Sie waren Gastarbeiter im Kindesalter, über ein halbes Jahr lang ihrer Familie entrissen, vom Heimweh geplagt, dem harten Arbeitsablauf eines Großbauernhofes unterworfen und von der Hoffnung aufrecht erhalten, am Ende der Saison mit Geld und neuer Kleidung die Heimreise antreten zu können. "Schwabenkinder" nannte man jene etwa 6- bis 14-Jährigen, die alljährlich im Frühjahr Bauern aus Württemberg zur Arbeit angeboten wurden. Sie hatten weite Wege aus Tirol, Vorarlberg, Südtirol und Graubünden in der Schweiz zurückgelegt, ehe sie auf den Kindermärkten von Ravensburg und mit dem Aufkommen der Schifffahrt auf dem Bodensee zunehmend in Friedrichshafen auf einen Dienstherrn warteten, der sie für die nächsten Monate in Stellung nahm.

Aufbruch am Josefstag

Schwabenkinder am Sammelplatz in Friedrichshafen. - © Wikipedia
Schwabenkinder am Sammelplatz in Friedrichshafen. - © Wikipedia

Eröffnet wurde der Handel mit den Billigstarbeitskräften alljährlich am 19. März, dem Josefstag. Bis zu zehn Gehtage hatten die Kinder, die auf den alten Saumwegen nach Württemberg geleitet wurden, da schon in den Beinen. Im März herrscht in den Alpen noch tiefer Winter, der Schnee liegt meterhoch, die Luft ist schneidend kalt, der heftige Wind macht alles noch viel schlimmer. Die schlechte Witterung und der bis zu 200 Kilometer lange Anmarsch, die dünne Kleidung und das desolate Schuhwerk führten zu Erfrierungen. Die Kinder waren in einem oft erbärmlichen Zustand, wenn sie auf den Märkten eintrafen.

Bevor 1884 die Arlbergbahn eröffnet wurde, musste man zu Fuß über den knapp 1800 Meter hohen Pass, wer aus dem Vintschgau kam, außerdem noch über den 1400 Meter hohen Reschenpass. Damals waren das noch keine von der Hotellerie erschlossenen touristischen Promeniermeilen. Die Karawane der minderjährigen Saisonarbeiter schlief in Scheunen und Ställen. Auch Klöster sowie hie und da ein Gasthaus boten Unterschlupf und Ausspeisung.

Das Geld hierfür, der sogenannte Zehrpfennig, wurde von den Kindern zuvor in ihrer Heimat erbettelt und reichte meist nicht aus. Die nachbessernden Almosen erbaten sie sich hauptsächlich in Bregenz und Dornbirn, dort jedenfalls wurde die Not im Kindergewand als besonders belästigend empfunden. Von den herzzerreißenden Abschiedsszenen im Hospiz am Arlbergpass, wo die Kinder mit Tränen in den Augen vor der Statue des Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden, knieten, hatte man hier keine Vorstellung. Auch nicht vom Abstieg vom Zeinisjoch, vor dem offenbar so viel geweint ("gereart") worden sein musste, dass der dortige Bildstock bald "Rearakapelli" hieß.

Erstmals erwähnt wurden die Kinderwanderungen vom Verwalter des Schlosses Bludenz 1625. Ihren Höhepunkt erreichten sie im 19. Jahrhundert, als alljährlich Tausende der kleinen und halbwüchsigen Arbeitskräfte nach Schwaben zogen. Ihre Familien lebten vorwiegend von der Landwirtschaft, waren meist Bergbauern, die den Hängen ein Stück Agrarland abtrotzten, dessen Ertrag mit steigender Höhe und kürzeren Vegetationszeiten immer geringer wurde. Verschärft wurde die Situation durch die Tradition der Realteilung, die eine gleichmäßige Aufteilung des Nachlasses unter allen Erbberechtigten vorsah. Was eine gerechte Lösung sein sollte, führte zur Aufsplitterung in viele, nicht überlebensfähige Kleinbesitze. Zahlreiche Familien waren überschuldet, Folgen von Kriegen oder Naturkatastrophen hatten die Lage prekär gemacht. Der in der Regel hohe Kinderreichtum brachte die Familien ganz unmittelbar in Not: Was der Boden hergab, reichte meist nicht aus, um die hungrigen Mäuler vollzukriegen. Mit jedem, der nach Schwaben ging, hatte man einen Esser weniger.

Dort standen dank einer geschickten Landwirtschaftspolitik und einer günstigen klimatischen Lage florierende Gutshöfe, die im 19. Jahrhundert durch die erwirtschafteten Überschüsse Oberschwaben zur Kornkammer für Vorarlberg und die Schweiz machten. Die kleinen Hilfskräfte waren vor allem für das Viehhüten sowie die damit in Verbindung stehenden Arbeiten eingesetzt: Futter holen, Kühe melken, Stall ausmisten. Die Mädchen waren in die Hausarbeit eingebunden, kochten, wuschen die Wäsche, buken Brot und halfen bei Arbeiten im Gemüsegarten.

Während der Erntezeit waren alle Hände gefragt. Da begann der Tag um vier Uhr in der Früh und endete erst um zehn Uhr abends. Pausen boten einzig die Mahlzeiten. Schlaf und somit Erholung vom kräfteraubenden Arbeitstag fanden die Kinder in kleinen Kammern, die sie mit anderen Dienstboten teilten, oder auf dem Dachboden. Sofern ein Bett vorhanden war, nächtigten zwei Personen darin, dem einen oder anderen wurde schon auch einmal eine Schlafstatt im Stall zugewiesen.

Bei aller unterschiedlicher Erfahrung, die die Schwabenkinder mit den Dienstherren und ihren Familien machten, war das Heimweh, so ist den noch erhaltenen Briefen zu entnehmen, die größte Belastung. Darüber half auch der Besuch der Messe am verpflichtend arbeitsfrei zu gebenden Sonntag nicht hinweg, und auch nicht wirklich die Reiterprozession in Weingarten am Blutfreitag in der Woche vor Pfingsten, zu der auch Geschwister und Freunde aus weiter entfernten Dienstorten kamen. Eine Integration in die dörfliche Gemeinschaft fand in der Regel nicht statt. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, war fester emotionaler Bestandteil des Arbeitseinsatzes in der Fremde.