Vor einem Jahr, am 22. November 2021, ist Marie Versini, die Darstellerin von Winnetous Schwester Nscho-tschi in den heute umstrittenen Karl-May-Verfilmungen, verstorben. Die in Paris geborene Lehrerstochter war erstmals 1962 in der Filmkomödie "Das schwarz-weiß-rote Himmelbett" aufgetreten. Harald Reinl, der für die simplen, aber farbenprächtig-schillernden, zudem angenehm entschleunigten May-Verfilmungen verantwortlich zeichnete, war begeistert. Die dunkelhaarige, knapp über 20 Jahre alte Jungschauspielerin hatte, wie der Regisseur erkannte, eine natürliche Ausstrahlung.

Er engagierte Versini als Tochter des Apachenhäuptlings Intschu-tschuna im ersten Winnetou-Film, der am 11. Dezember 1963 in München Premiere feierte. Neben Lex Barker als Old Shatterhand und dem legendären Pierre Brice als Winnetou, den zwei "Edelmenschen", die malerisch im kroatischen Karst ihre Büchsen und Fäuste schwangen, agierte Mario Adorf als Bösewicht Santer, dem die unpopuläre Aufgabe zukam, Nscho-tschi zu erschießen. Sie konnte Barker, dem ihr wohlgesonnenen amerikanischen Schauspieler im Fransenkostüm, noch ein "Ich liebe dich" zuflüstern, ehe sie zum Bedauern von Millionen Zusehern von der Leinwand verschwand.

Einsame Abenteurer

Gemessen an Mays (fiktivem) Vorbild hatte der Regisseur die Frauenrollen sogar ausgebaut. Denn in den millionenfach gedruckten Westerngeschichten des phantasiebegabten Autors, der mitunter in fremde Taschen und Texte gegriffen hatte, trafen sich meist nur Männer zu einsamen, endlosen Abenteuern, die sie in der Prärie, in den Schluchten und Wäldern und im Llano estacado, einer Wüste im Süden der USA, zu bestehen hatten.

Ob einem Mays Fiktion als reiferem Leser zusagt, ist Geschmackssache. Seine Abenteuergeschichten erreichten jedenfalls enorme Auflagenzahlen, die Verlage ernährten und dem unermüdlich Schreibenden Wohlstand einbrachten. 1908 selbst in den USA, fand May eine Reservat-Realität vor, in der Winnetou nicht existierte. Seine Schilderungen von Wüstenschauplätzen und des Balkans waren, was die Eigenheiten und Sitten der Völker betrifft, präziser und authentischer, die Stories rund um Old Shatterhand, Winnetou und die Apachen erscheinen indes realitätsfern, was das soziale Leben der Ureinwohner und vor allem Ureinwohnerinnen betraf.

May suchte sich als Paradigma der entrechteten und vertriebenen "Indianer" ausgerechnet einen kriegerischen Stamm aus, der sowohl bei weißen Siedlern als auch bei Kiowas, Maricopas und anderen Stämmen einen hohen Blutzoll durch Überfälle einforderte. Der Wildwest-Zeichner John Ross Browne schilderte diese Gemetzel, die in Arizona unweit der mexikanischen Grenze stattgefunden hatten. Opfer waren Postreiter, Siedler, Nachbarstämme, die friedlich ihr Land bestellten, Pferdezüchter, Geistliche, Frauen und Kinder, seltener Militärangehörige oder kalifornische Freiwillige, die sich zu wehren verstanden.

"Winnetou I" von Karl May, Ausgabe von 1904, gestaltet von Sascha Schneider (mit dem Motiv Kain & Abel) 
- © Sascha Schneider, Public domain, via Wikimedia Commons

"Winnetou I" von Karl May, Ausgabe von 1904, gestaltet von Sascha Schneider (mit dem Motiv Kain & Abel)

- © Sascha Schneider, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Sympathien für den Apache-Häuptling Geronimo und andere blutrünstige Stammesbrüder hielten sich in den weitläufigen Regionen des Südens der USA in engen Grenzen. Als Abschreckung kamen archaische Methoden wie etwa die Kreuzigung zur Anwendung. Mays Argument, dass die "Indianer" ihr Territorium verteidigten, wofür er in "Winnetou I" (1893) eine langatmige Einleitung verfasste, stimmt zwar generell, was die Verdrängung vom Kontinent betrifft, aber die von ihm ausgewählten Ethnien der Comanche und Apache brachten Angst und Schrecken über ihre Nachbarn und kannten keinen Edelmut à la Winnetou.

