Als Johann Puch am 19. Juli 1914 in Zagreb stirbt, umfasst sein Nachlass ein Automobil aus eigener Fabrikation sowie 13 Pferde und Fohlen im Gesamtwert von rund 20.000 Kronen. Über die von ihm gegründete Firma findet sich kein Wort.

Johann Puch (1862-1914). - © stadtmuseumgraz
Johann Puch (1862-1914). - © stadtmuseumgraz

So lapidar endete der Lebensweg eines Fabriksherrn, der als junger Schlosser aus der Einschicht eines slowenischen Dorfes in das einigermaßen pulsierende Leben von Graz eintauchte und dort mit Tatendrang, handwerklicher Perfektion und wohl auch einer Portion Bauernschläue ein Unternehmen von europäischem Format aufbaute.

Am Anfang jedoch stand das Wort, und das war beim Pfarrer von St. Lorenz in den Windischen Büheln, der mit klerikaler Zu-verlässigkeit den 27. Juni 1862 als den Tag der Geburt und Sakuak in der Nähe von Pettau, dem heutigen Ptuj, als den Geburtsort in das Taufbuch eintrug. Der Eintrag erfolgte in Deutsch, auch wenn die Alltagssprache Slowenisch war, und so wurde aus dem gebräuchlichen Janez Puh der amtsdeutsche Johann Puch.

In den ersten zwei Jahrzehnten sind die Haltepunkte, an denen man das Leben des Johann Puch festmachen kann, spärlich. Angeblich musste er, lange bevor alle seine acht Geschwister auf der Welt waren, bereits als Kind den elterlichen Hof verlassen und sich als Helfer bei einem Müller an der Drau verdingen. Wenn das stimmt, ist seine weitere Entwicklung umso erstaunlicher. Denn spätestens als er ab seinem 12. Lebensjahr bei einem Pettauer Schlosser eine Lehre beginnt, nimmt sein Bildungsweg einen geordneten Verlauf. Nach der Freisprechung 1877 tritt er seine Arbeit in der Schlosserei des Anton Gerschack in Radkersburg an, wo er seine handwerklichen Fertigkeiten verfeinert und das notwendige Rüstzeug für seine berufliche Zukunft erhält.

Die Firmengründung

Noch sind Slowenien und Österreich in einer riesigen Monarchie vereint, sodass Radkersburg keinen Grenzort, sondern bloß eine Etappenstation auf Puchs Wanderung von der untersteirischen Heimat ins südsteirische Graz darstellt. Dort lässt er sich nach dem Militärdienst schließlich in der Strauchergasse nieder und verliebt sich alsbald in Maria Reinitzhuber, die Tochter seines wohlhabenden Hausherrn. Die Heirat bringt Puch eine stattliche Mitgift, die ihm aus seiner Posi- tion als Werkmeister in der Fahrradfabrik des Benedikt Albl den Sprung in die Selbstständigkeit erheblich erleichtert.

Puch ist 27 Jahre alt, als er von der Stadt Graz die - erst per Anwalt erstrittene - Genehmigung für die Errichtung einer Werkstatt erhielt. Bald darauf investiert er ein Vermögen in einen 20 Mitarbeiter umfassenden Betrieb. Ohne die Finanzkraft seiner Frau und seines Geschäftspartners Victor Kalman wäre diese Expansion wohl nicht möglich gewesen - zumindest nicht in dieser Schnelligkeit. Seinen Wohnsitz im Bezirk Lend, einer damals wie heute wenig attraktiven Gegend, wird Puch nie mehr wechseln - ein kurioses Paradoxon der Beständigkeit zu seiner ansonsten an den Tag gelegten Umtriebigkeit.

Puch war nicht unbedingt der geniale Konstrukteur, und seine Produkte stellten nicht die Avantgarde des technisch Machbaren dar. Aber er verfügte über das handwerkliche Wissen, bestehende Techniken zu optimieren, besaß die Fähigkeit, Spezialisten aus dem Ausland nach Graz zu lotsen, und erkannte schon früh, dass die Mutter des Erfolgs im geglückten Marketing zu finden ist.

Die zeitliche Lücke zwischen dem englischen Weldless-Stahl und dem zuverlässigen Schwedenstahl füllte lange Zeit der von Puch geschaffene Mythos vom härtesten Stahl der Welt, nämlich jenem aus der Steiermark. Die daraus gefertigten Styria-Räder fuhren bei den damals populären Radrennen Sieg um Sieg ein. Der Erfolg bei "Paris - Roubaix" 1893, nicht anders denn als eine Sensation zu bezeichnen, gab dem Geschäftsgang im Allgemeinen und dem Export im Speziellen einen gehörigen Schub.

Opfer des Radsports

Die Puch’sche Belegschaft wuchs Jahr für Jahr um hundert Mitarbeiter. Der Meister selbst jedoch - begeisterter, aber nur mäßig erfolgreicher Radrennfahrer - holte sich bei einem eigenen Sportengagement fast den Tod. Beim Langstreckenrennen von Wien nach Triest 1891 trat er als Schrittmacher selbst in die Pedale und zog sich dabei eine schwere Lungenentzündung zu, von deren Langzeitfolgen er nie mehr genesen sollte. Sie begründete wohl den Beginn seines Herzleidens.

Doch zunächst bleiben der Tatendrang und seine ausgeprägte Reisetätigkeit, immer auf der Suche nach aktuellen Entwicklungen und neuen Lieferanten, ungebremst. Er produziert Schlittschuhe, Traber-Sulkies und erwägt den Einstieg in die Näh- und Schreibmaschinen-Fabrikation. Als sich die Bielefelder Dürrkopp-Werke 1897 an seiner Firma beteiligen, lässt er sich auszahlen. 1899 startet er mit der "Johann Puch - Erste steiermärkische Fahrrad-Fabriks-AG" neu durch und präsentiert, entsprechend dem Aufbruchsgeist der Jahrhundertwende, bereits 1901 seine ersten Motorräder.

Die Kundenakzeptanz war von Beginn an gut, und was bei den Fahrrädern funktioniert hatte, funktionierte auch bei den Motorrädern: Die mit einem werkseigenen Rennteam erzielten Erfolge im Sport schlugen sich auch im Alltagsgeschäft nieder.