Karl Elsener legte 1884 in Ibach/Schwyz den Grundstein zu einem Weltkonzern. - © VICTORINOX
Karl Elsener legte 1884 in Ibach/Schwyz den Grundstein zu einem Weltkonzern. - © VICTORINOX

"Ein Mann, der nicht mit Werkzeug umgehen kann, ist kein Mann", heißt es in Arthur Millers Stück "Der Tod eines Handlungsreisenden". Aller eingeschriebenen Ironie zum Trotz, reizt dieser Spruch wohl unvermindert des Mannes Selbstverständnis. Als Elchtest für sein technisches Geschick böte sich ein geradezu kultisches Utensil an: das Schweizer Messer. Natürlich nicht die jugendfreie Variante, sondern ein hochkomplexes Multi-Tool-Modell wie das "SwissChamp" (33 Funktionen) oder das "Cyber Tool" (41 Funktionen) aus dem Hause Victorinox, bzw. das "Giant Knife" der Firma Wenger (mit gut 1,3 Kilogramm und über 140 Funktionen fand es Aufnahme ins Buch der Rekorde).

Seit über hundert Jahren produzieren sowohl Victorinox als auch Wenger das weltberühmte, multifunktionale Taschenmesser. Mit seiner roten Griffschale und dem aufgeprägten Schweizer Kreuz wurde es zur unverwechselbaren Marke. Der jeweilige Hersteller ist am Logo ablesbar: Umfängt ein abgerundetes Viereck das Schweizer Kreuz, handelt es sich um ein Wenger-Produkt; hat die Umrandung die Form eines Schildes, stammt das Messer von Victorinox.

Was Nicht-Helveter als "Schweizer Messer" bezeichnen, nennt der Schweizer Volksmund schlicht "Sackmesser". Sein Urmodell stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Seit damals stattet die eidgenössische Armee ihre Soldaten mit einem multifunktionalen Taschenmesser aus. Es integriert einen Schraubendreher zum Zerlegen des Gewehrs sowie Dosenöffner, Kapselheber und Ahle. Das praktische Taschenwerkzeug wurde zum unverzichtbaren "Compagnon" des Soldaten - und zum Prototyp für unendliche Varianten des zivilen Taschenmessers.

Maximale Material- und Verarbeitungsgüte: Victorinox gewährt auf seine Taschenmesser unbegrenzte Garantie. - © PHOTOPRESS
Maximale Material- und Verarbeitungsgüte: Victorinox gewährt auf seine Taschenmesser unbegrenzte Garantie. - © PHOTOPRESS

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Schweiz noch ein armes, von Auswanderung geprägtes Land. Es mangelte an industriellen Betrieben, die Großaufträge abwickeln konnten. Doch es fehlte nicht an unternehmerischem Geist - es war das Zeitalter der Pioniere. Karl Elsener aus Ibach im Kanton Schwyz war aus solchem Holz. Der Messerschmied hatte die übliche Wanderlehre absolviert. Die Walz hatte ihn ins süddeutsche Tuttlingen geführt, dann nach Paris. Den positivistischen Geist der Seine-Metropole im Gepäck und das Qualitätsstreben Helvetias in den Genen, hielt Elsener an seiner Vision fest: Er wollte das Armee-Messer produzieren. Letztlich war dies auch ein patriotischer Akt. 1884 gründete er seine eigene Messerschmiede.

Um die nötige Kapazität für das Großprojekt aufzubringen, schloss er den Bund mit Zunftgenossen. Den Zuschlag erhielt dennoch ein Betrieb aus dem deutschen Solingen; das Offert war konkurrenzlos günstig. Während Elseners Genossen aufgaben, bot der Initiator sein gesamtes Vermögen auf, um sein Ziel zu erreichen (Verwandte retteten die Schmiede vor dem sicheren Konkurs). 1891 schaffte Karl Elsener den Durchbruch: Er lieferte die ersten Soldatenmesser an die Schweizer Armee. Hierauf entwickelte er ein zweites, eleganteres Modell, das sogenannte "Schweizer Offiziers- und Sportmesser". Anders als das Soldatenmesser, wurde das "Offiziersmesser" kein offizieller Ausrüstungsgegenstand der Armee (daher die Anführungszeichen), doch kauften die Offiziere das nützliche Utensil privat. Und immer mehr Zivilisten taten es ihnen gleich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand das Schweizer "Offiziersmesser" in den PX-Läden der US-Army reißenden Absatz - und trat unter dem Namen "Swiss Army Knife" seinen weltweiten Siegeszug an. Selbst im New Yorker Museum of Modern Art und im Staatlichen Museum für angewandte Kunst in München fand es seinen Platz. Als museales Objekt wurde es - mit Walter Benjamin gesprochen - in die Zeitlosigkeit enthoben und somit zu einer Allegorie des Unvergänglichen.

So viel Erfolg ruft naturgemäß Kopisten auf den Plan. Eine gesetzlich geschützte Handelsmarke "Schweizer Offiziersmesser" gibt es dennoch nicht, erläutert Urs Wyss, der Marketingleiter von Victorinox: Das Unternehmen hatte gegen einen Händler von chinesischen Plagiaten in den USA Prozess geführt, war aber in zweiter Instanz abgewiesen worden: "Swiss" sei nur ein "generischer Name", sein Gebrauch mithin gemeinfrei. Allerdings, so Wyss, müssen Imitate nach dem Rekursurteil entweder die Bezeichnung "Swiss Army TYPE Knife" tragen, oder den Namen des Erzeugers integrieren, also etwa "Mustermann Swiss Army Knife". Sehr wohl geschützt sind natürlich die Marke "Victorinox" und zahlreiche Einzelprodukte.

Doch zurück zu den Anfängen: 1909 versah Karl Elsener alle Taschenmesser erstmals mit dem bis heute gültigen Emblem (Schild mit Kreuz). Im selben Jahr starb seine Mutter (und Förderin) Victoria. Nach ihr benannte er nun die Fabrik und ergänzte den Namen Victoria alsbald um "inox" (frz. inoxydable, rostfrei). "Victorinox" war geboren. Der Betrieb wurde in der Folge massiv erweitert, die Produktpalette permanent innoviert und für diverse Zielgruppen adaptiert. Neben gut 100 Varianten des "Offiziersmessers" erzeugt Victorinox heute 250 weitere Taschenwerkzeuge (Taschenmesser und Multi-Tools). Das Angler-Messer etwa verfügt über einen Fischentschupper, das Nothelfer-Exemplar über Scheibenzertrümmerer, Gurtenschneider und nachtleuchtende Schalen. Im "Expedition-Kit" stecken Wecker und Höhenmesser, Baro- und Thermometer, Maßstab, Kompass, Lupe und Abziehstein. Selbst an die Bedürfnisse der Business-Nomaden und virtuellen Globetrotter ist gedacht: Ihre "Taschenwerkzeuge" sind mit Laserpointer, Leuchtdioden und Druckkugelschreiber, bzw. Hochleistungsdatenspeicher und Fingerprintmodul ausgestattet.