Apache-Frauen sahen anders aus, als es die zu Tausenden in Europa verkauften Nscho-tschi-Kostüme vermuten lassen. Sie trugen ihr Haar offen, wogegen die markanten Zöpfe bei Ureinwohnerinnen des Nordens vorkamen, die sich auch durch Decken vor der Kälte schützen mussten. Dass Frauen in Europa heute Leggins tragen und zeitweise auch Mokassins in Mode kommen, mag ein Fall "kultureller Aneignung" sein, ein wichtigeres Thema ist freilich, wie Nscho-tschis Schwestern wirklich lebten und fühlten.

Der aus der Apache-Region stammende Andrew Garcia, dessen Schriften Karl May nicht kannte, weil sie bis nach Garcias Tod in einer Kiste versteckt lagen, hat auf einer ungewöhnlichen Reise bis zur kanadischen Grenze ein anderes Bild von indigenen Frauen überliefert. Vielfach lebten diese ohne Rechte und töteten ihre Töchter, um diesen ein Schicksal als "Arbeitstier" und "Freiwild" zu ersparen. Dass der Horror nach der Landnahme der Weißen weiter voranschritt und tausende Indigene in Umerziehungslagern umkamen, soll nicht vergessen sein.

Doch auch in der Wildnis herrschten Willkür und Gewalt. Garcia hatte als junger Mann eine ähnliche Vorstellung von Apache-Kriegern wie Ross Browne, der diese als Teufel und ärgste Feinde von Weißen und sesshaften Indigenen zeichnete. Garcias Verhältnis zu den Ureinwohnern des Nordens änderte sich in den 1860er Jahren dramatisch. Als Anhängsel einer militärischen Einheit hatte er nach dem Sezessionskrieg beschlossen, auf eigene Faust die wenig besiedelten Regionen des heutigen Bundesstaates Montana zu erkunden.

Zeitgenössische Aufnahme von Andrew Garcia. 
- © Archiv

Zeitgenössische Aufnahme von Andrew Garcia.

- © Archiv

Ein Kompagnon, mit dem er jagen und Fallen stellen wollte, kam ihm bald wegen Alkoholismus und Unverlässlichkeit abhanden. Garcia wandelte sich, nachdem ihn Häuptling "Weiße Feder" vom Stamm der Pend d’Oreille freundlich behandelte, zu einem Händler und Squaw Man. Er lernte, mit den Überfällen und Eigenheiten der Blackfeet-Horden zu leben, die das Zeltdorf wie Hooligans überfielen, aber das Leben der Frauen und jungen Pend d’Oreille verschonten.

Garcia wurde Zeuge, wie wehrhaft die Frauen waren, welche die Hauptarbeit des Zeltbaus und der Fellaufbereitung leisteten. Die erwachsenen Männer jagten, veranstalteten Wettbewerbe und ließen sich bedienen. Die Frauen kämpften mit Zeltstangen und Messern gegen Eindringlinge, aber auch untereinander um die Gunst von weißen oder indigenen Männern.

In-who-lises Heldenmut

Als "Squaw Man" arrangierte sich Garcia mit Ureinwohnern, in der Einsamkeit suchte er Gelegenheiten zum Handel und Kontakt zu Frauen. Zu seiner Frau wurde In-who-lise, die rund 20-jährige Häuptlingstochter eines getöteten Nez-Perce-Häuptlings. Die Geschichte dieses Stammes hatte eine furchtbare Wendung genommen, als dieser ein Reservat im Nordwesten verließ und auf eigene Faust in die Wälder Richtung Judith Mountains in Montana zog.

