Es ist die Momentaufnahme jenes Tages, an dem ein Stadtviertel zugrunde ging: Archäologinnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben ein frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel mit zahlreichen Fundstücken in hervorragenden Erhaltungszustand gefunden und freigelegt. Das Areal wurde im Jahr 614/615 offenbar plötzlich zerstört und blieb bis heute verschüttet. Soweit sind 170 Quadratmeter freigelegt und die Funde, wie Ampullen, Amphoren und eine Geschäftskasse mit über 400 Kupfermünzen, sortiert. Unter der Erde liegen noch weitere Räumlichkeiten in Schutt und Asche.

"Das Viertel ist die bedeutendste Entdeckung in Ephesos, seit vor 50 Jahren die (heute berühmten, Anm.) Hanghäuser gefunden wurden", sagt Grabungsleiterin Sabine Ladstätter, Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI). "Alles, was hier gefunden wurde, war in Gebrauch."

Zur Einordnung: Ephesos war im Altertum eine der ältesten, größten und bedeutendsten Städte Kleinasiens und beherbergte mit dem Tempel der Artemis eines der Sieben Weltwunder. In der Antike lag die Metropole direkt am Meer. In der römischen Kaiserzeit erlebte sie ihre Hochblüte. Zu den rund 200.000 Einwohnern zählten die Eliten der Politik, des Investments und der Kunst. Im Jahr 262 traf ein schweres Erdbeben die Stadt, es folgten Plünderungen durch gotische Krieger. "Ab dem fünften Jahrhundert entwickelte Ephesos sich dann aber weiter, zu einem christlichen Wallfahrtsort. Zum Zeitpunkt, als unser Geschäftsviertel verschüttet wurde, zählte es wieder 50.000 bis 80.000 Einwohner und wir sehen erneut einen hohen Lebensstandard", sagt Ladstätter. Darauf deutet auch der Speiseplan hin. Die Archäologen haben Erde gesiebt und in den Rückständen Spuren verschiedener Fleisch- und Fischsorten sowie von Pfirsichen oder Mandeln gefunden, die hier Absatz fanden.

Der gesamte Hausrat in den Räumen wurde von einer mächtigen Brandschicht versiegelt und dadurch für die Nachwelt erhalten, was die Momentaufnahmen der damaligen Lebenswelt ermöglicht. Damit sei der Fund, wenn auch zeithistorisch anders einzuordnen, vergleichbar mit der archäologischen Stätte von Pompeji, schreibt die ÖAW in einer Aussendung.

Anders als am Golf von Neapel wurden in Ephesos jedoch so weit keine menschlichen Überreste gefunden. "Eine These zu den Gründen ist, dass der Brand im Geschäftsviertel nachts passiert ist, als die Menschen zu Hause schliefen", sagt Ladstätter.

Warum aber kehrte morgens niemand zurück, um seine Schätze unter den Trümmern zu bergen? Auch hierzu gebe es derzeit nur Vermutungen. Die Großmacht der Sasaniden, ein Rivale des Römischen Reichs, schwächte seine Gegner, indem sie seine Siedlungen zerstörte und die Menschen versklavte. "Es ist möglich, dass die Einwohner sich in die Mauern zurückgezogen haben oder geflohen sind", sagt Ladstätter.

Im Verlauf des siebten Jahrhunderts zeigen sich Veränderungen an der Stadt. Antike Säulen wurden überbaut und Ephesos begann, die Gestalt eine byzantinischen Bazars anzunehmen. Der Tauschhandel erlahmte - aus dieser späteren Zeit seien so weit keine Münzen gefunden worden, berichtet die Grabungsleiterin. Die Bevölkerung schrumpfte, Ephesos nahm einen dörflichen Charakter an.

Die heuer durchgeführten Grabungen sind Teil eines Forschungsprojekts zu den Veränderungen der Stadt zwischen römischer Kaiserzeit und Spätantike. Der neu entdeckte Stadtteil liegt am sogenannten Domitiansplatz, der an das politische Zentrum der römischen Stadt anschließt.