Denis Diderot, 1767, Gemälde von Louis-Michel van Loo. Foto:wikimedia
Denis Diderot, 1767, Gemälde von Louis-Michel van Loo. Foto:wikimedia

Über die Aufklärung glaubt man das Wichtigste zu wissen. Und dann kommt einer - er heißt Philipp Blom - und schreibt ein Buch über "das vergessene Erbe der Aufklärung", in dem er behauptet, nicht Voltaire und Rousseau seien die eigentlichen, die konsequenten Aufklärer gewesen, sondern Diderot und der Baron Holbach.

Weil Voltaire und Rousseau die Aufklärung vorsichtig dosiert und die Aufzuklärenden nicht allzu heftig vor den Kopf gestoßen hätten, lägen sie heute in prunkvollen Sarkophagen im Pariser Pantheon, während die Gebeine Denis Diderots und Holbachs in der Französischen Revolution aus ihren Särgen geholt und mit denen anderer Toter durcheinander geworfen wurden.

Da Diderot und Holbach den Monopolisten der Revolution zu radikal gewesen seien, hätten diese die gemäßigten Aufklärer Voltaire und Rousseau ins Pantheon überführt, während Diderot heute nur noch als Herausgeber der "Encyclopedie" und Holbach nur noch ein paar Eingeweihten ein Begriff ist. Paul-Henri Thiry d’Holbach sei im Jänner 1789 gerade noch rechtzeitig gestorben, meint Blom, denn hätten er und sein bereits 1784 dahingegangener Freund Diderot die Revolution erlebt, wäre es ihnen wahrscheinlich schlecht ergangen. Radikale Denker passen der Macht nie in den Kram, und die Macht, mit der sie es zu tun bekommen hätten, kannte weder Gnade noch Kompromiss.

Hinreißend erzählt


Da Philipp Blom nicht nur selber ein böser Philosoph ist, sondern auch hinreißend erzählt, ist sein Buch ein Leseabenteuer der Sonderklasse. Er vermeidet jegliches romanhafte Klimbim und erzeugt trotzdem unglaublich dichte Atmosphäre. Voltaire sieht er vielleicht zu kritisch, der alternde Rousseau erscheint als monomanischer Kotzbrocken, doch die Faktenlage macht es schwer, Blom zu widersprechen. Haupt- wie Nebenfiguren werden lebendig, David Hume oder Friedrich Melchior Grimm gaben Anlass für kleine Meisterstücke der Charakterisierungskunst.

Im Mittelpunkt steht freilich der Salon des Barons Holbach, Treffpunkt der atheistischen Aufklärer, die nach den Grundlagen eines humanen und dennoch illusionslosen (oder umgekehrt) Zusammenlebens der Menschen suchten. Und zwar ohne Abstriche vom Humanismus und ohne Zugeständnisse an irgendeine Art von Metaphysik. Die schottischen Aufklärer David Hume und Adam Smith dürften sich bei ihren Besuchen im Salon Holbach sehr wohl gefühlt haben.

Fazit: Eine große Geschichtserzählung auf der Basis penibler Recherche, die Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

Böse Philosophen, Philipp Blom, Hanser, 400 Seiten, 25,60 Euro