Armeeoberst Cooper stellte die Ausbrecher, deren einziges Vergehen darin bestand, dass sie in ihren natürlichen Jagdgründen unterwegs waren. Die Männer wurden getötet, überlebende Frauen mussten Zuflucht bei fremden Stämmen nehmen, so auch In-who-lise. Die durch eine Schussverletzung gehandicapte Frau verdankte ihr Überleben der Autorität des fremden, weisen Häuptlings "Weiße Feder". Übergriffe von jungen Stammesangehörigen, Streit mit Pend-d’Oreille-Frauen und Einschüchterungsversuche standen aber auf der Tagesordnung.

Bildnis der Häuptlingstochter In-who-lise (vom Stamm der Nez-Perce). - © Archiv
Bildnis der Häuptlingstochter In-who-lise (vom Stamm der Nez-Perce). - © Archiv

In-who-lise (was in der Sprache der Pend d’Oreille so viel bedeutete wie "Gebrochener Zahn", weil ihr ein Soldat bei der Schlacht am Big Hole/Judith Mountains einen Zahn verletzte) war mittellos, aber sie kannte indigene Sprachen und Grundzüge von Englisch und Französisch, was Garcia imponierte. Das Paar ließ sich von einem Missionar trauen und begab sich auf eine Reise zum Grab ihres Vaters, was für die junge Frau traumatisch verlief und gewaltsam endete (sie wurde von einem Fremden erschossen).

Garcia durchstreifte weiterhin den Norden der USA, wurde zum einsamen Autor. Seine authentischen Schilderungen übersteigen Mays Fiktionen an Spannung bei weitem. Ein Bärenüberfall auf das Zelt Garcias ereignete sich etwa ganz anders, als es die Abenteuerromane weismachen wollen. Kein deutscher Held rückte dem Bären mit dem Messer binnen Minuten zu Leibe, vielmehr entwickelte sich der Besuch zu einem Kampf auf Leben und Tod. Die Garcias kämpften mit Feuer, Waffen und Adrenalin eine halbe Nacht ums Überleben. In-who-lise zeigte Heldenmut, Überlebenswillen und Verstand. Nur die Gefühlsausbrüche, die ihre Vergangenheit auslöste, waren für den Partner schwer zu ertragen.

Über indigene Frauenschicksale, fast 70 Jahre davor, berichtete auch David Thompson. Der Brite kam als 15-jähriger Vermesser zur Hudson’s-Bay-Gesellschaft und reiste in deren Auftrag Richtung Südwesten. Die Strapazen, die er um das Jahr 1800 erlebte, waren durch brutale Kälte, kenternde Kanus, Mücken und Ruhranfälle gekennzeichnet.

Ein anderes Bild

Die kanadischen Ureinwohner, die heute als First Nation bezeichnet werden, waren in unterschiedliche Stämme aufgespalten - und unterschiedlich war auch ihr Verhalten gegenüber Frauen. Die nördlichen Chipewyans etwa verhielten sich gegenüber Weißen hilfsbereit und friedfertig, behandelten ihre eigenen Frauen aber wie Sklavinnen. Sie mussten schwere Schlitten ziehen und alle anfallenden Arbeiten verrichten, während die Männer fischen und jagen gingen.

Thompson lernte auch die Dinnies und Blackfeet kennen, die sich wiederum anders verhielten als die Nathaways, die monogam lebten und Frauen respektierten, aber kriegerischer waren als ihre nördlichen Nachbarn. Hier kam es zu blutigen Kämpfen, wenn sich eine Konkurrenz um eine indigene Frau entwickelte. Insgesamt kam Thompson zu dem Schluss, dass das Leben der nördlichen Schwestern von Nscho-tschi überaus hart war. Authentische Aufzeichnungen von Frauen aus dieser Zeit sind nicht überliefert, aber die Textfunde der genannten Autoren zeichnen jedenfalls ein Bild, das sich wesentlich von jenem der Abenteuerromane unterscheidet.