Violet Jessop.
Violet Jessop.

Violet Jessop ist eine von lediglich 23 Frauen unter rund 900 Besatzungsmitgliedern der "Titanic". Sie sorgt für das Wohl der Damen der ersten Klasse und betreut zwölf Kabinen. Das Ganze für den kargen Lohn von zwei Pfund und zehn Schillingen im Monat. Zum Vergleich: Kapitän Edward John Smith erhält monatlich 105 Pfund.

Die 24-Jährige arbeitet schon seit 1910 für die britische Reederei White Star Line, die mit finanzieller Unterstützung des einflussreichen amerikanischen Bankhauses J. P. Morgen Luxusliner der Olympic-Klasse baut und damit die Konkurrenz der Cunard Line endgültig hinter sich lassen will.

Die attraktive Brünette mit den blauen Augen wird nur zögerlich eingestellt, denn der Personalchef befindet sie eigentlich als zu hübsch, sie werde Passagiere und Crew-Mitglieder nur ablenken. Erst als sie sich ohne Make-up in grauer Kleidung nochmals vorstellt, darf sie auf dem Vorzeigeschiff "Olympic" anheuern. Ihre Schönheit bleibt dennoch nicht verborgen, auf einer ihrer ersten Reisen erhält sie drei Heiratsanträge, schlägt sie aber alle aus.

Am 20. September 1911 kollidiert die "Olympic" im Ärmelkanal vor der Isle of Wight mit dem britischen Kriegsschiff "Hawke". Der Bug des Kreuzers reißt die Seitenwand der "Olympic" meterlang auf. Obwohl Innenkammern mit Wasser volllaufen und der riesige Dampfer zu sinken droht, gelingt es der Mannschaft, das Schiff unter langsamer Fahrt in den Hafen von Southampton zu manövrieren. Violet ist mit dem Schrecken davon gekommen.

Bereits in ihrer frühesten Jugend war die im argentinischen Bahia Blanca als Tochter irischer Immigranten geborene Violet mit dem Tod konfrontiert worden. Drei ihrer acht Geschwister starben im Kindesalter, sie bekam eine lebensbedrohliche Tuberkulose und ihr Vater, der sich in der neuen Heimat eine Existenz als Schäfer aufbauen wollte, starb unerwartet. Ihre Mutter kehrte mit den Kindern nach Großbritannien zurück und Violet absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Inzwischen arbeitete die Mutter als Schiffsstewardess. Als sie schwer erkrankte, musste die älteste Tochter Violet die Familie finanziell unterstützen. So fing sie 1908 im gleichen Job wie ihre Mutter an.

Als die "Titanic" den Eisberg rammt, liegt Violet schon in ihrer Koje. Aufgeschreckt gelangt sie mit anderen Crewmitgliedern und Passagieren an Deck. Während der Evakuierung steht sie vor den Rettungsbooten, und weil einige der weiblichen Fahrgäste kein Englisch verstehen, soll sie demonstrieren, wie die Boote bestiegen werden. Sie sitzt in Boot Nr. 16. Eigentlich sollten erst alle Passagiere ausgebootet werden, bevor Mitglieder der Crew einsteigen. Da wirft ihr ein Offizier ein Baby zu und befiehlt, sie solle gut darauf aufpassen. Das Boot wird zu Wasser gelassen und Violet drückt das wimmernde Bündel fest an ihre Korkweste.

Am nächsten Morgen, nach Stunden der Todesangst, werden die Schiffbrüchigen von der "Carpathia" gerettet, den Säugling drückt Violet immer noch an sich. An Bord entreißt ihr ihr eine Frau das Baby und rennt davon. Sie sieht Frau und Baby niemals wieder. Mysteriös: Viele Jahre danach erhält sie einen Telefonanruf, eine Frauenstimme fragt, ob sie jene Violet Jessop sei, die ein Baby von der "Titanic" gerettet habe. Als sie das bejaht, antwortet eine lachende Stimme: "Ich war das Baby" - und legt auf.

Im Ersten Weltkrieg ist Violet als Krankenschwester für das britische Rote Kreuz tätig. Sie befindet sich an Bord der "Britannic", die in der Ägäis unterwegs ist. Am Morgen des 21. November 1916 erschüttert ein dumpfer Knall das Lazarettschiff. Es ist auf eine deutsche Seemine gelaufen und geht in weniger als einer Stunde unter. Zwar hatte Violet Platz im ersten Rettungsboot erhalten, doch die unter Volldampf rotierenden Schiffsschrauben ziehen das kleine Boot in ihren Sog.

Im letzten Moment springt Violet heraus, sie geht tief unter, stößt beim Auftauchen aber mit dem Kopf an den Kiel eines Rettungsboots. Schließlich wird sie von anderen Schiffbrüchigen an Bord gezogen. Zunächst scheint sie nur am Bein verletzt, erst als sie Jahre später mit ständigen Kopfschmerzen einen Arzt aufsucht, entdeckt er eine verheilte Schädelfraktur. "Offenbar hat mich damals mein dichtes Haar vor größeren Kopfverletzungen bewahrt", witzelt sie. Die meisten Verwundeten und Crewmitglieder der "Britannic" werden von Fischerbooten und britischen Schlachtschiffen gerettet.

Nach diesen Erlebnissen hätte es wohl jeder verstanden, wenn sie dem Leben auf dem Wasser den Rücken kehrt. Aber sie hatte sich ganz und gar der Seefahrt verschrieben. Vielleicht auch ein Grund, warum eine kurze Ehe unglücklich und kinderlos verläuft. Bis 1950 arbeitet sie als Stewardess bei vier verschiedenen Reedereien, darunter auch bei der Red Star Line.

Ihren Ruhestand verbringt sie im englischen Great Ashfield in Suffolk, sie züchtet Hühner und kümmert sich um den Garten. Violet Jessop stirbt am 5. Mai 1971 im Alter von 83 Jahren an Herzversagen, als eine der letzten verbliebenen erwachsenen "Titanic"-Überlebenden. Ihre Memoiren unter dem Titel "Titanic Survivor" sind erst 1997 erschienen.