Ernst Rüdiger Starhemberg, ca. 1932. - © Wikipedia / Bundesarchiv
Ernst Rüdiger Starhemberg, ca. 1932. - © Wikipedia / Bundesarchiv

"Ein Fürst benützt nicht den Hinterausgang", meinte Ernst Rüdiger Starhemberg angesichts des Ansturms von Journalisten, die das Sanatorium in Schruns (Vorarlberg) belagerten, wo er sich im März 1956 nach seiner Rückkehr aus dem Exil aufhielt. Georg Auer von der kommunistischen "Volksstimme" eröffnete die Attacken auf den ehemaligen Politiker. Von den Debatten erregt, erlitt Starhemberg einen Herzanfall, an dem er kurz darauf verstarb.

Als Chef der Heimwehr, Innenminister, Vizekanzler des faschistischen Ständestaates und Führer der "Vaterländischen Front" zählt Ernst Rüdiger Starhemberg bis heute zu den umstrittensten Politikern der Ersten Republik, deren Geschicke er von 1926 bis 1936 mitprägte. Je nach politischer Weltanschauung wird er als "Arbeitermörder vom Februar 1934", Hochverräter und Protagonist des Austrofaschismus verdammt oder als Bollwerk gegen den Nationalsozialismus gelobt.

Seine erste Prägung erfuhr der am 10. Mai 1899 als ältester Sohn des sechsten Fürsten Starhemberg Geborene durch die feudale, konservative Welt des Adels. Den Zusammenbruch der Herrschaft der Habsburger hat Starhemberg nie überwunden. Bis zu seinem Tode hoffte er auf eine Restauration der Monarchie. Ein weiterer Fixpunkt in seinem Weltbild war die Verachtung von Demokratie, Parlament und Parteienstaat. Der Republik Deutsch-Österreich, die nur mehr 12 Prozent des einstigen Gebiets der Monarchie umfasste, gab Starhemberg als "Missgeburt" keine Überlebenschancen.

Folglich wandte er den Blick nach Deutschland, erkor sich die DAP, dann die NSDAP zum Vorbild. Adolf Hitler, der "politische Soldat", Propagandaredner und spätere Parteivorsitzende der NSDAP faszinierte den jungen, ziellosen, vom Militär begeisterten Sohn aus bestem Hause derart, dass er im November 1923 am NS-Putsch zum Sturz der bayerischen Regierung teilnahm.

Wie Hitler sah er im Bolschewismus die größte Gefahr für das Abendland. Diese Überzeugung führte ihn zu der rechtsgerichteten Heimwehr - dem Gegenspieler des "Republikanischen Schutzbunds". Er schmuggelte Waffen aus Bayern nach Tirol, fühlte sich als Haudegen und Rebell, befürwortete "rasches und entschiedenes Handeln" gegen den Bolschewismus.

In dem von gewalttätigen Straßenschlachten und dem Brand des Justizpalastes überschatteten Jahr 1927 übernahm Ernst Rüdiger nach dem Tod seines Vaters ein riesiges Vermögen, mit dem er - bis zum Bankrott - Heimwehrverbände finanzierte. In der Folge stieg er zu deren Bundesführer auf. Auf die Rede von Otto Bauer, des Führers der Sozialdemokraten, der auf dem Linzer Parteitag mit der "Diktatur des Proletariats" drohte, antwortete die Heimwehr mit dem "Korneuburger Eid". Er ist Bekenntnis und Forderung zugleich: "Wir wollen den faschistischen Staat."

Starhembergs eher konzeptlose Politik war von großem Wankelmut. So empfing er 1930, nach dem Wahlsieg der NSDAP in Deutschland, Heinrich Himmler zu einem Privatbesuch, plante ein Zusammengehen von Heimwehr und NSDAP. Die Verhandlungen scheiterten, da Hitler Starhemberg nicht die Führung übertragen wollte. Daraufhin gründete der Heimwehrführer eine eigene Partei, die er bald auflöste und damit eine dramatische Wende vornahm.

Nähe zu Mussolini


Eine enge Anlehnung an das faschistische Italien und den "Duce" Benito Mussolini, der sich als Schutzherr der kleinen Alpenrepublik gerierte, schien ihm nunmehr die richtige Politik. Mussolini wurde nicht nur der Mentor und Förderer Starhembergs, sondern, wie jüngste Recherchen italienischer Historiker enthüllten, auch der Finanzier der Heimwehr. In der Folge flossen große, von Starhemberg oft persönlich übernommene Geldsummen - rund 3,5 Millionen Lire - aus den Kassen des faschistischen Regimes nach Wien. Unter dem Einfluss des italienischen Diktators ging Starhemberg, eigenen Angaben zufolge, auf kritische Distanz zu den Nationalsozialisten, die er nunmehr als Gefahr für Österreich betrachtete.

Seine Funktion als Bundesführer der Heimwehr legte Starhemberg nach einer Amtszeit von nur acht Monaten zurück. Er nahm im Mai 1931 Urlaub, um seine zerrütteten Finanzen zu ordnen, konnte jedoch nicht verhindern, dass der Ausgleich über das Starhemberg-sche Vermögen verhängt wurde. Seine häufige Absenz von der politischen Bühne unterminierte seine Position, denn bei wichtigen Ereignissen war er meist nicht präsent. So weilte er beim Pfrimerputsch in den Bergen, war er bei der Ermordung von Dollfuß auf Urlaub in Venedig und beim Einmarsch Hitlers in der Schweiz.

Im April 1932 nahm Starhemberg, allen zu diesem Zeitpunkt geäußerten NS-kritischen Äußerungen zum Trotz, am "Stahlhelmtag" in Berlin teil, konferierte mit NS-Führern und traf Adolf Hitler. Die Übernahme der Regierung durch Engelbert Dollfuß am 10. Mai 1932 hat Starhemberg sehr begrüßt. Er bezeichnete Dollfuß gegenüber dem "Duce" süffisant als "offenen, ehrlichen Bauernburschen, dabei grundgescheit, auf politischem Gebiet völlig unbeschrieben".