Um den Venustransit von 1769 zu sehen, musste Hell zunächst jenseits des Polarkreises überwintern. - © Franz Kerschbaum
Um den Venustransit von 1769 zu sehen, musste Hell zunächst jenseits des Polarkreises überwintern. - © Franz Kerschbaum

Der ganze Venusdurchgang hat auf Vardø genau sechseinhalb Stunden gedauert. Für Kapitän James Cook auf Tahiti verging er um 23 Minuten rascher. Von dessen südlich gelegenem Standort aus erschien die Venus nämlich eine kleine Spur näher am oberen, nördlichen Sonnenrand: Ihr Weg über die Sonnenscheibe war entsprechend kürzer. Aus dem Zeitunterschied lässt sich die perspektivische Verschiebung der Venus sehr exakt ermitteln. Diese wiederum verrät ihren Erdabstand. Über das dritte keplersche Gesetz erhält man daraus die Bahnradien aller Planeten, Erde inklusive. Und genau darum geht es den Astronomen!

Nun treten die Männer die Rückreise an. Nach ihrer abenteuerlichen Seefahrt über Hammerfest, Alta und Tromsø landen die Wiener Gelehrten in Trondheim. Von da an mühen sie sich mit Karren südwärts. Am 29. November berichtet Maximilian Hell dem König persönlich vom Erfolg der Unternehmung.

In Kopenhagen gibt er auch sein Werk über die Beobachtung des Venusdurchgangs in Druck. Der Name Christians VII. prangt in ganz großen Lettern am Titelblatt. Der Gönner nimmt das Buch am 8. Februar 1770 "sehr gnädig" entgegen. Während der Pariser Astronom Joseph Jérôme Lalande die auf Vardø gestoppten Uhrzeiten nachdrücklich einfordert, spricht Hell vor der königlichen Akademie Dänemarks über seine Nordlichtbeobachtungen. Er bricht erst im Mai, nach seiner dritten Audienz beim Monarchen, auf nach Wien. Die Donaumetropole sieht ihn am 12. August 1770 wieder - zwei Jahre und drei Monate nach der Abreise!

Zweifel an Hells Daten


In Paris analysiert Lalande längst diverse Beobachtungsberichte aus aller Herren Länder. Er weiß nicht, welche am verlässlichsten sind. So streuen die ermittelten Erdbahnradien zwischen 148 und 155 Millionen Kilometern. Mit den Zeiten Hells und Cooks erhielte Lalande 150,9 Millionen. Das käme dem wirklichen Wert von 149,6 Millionen Kilometern recht nahe, wie sich später herausstellen wird. Da Hell aber so lange mit der Bekanntmachung zögerte und andere Forscher im hohen Norden Wetterpech meldeten, misstraut man seinen Angaben: Hell soll sie nachträglich angepasst oder sogar "erdichtet" haben.

1835 meint Karl Ludwig Littrow, ein späterer Nachfolger Hells, in den handschriftlichen Aufzeichnungen tatsächlich Hinweise auf Manipulationen zu finden. Simon Newcomb wird den Pater erst 1883 außer Verdacht stellen: Er entlarvt die angeblichen Spuren des Radierens als bloße Falten im Papier und die vermeintlichen Korrekturen als simples, nochmaliges Nachziehen der Zahlen mit dunkler Tinte. Alle wichtigen Einträge seien von Hell noch auf Vardø erfolgt, unterstreicht der US-Astronom.

Maximilian Hell nützte das nichts mehr. Die Auflösung des Jesuitenordens 1773 verbitterte ihn. Sein Plan zur Gründung einer wissenschaftlichen Akademie in Wien wurde von der Kaiserin abgelehnt. Seine kompletten Reiseaufzeichnungen gingen aus Geldmangel nie in Druck. Hell starb am 14. April 1792 an einer Lungenentzündung. Man setzte ihn am Friedhof von Maria Enzersdorf bei.

Venustransit Juni 2012


Am 6. Juni 2012 kommt es zum letzten Durchgang der Venus im 21. Jahrhundert. Wenn der Planet im Raum Wien gegen 4:52 Uhr MESZ aufgeht, hat er den Großteil seines Wegs über die Sonnenscheibe schon geschafft. Sein gemächlicher Austritt erfolgt zwischen 6:37 und 6:55 Uhr, niedrig über dem Ostnordosthorizont. Mit wirklich neuen, noch nicht verwitterten "Sonnenfinsternisbrillen" könnte man die Venus zuvor als haarfeinen Punkt auf der Sonne erspähen. Beim Einsatz optischer Instrumente muss ein fachgerechtes Spezialfilter vor dem Objektiv befestigt werden, zwischen Optik und Sonne. Sonst wird man blind! Die Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie lädt unter anderem auf der Fußgängerbrücke vor dem Millennium-Tower zur Beobachtung ein, der Astronomische Verein auf dem Flakturm im Esterhazypark.

Informationen: www.himmelszelt.at

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als Fachjournalist in Wien und schreibt seit 1991 über astronomische Themen im "extra". Internet: www.himmelszelt.at