Sie zählen zu den wichtigsten archäologischen Funden des 20. Jahrhunderts: Vor 75 Jahren, im Verlauf des Jahres 1947, entdeckte ein Beduine in Qumran im Westjordanland die berühmten Schriftrollen vom Toten Meer. Auf der Suche nach einer entlaufenden Ziege war er, so die verbreitete Erzählung, in einer schwer zugänglichen Höhle am Nordwestufer des Toten Meeres auf Tonkrüge gestoßen, in denen sich geheimnisvolle Papyrusfragmente befanden, berichtete Kathpress.

Andere Experten gehen davon aus, dass die Geschichte vom Zufallsfund ein Märchen ist. Viel wahrscheinlicher sei, dass die Beduinen bestens vertraut mit den Höhlen waren und die Schriften in dieser Zeit in den Antikenhandel brachten. Fest steht: Am 29. November 1947 wurden die ersten vier Qumran-Rollen von einem israelischen Wissenschafter erworben. Am 12. April 1948 erschien in der "Times" die erste Meldung über den sensationellen Fund, aber erst 1949 fanden erste Grabungen von Archäologen statt. Bis Ende der 50er-Jahre wurden in insgesamt elf Höhlen Texte und Fragmente geborgen. Bis heute gab es weitere Funde.

Ein unschätzbares Zeugnis des antiken Judentums und des Urchristentums: Texte antiker Autoren wie Plinius, Teile der Bibel, aber auch nicht-biblische religiöse Texte der jüdischen Gemeinschaft, die in Qumran gelebt hat und als "Essener" bekannt ist. Ein riesiges Puzzle: Die fast 1.000 Dokumente - rund 30.000 Fragmente - auf Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch stammen aus der Zeit zwischen 300 vor und 100 nach Christus. Manche im desaströsen Zustand, manche nur daumennagelgroß. Aber auch eine fast komplette Abschrift des biblischen Buches Jesaja, über sieben Meter lang, ist darunter. Die Qumran-Schriftrollen reichen damit zeitlich so nah an den Ursprung der Bibel zurück wie keine anderen Manuskripte.

Erforschung längst nicht abgeschlossen

Der Großteil der Schriftstücke befindet sich heute in Museen und Forschungseinrichtungen in Israel, darunter in dem einem Tonkrug nachgebildeten "Schrein des Buches" in Jerusalem. Ihre Erforschung ist längst nicht abgeschlossen. Schließlich gibt es moderne technische Verfahren, die den Archäologen und Bibel-Experten neue Wege öffnen: Hoch auflösende Bildgebungsverfahren, künstliche Intelligenz, Elektronenmikroskope, Radiocarbon- und DNA-Analysen sollen bei der Entschlüsselung der teilweise zusammenklebenden Schriften helfen, die auf Pergament, Leder, Papyrus oder auf Kupfer geschrieben sind.

Mit DNA-Analysen etwa ließ sich feststellen, dass viele der Texte auf Schafshaut geschrieben sind - obwohl es damals in der Region nur Ziegen als Vieh gab. Die Wissenschafter schließen daraus, dass nicht alle Schriften in Qumran hergestellt wurden, sondern manche auch von Gelehrten in Jerusalem.

Dazu passen Ausgrabungen in der antiken Siedlung Qumran in unmittelbarer Nähe der Höhlen: Archäologen haben dort Überreste einer antiken Schreibwerkstatt gefunden. Sie vermuten, dass in den Höhlen einmal eine Bibliothek der Essener gewesen sein muss. In anderen Höhlen könnten Heilige Schriften vor den Römern verborgen worden sein, die im Jüdischen Krieg im Jahr 70 Jerusalem und seinen Tempel fast vollständig zerstörten.

Überhaupt ist unklar, um was es sich bei Qumran überhaupt handelt: Lange nahmen vor allem deutsche Bibelwissenschafter an, dass sich dort eine Art Kloster der Essener-Sekte befand, wo Mitglieder in religiöser Zurückgezogenheit leben konnten.

Eine Art Wallfahrts- und Versammlungsort?

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der israelische Archäologe Daniel Vainstub dagegen einen Forschungsbericht, in dem er die antike Stätte als eine Art Wallfahrts- und Versammlungsort charakterisiert. Vainstub verwies darauf, dass Überreste einer zentralen Speisekammer, große Ritualbäder, ein Friedhof und ein Refektorium gefunden worden seien, jedoch keine Hinweise auf Wohnhäuser, wie sie für eine dauerhafte Siedlung zu erwarten wären. Laut Vainstub dürfte eine kleine Anzahl von Menschen dauerhaft an der Stätte gelebt haben, während Pilger für die Dauer ihres Aufenthalts in der Umgegend kampierten.

Spannend sind auch die Erkenntnisse, die mit Hilfe von Computer-Analysen und Algorithmen gewonnen werden. Schriftbilder lassen sich entschlüsseln. Bei der Jesaja-Rolle wird schnell klar, dass mehrere Schreiber am Werk waren. Es gibt viele Spuren von Nachbearbeitung und Korrekturen. Die Forschung vermutet: Hier sind nicht nur Kopisten am Werk gewesen. Die Schreiber sind zugleich Autoren, weil sie auch immer wieder inhaltlich eingegriffen, ergänzt oder ganze Passagen weggelassen haben. (apa)