Juliana von Norwich, die bedeutendste Gestalt der englischen Mystik, steht als Statue in der Kathedrale von Norwich. - © rocketjohn/ Wikipedia
Juliana von Norwich, die bedeutendste Gestalt der englischen Mystik, steht als Statue in der Kathedrale von Norwich. - © rocketjohn/ Wikipedia

Das Mittelalter hat noch immer Hochkonjunktur. So kommt es, dass immer wieder Lücken unseres Wissens über jene Zeit geschlossen werden. Wem ist im deutschen Sprachraum bekannt, dass es auch auf den Britischen Inseln ein beträchtliches Interesse an mystischer Spiritualität, und das heißt konkret, an einer unmittelbaren, individuellen Gotteserfahrung, gegeben hat?

Das ist in der Tat nicht selbstverständlich, wenn man die spezifische Neigung des Engländers zu Pragmatismus und Empirismus bedenkt. Doch kann man andererseits im Mittelalter den englischen Individualismus in der besonderen Wertschätzung für das eremitische, nur auf Gott konzen-trierte Leben wiedererkennen.

Das innere Ohr


Dies belegt sehr anschaulich der erste englische Mystiker Richard Rolle, der uns mit markanten Zügen entgegentritt: Er hatte einen leicht entflammbaren, gesellschaftliche Konflikte nicht scheuenden Charakter, war aber auch sehr empfänglich für verführerische weibliche Reize. Wie er freilich die mystische Erfahrung als nur mit dem inneren Ohr vernehmbare überirdische Musik beschreibt, ist einzigartig. Richard hatte die geistige Obsorge für einige Zisterzienserinnen, eine bemerkenswerte Besonderheit, denn es waren in England gerade die Zisterzienser, die entscheidende Impulse für die Entwicklung einer vor allem von Frauen begehrten mystischen Spiritualität gesetzt haben.

Für den intellektuellen Höhenflug eines Meister Eckhart war man auf der Insel zwar nicht empfänglich, doch immerhin entstand dort ein auch hierzulande nicht unbekanntes Werk: "Die Wolke des Nichtwissens", die in sprachlich sehr eindrucksvoller Weise an die frühmittelalterliche Mystik des sogenannten "Pseudo-Dionysius Areopagita", dessen wahrer Name nicht bekannt ist, anknüpft. Diese Mystik bezeichnet man als "negativ", denn sie verneint die Möglichkeit, dass über Gott irgendwelche konkreten Aussagen gemacht werden können, da sich eben nur sagen lasse, was er nicht ist. Eine Gotteserkenntnis ist für die "Wolke des Nichtwissens" nur über die Liebe möglich, und darin stimmt im Grunde die gesamte englische Mystik überein.

Lässt sich bei den mystischen Eremiten meist ein Bewusstsein elitärer Religiosität erkennen, so war der mit dem Verfasser der "Wolke des Nichtwissens" geistig verwandte Walter Hilton sehr darum bemüht, der spätmittelalterlichen "Demokratisierung" des Wunsches nach mystischer Kontemplation entgegenzukommen und eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie auch der in seinen Alltagsbindungen verbleibende Mensch ein "gemischtes", aktives und zugleich kontemplatives Leben führen konnte.

Überraschenderweise begegnen wir in England auch dem provokanten, aus weiblicher Feder stammenden Text "Spiegel der einfachen Seelen" der heute vielbeachteten Marguerite Porete. Darin stellt sie sehr gewagte und daher gründlich missverstandene Thesen auf, für die sie auf dem Scheiterhaufen endete. Das französische Werk wurde ins Englische übersetzt und hat sogar in höfischen Kreisen Aufmerksamkeit erregt. Diese Übersetzung ist bedeutend, weil sie Teile enthält, die in der französischen Überlieferung nicht zu finden sind.

Den interessantesten Beitrag zur englischen Mystik bieten die beiden Frauen Juliana von Norwich und Margery Kempe. Als Autorinnen könnten sie gegensätzlicher kaum sein: die eine offenbar der Adelskultur entstammend und als Klausnerin lebend, die andere eine Vertreterin des hochstrebenden, praktischen Bürgertums einer englischen Hafenstadt, die Mitglied der Hanse war.

Margery Kempe war eine lebenszugewandte, sinnliche Frau, die sich nicht dazu entschließen konnte, sich völlig aus der Welt zurückzuziehen. Sie blieb ein Glied der Gesellschaft, musste sich aber damit abfinden, von ihr angefeindet und als Häretikerin verdächtigt zu werden, denn ihr auffälliges Sozialverhalten war notorisch. Da sie offenbar eine geradezu überentwickelte Empathiefähigkeit besaß, reagierte sie beim Anblick einer leidenden Kreatur mit heftigsten Tränen des Mitleids; vor allem aber geschah dies, wenn sie an die Passion Christi erinnert wurde.

Dennoch nahm sie als Frau das extreme Risiko einer Wallfahrt nach Jerusalem auf sich: Ihre abenteuerlichen Erlebnisse, aber auch die Kritik der Mitmenschen an ihr, schildert sie sehr eindrucksvoll in ihrem "Buch der Margery Kempe". Ihre Visionen und Auditionen vermitteln ihr das Gefühl, unmittelbar von Gott auserwählt, ja seine Braut oder seine Tochter zu sein und nach seinen Anweisungen ihr Leben ausrichten zu müssen. Dabei imitiert sie nicht nur kontinentale Heilige wie die berühmte Hl. Elisabeth von Thüringen bzw. Birgitta von Schweden oder die ohne bindendes Gelübde in Gemeinschaften lebenden Beginen. Sie hat auch manchmal den Aposteln ein kritisches Wort zu sagen, ja dem heiligen Paulus hält sie vor, sich nicht gerade verständnisvoll den Frauen gegenüber zu verhalten.

Aus ihrem Lebensbericht entsteht so die erste englische Autobiographie. Dabei ist es eine viel diskutierte Frage, welchen Anteil sie als ungebildete Frau hatte und welchen der die Feder führende Kleriker als Schreiber.