Schließlich sei noch jenes Kirchenfenster betrachtet, das den Kapuzinerpater Marco d’Aviano mit seinem wundertätigen Kreuz zeigt. Der im Jahr 2003 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochene Pater mit dem Beinamen "Die Seele der Befreiung Wiens" spielte während der Zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683 als geistlicher Beistand der Verteidiger eine besondere Rolle. Während der Schlacht um Wien ging er, sein Kreuz in Händen, zu den Soldaten, sprach ihnen Mut zu und segnete sie.

Populäre Erinnerung


Im Kirchenfenster ist dargestellt, wie der Kapuzinerpater vor der entscheidenden Schlacht mit dem Kreuz in der Hand am Leopoldsberg die christlichen Heerführer segnet. Mithin fungiert Jesus auch beim Kampf gegen die Osmanen als Schlachtenhelfer.

Es ist davon auszugehen, dass die überwiegende Mehrzahl der Wiener heute mit jenen Motiven, die in den Fenstern der Breitenseer Pfarrkirche dargestellt sind, kaum irgendetwas zu assoziieren imstande ist. Stefan Malfèr hat eine Fülle von Schul- und populären Lesebüchern aus der Zeit der ausgehenden Donaumonarchie gesichtet und dabei herausgefunden, dass zur Bauzeit der Kirche die mit dem Kreuz in Zusammenhang stehenden Geschichten über Kaiser Konstantin den Großen, König Rudolf I., Erzherzog Ferdinand, Marco d’Aviano und weitere in Breitensee dargestellte Akteure der Weltgeschichte praktisch jedes Kind gekannt hat.

Auch ist heute kaum noch bekannt, dass die Breitenseer Pfarrkirche zu jenen Gotteshäusern zählt, die Kaiser Franz Joseph I. zu einem seiner Regierungsjubiläen gewidmet wurden. 1898 beging der Monarch sein 50-jähriges Regierungsjubiläum, zu dem die Breitenseer mit der neuen Kaiser-Jubiläumskirche gratulierten. Alleine schon die im Buch abgehandelten Umstände, die zum Kirchenbau führten, erhellen interessante Details aus der Mentalitätsgeschichte der alten Donaumetropole.

Stefan Malfèr hat sich auch eingehend mit der vordergründig unscheinbaren, jedoch bemerkenswerten Persönlichkeit des in Breitensee wirkenden Priesters Ferdinand Ordelt auseinandergesetzt, der den Kirchenbau initiierte und das Konzept erdachte, mit welchem dem Kaiser zu seinem Jubiläum gehuldigt werden sollte. Insbesondere wurde die Huldigung mit der Darstellung habsburgischer Kreuzesfrömmigkeit in den Kirchenfenstern umgesetzt - ein Umstand, der bisher völlig unbeachtet blieb. In detektivischer Forschermanier hat sich Malfèr den einzelnen Frömmigkeitsaspekten, die in ganz handfester Weise mit der habsburgischen Herrschaft verbunden waren, angenähert und seine Ergebnisse spannend und in klarer Gedankenführung für ein durchaus breites Lesepublikum aufbereitet.

Die habsburgische Kreuzesfrömmigkeit ("Pietas crucis"), die Malfèr auf unterschiedlichen Ebenen ortet, generierte aufgrund spezifischer Traditionen aus dem das Kreuz ergreifenden König Rudolf einen "habsburgischen Konstantin", in dessen Nachfolge sich das österreichische Kaiserhaus - auch offensiv propagandistisch - zu präsentieren verstand. Die erwähnte Kreuzesvision Ferdinands in der Wiener Hofburg verwendet ebenso den Topos des konstantinischen "In hoc signo vinces": Die Zusage des Gekreuzigten ihn nicht zu verlassen, so Malfèr, sei nicht als privater Trost für den Fall einer Niederlage zu interpretieren, sondern als Zusage, dass Ferdinand für seine Standhaftigkeit in der Bewahrung des "rechten Glaubens" belohnt und seine Gegner besiegt werden.

Noch stärker kommt dieser Topos bei der Erzählung über Marco d’Aviano zum Ausdruck: Es war ein Akt mit hoher Symbolkraft, als Kaiser Leopold I. nach dem Sieg über die Osmanen das auf der Spitze des Wiener Stephansdomes befindliche Zeichen mit Stern und Halbmond entfernen und an dessen Stelle ein Kreuz mit der Aufschrift "In hoc signo vinces" anbringen ließ.

Kreuz und Thron


Höchst beeindruckend versteht es der Autor, die habsburgische Kreuzesfrömmigkeit mit vielerlei anderen Aspekten der Geschichte Österreichs und speziell Wiens in Verbindung zu setzen. Bemerkenswerterweise haben Malfèrs Forschungen auch ergeben, dass der Breitenseer Kirchenfenster-Zyklus der Kreuzesfrömmigkeit thematisch ein einzigartiges und zugleich künstlerisch hoch stehendes Monument zur Geschichte des Hauses Habsburg darstellt.

Die Breitenseer Pfarrkirche wurde nach nur zweieinhalbjähriger Bauzeit am 8. Oktober 1898 eingeweiht, und zwar im Beisein des Jubilars, Kaiser Franz Joseph I. Die bunten Glasfenster waren zum Zeitpunkt der Kirchenweihe zwar erst teilweise vorhanden, jedoch lobte der Monarch den Breitenseer Kirchenbaumeister Ludwig Zatzka (wohl auch stellvertretend für alle Beteiligten) mit den Worten "Sie haben etwas Schönes geschaffen; ich mache Ihnen mein Kompliment."

Johann Werfring, geboren 1962, ist Historiker und Kolumnist der "Wiener Zeitung" ("Museumsstücke", ,"Werfrings Weinjournal").