Der KP-Funktionär hatte neben dem Abschiedsbrief an seine Frau auch je einen an seine Geschwister und an seinen Sohn geschrieben. Keiner der drei Briefe wurde aber jemals zugestellt, wie Weinert betonte - sie lagen im Berliner Bundesarchiv.

Um äußerste Geheimhaltung bemüht war die NS-Justiz nicht nur, was das Datum der Hinrichtungen betraf, sondern auch im Zusammenhang mit dem Umgang der Leichen. Wie eingangs erwähnt, mussten die Leichen der Hingerichteten, einem Erlass des Reichsjustizministers zufolge, an das nächstgelegene Anatomische Institut geliefert werden. Noch heute sind Listen vorhanden, aus denen hervorgeht, welcher Anatom - je nach Bedarf - den Kopf und welcher den Rumpf bekommen sollte.

Nach ihrer "Verwertung" wurden die Leichen unter der Auflage strengster Geheimhaltung an den Zentralfriedhof geliefert. Bemerkenswert dabei ist, dass es einigen Hinterbliebenen nicht nur gelang, in Erfahrung zu bringen, dass die Leichen ihrer Verwandten ins Anatomische Institut kamen, sondern auch, dass sie in der Gruppe 40 beerdigt wurden.

In Ausnahmefällen gelang es Angehörigen sogar noch vor der Befreiung Wiens, die Grabstelle ausfindig zu machen und, trotz aller damit verbundenen Gefahren, bereits zu diesem Zeitpunkt einen kleinen Grabstein aufzustellen. Es gab jedoch auch Fälle, in denen Angehörige erst Jahrzehnte später von der Begräbnisstätte ihrer hingerichteten Verwandten Kenntnis erlangten. Noch bis ans Ende der 1950er Jahre wurden, ohne die Angehörigen zu informieren, Leichen von Widerstandskämpfern vom Anatomischen Institut auf den Zentralfriedhof gebracht und in der Gruppe 40 beerdigt.

Das Gräberfeld selbst war nach dem Krieg verwildert, Hoffnungen von Seiten der Angehörigen auf eine würdevolle Gestaltung blieben lange unerfüllt. Erst in den 50er Jahren beschloss die Gemeinde Wien, das Gräberfeld in einen Ehrenhain umzuwandeln. Kurz darauf wurden die Gräber saniert und die bis dahin bestehenden Holzkreuze durch einheitliche kleine Grabsteine ersetzt.

Diese mangelnde Sensibilität im Umgang mit der Gruppe 40 ist für Weinert "beredtes Zeugnis von der in Österreich herrschenden Gedenkkultur". Eine Gedenkkultur, für die es, wie die Diskussion im Anschluss an den Vortrag des Historikers ergab, in den Jahren nach dem Krieg in Österreich auch gar keine Bereitschaft gab: Zu sehr war das innenpolitische Klima von den Weltkriegsteilnehmern und ehemaligen NS-Anhängern geprägt, anstatt, wie in Frankreich, von Verfolgten, Vertriebenen und Antifaschisten.

Große Teile der Bevölkerung standen dem österreichischen Widerstand skeptisch bis feindselig gegenüber; Widerstandskämpfer wurden als "Eidbrecher", "Feiglinge" und "Mörder" beschimpft.

Neue Gedenkkultur


In den 60er Jahren passte eine von Opferangehörigen und solidarischen Stimmen geforderte Gedenkkultur nicht ins Selbstbild einer endlich freien und durch ein Wirtschaftswunder erstarkten jungen Republik. Erst 18 Jahre nach Kriegsende kam es zur Gründung des "Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes" (DÖW). Gegen Ende der 70er Jahre begann die "Opfertheorie" offiziell hinterfragt, und in den 80ern anlässlich der Waldheimaffäre auch öffentlich diskutiert zu werden. Die Einrichtung des "Zukunftsfonds der Republik" im neuen Jahrtausend kann als klarer Auftrag zur Aufarbeitung der Rolle Österreichs in der NS-Zeit gesehen werden. Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Erinnerung an Menschen, die ihr Leben für Freiheit und Gerechtigkeit geopfert haben, unabdingbare Basis für die Zukunft sein soll.

Wenigstens in diesem Sinne dürfte, dank Willi Weinerts Bemühungen, der Wunsch des eingangs zitierten Robert Kurz nicht unerfüllt bleiben. Dieser schrieb in seinem Abschiedsbrief: "Was man mit uns macht, ist nackter Mord. Man wird euch einmal erzählen, wie es hier zugegangen ist, wie man gewütet hat ohne Erbarmen, wie man uns hingeschlachtet und gemartert hat. Ich will, dass ihr euch dies merkt und später einmal nicht vergesst."

Arthur Fürnhammer, geboren 1972, lebt als freier Autor und Journalist in Wien.