Wernher von Braun an der Seite des US-Präsidenten John F. Kennedy. - © wikipedia/nasa
Wernher von Braun an der Seite des US-Präsidenten John F. Kennedy. - © wikipedia/nasa

21. Juli 1969: Die USA feiern einen ehemaligen hochrangigen Nationalsozialisten. Ex-Sturmbannführer Wernher von Braun hat die Amerikaner auf den Mond gebracht. Rund 25 Jahre zuvor hatte er seine Raketen auf London und Antwerpen geschossen. Die Biografie Wernher von Brauns ist die eines Erfolgsmenschen ohne moralische Bedenken. Von Braun hat ein Ziel vor Augen, mit wem oder für wen er es erreicht, ist ihm gleichgültig. Es ist aber auch die Geschichte amerikanischer Doppelmoral. Denn während bei den Nürnberger Prozessen Generaloberst Alfred Jodl auf Betreiben der USA zum Tod verurteilt wird, obwohl der französische Richter Henri Donnedieu de Vabres von einem Fehlurteil spricht, haben die USA keine Probleme, die Vergangenheit jenes Mannes, der für Adolf Hitler Massenvernichtungswaffen konstruierte, zu übersehen. Von Braun war brauchbar, Jodl nicht.

Geboren wird Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun am 23. März 1912 in Wirsitz (heute Wyrzysk in Polen). Wernhers Vater ist Gutsbesitzer, 1932 wird er Reichsernährungsminister, 1933 tritt er mit dem Kabinett Schleicher zurück. Wernhers Bruder Sigismund wird Politiker und setzt seine Karriere unter den Nationalsozialisten bruchlos fort, Wernhers Bruder Magnus wird Ingenieur.

Ingenieur - das ist auch Wernhers Traumberuf. Wobei es ihm speziell der Raketenbau angetan hat. Schon als Jugendlicher liest er die Bücher von Kurd Laßwitz und Jules Verne. Dann fällt ihm Hermann Oberths "Die Rakete zu den Planetenräumen" in die Hände. Oberth ist kein Phantast, er ist Physiker. Das Buch bringt Wernher von Braun auf die Idee, die Fiktionen von Laßwitz und Verne wären realisierbar.

Von Braun promoviert 1934 mit einer Arbeit über "Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete". Im gleichen Jahr erreicht sein "Aggregat 2" eine Höhe von 2200 Metern. 1937 wird er technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom. Allein bei der Errichtung der Versuchsanlagen, auf denen Hitlers Wunderwaffen getestet werden sollen, kommen rund 20.000 KZ-Häftlinge ums Leben. Doch was zählt das angesichts des Fortschritts, den der am 1. Mai 1940 der SS beigetretene und am 28. Juni 1943 zu deren Sturmbannführer ernannte von Braun den Nationalsozialisten nach und nach erringt? Immer perfekter werden seine Raketen. Bald tragen sie Sprengköpfe.

Zwangsarbeiter für Raketen


Die Karriere verdunkelt sich kurz: Im März 1944 wird Von Braun wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Angeblich will er nach Großbritannien flüchten. Eine Intervention bei Adolf Hitler ist erfolgreich: Von Braun kehrt in seine Position zurück. Nachdem er sein "Aggregat 4", im NS-Jargon "V2" (Vergeltungswaffe 2) genannt, gefertigt von KZ-Häftlingen, die Von Braun persönlich im KZ Buchenwald für den Dienst ausgesucht hatte, an der Westfront erfolgreich auf alliierte Stellungen abgefeuert hat, wird er mit dem Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern ausgezeichnet. Insgesamt 12.000 Zwangsarbeiter lassen für den Erfolg des Raketenkonstrukteurs ihr Leben - wobei der sogenannte Erfolg ebenfalls in Toten zu messen ist: Rund 8000 sind es, die von der V2 in Stücke gerissen werden, zumeist Angehörige der Zivilbevölkerung.

Knapp vor Kriegsende kontaktiert Wernher von Brauns Bruder Magnus, der mit ihm an den nationalsozialistischen Vergeltungswaffen arbeitet, die Amerikaner, die auf der Suche nach brauchbarer deutscher Technik sind. Die Amerikaner verstehen schnell, dass sie die weltweit fortschrittlichste Raketentechnik und ihre Entwickler mühelos in die Hand bekommen - als Gegenleistung brauchen sie nur über deren Verstrickung in die nationalsozialistische Maschinerie hinwegzusehen. Magnus handelt die keineswegs unvorteilhaften Bedingungen aus. 1946 bringen die Amerikaner Wernher von Braun in die USA, wo er seine Arbeit an den Raketen unverzüglich wiederaufnimmt. Bereits ab 1950 ist der ehemalige SS-Sturmbannführer in Huntsville (Alabama) Leiter eines mehr als hundertköpfigen Teams von Raketentechnikern im Dienst der US-Armee und verfolgt unerbittlich seinen alten Traum: einen Menschen ins All zu schicken.

Doch vorerst hat der Russe Sergei Pawlowitsch Koroljow die Nase vorn. Dabei hätte der am 12. Jänner 1907 in Schytomyr geborene Flugzeugkonstrukteur und Raketentechniker beinahe Stalins Terrorregime nicht überlebt: Von seinem Konkurrenten Walentin Petrowitsch Gluschko denunziert, wird er 1938 zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Das kommt einem Todesurteil gleich. 1944 erreicht der Flugzeugbauer Andrei Nikolajewitsch Tupolew die Freilassung Koroljows. Die sowjetischen Machthaber kapieren, dass sie auf ihn nicht verzichten können. Wie Von Braun, so studiert auch Koroljow die nationalsozialistische Raketentechnik. Ihre Entwickler allerdings sind als Personen in der Sowjetunion unwillkommen.

Die größten Erfolge Koroljows sind die erste Interkontinentalrakete, der erste Satellit "Sputnik 1" und der erste Weltraumflug eines Menschen: 106 Minuten bleibt Juri Gagarin 1961 im All. Koroljow erscheint dabei stets als Mann im Hintergrund. In der Zeit des Kalten Krieges hält die Sowjetunion geheim, wer ihr die Erfolge verschafft. Es sind Zeiten der Paranoia. Koroljow könnte von Agenten getötet oder, noch schlimmer, abgeworben werden.