeitlichen Abstand zu den furchtbaren Ereignissen die Erinnerung an die Martyrien verblasst und gerade die junge Generation nicht mehr wissen kann, was es heißt, für den Einsatz für die Freiheit der Heimat sterben zu müssen. Und auch, weil es genügend Selbstgerechte gibt, die in einseitiger Geschichtsbetrachtung die vielen furchtbaren Opfer des Nationalsozialismus auf christlich-katholisch-konservativ-bürgerlicher Seite am liebsten in der Versenkung der historischen Vergessenheit verschwinden lassen würden. Die Anwesenheit von Vertretern der Sozialdemokratie und der Grünen beim Gedenkakt für Jakob Kastelic lässt freilich hoffen.