Die Speicher der Nationalbibliothek quellen bald über - aber ist die Digitalisierung der Archive die Lösung? - © APAweb
Die Speicher der Nationalbibliothek quellen bald über - aber ist die Digitalisierung der Archive die Lösung? - © APAweb

Wien. Die Pläne der Nationalbibliothek (ÖNB), Neuerwerbungen künftig nur mehr in digitaler Form Books zu erwerben, stoßen auf erheblichen Widerstand:  Der Vorstand der IG Autorinnen Autoren befürchtet massive Einbußen bei der dauerhaften Verlässlichkeit und Zugänglichkeit - und fordert den Rücktritt von ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger.

"Bücher bzw. Printmedien als kollektives gesellschaftliches Gedächtnis dürfen keinesfalls ausschließlich in virtueller Form aufbewahrt werden", so die IG in einer Aussendung. Die digitale Speicherung garantiere aufgrund der rasanten technologischen Veränderung keine dauerhafte und verlässliche Archivierung und bleibende Zugänglichkeit.

Abhängigkeit von Google?
Rachinger hatte verkündet, eine Novelle des Mediengesetzes anzustreben, mit der die Pflicht zur physischen Sammlung von Neuerscheinungen gestrichen würde. Bis auf wenige Ausnahmen würde die ÖNB somit nur noch E-Books archivieren.

Mit dem geplanten Wegfall der Ablieferungspflicht von Druckwerken vernachlässige die ÖNB allerdings nicht nur ihre gesetzlich vorgeschriebene Kerntätigkeit, sondern liefere sich und damit die kulturellen Bestände "einem privatwirtschaftlichen Oligopol (Google) aus", kritisieren die Autorenvertreter. Durch das Vorhaben, künftig nur noch E-Books zu sammeln, werde zudem eine klare Marktsteuerung zugunsten dieser vorgenommen.

Als "Zumutung" bezeichnet die IG die Ankündigung der ÖNB, auch künftig genügend echte Bücher zu sammeln, sofern diese einen gewissen haptischen Wert hätten. "Ein solches subjektives Auswahlverfahren öffnet der Willkür Tür und Tor."

Speicher füllen sich
"Wir sind schon nächstes oder übernächstes Jahr voll. Noch immer erscheinen jährlich an die 50.000 Bücher, die von uns physisch gesammelt werden", hatte  Rachinger allerdings am Freitag beklagt. Man rechne jedoch damit, dass künftig immer mehr Bücher nur noch digital erscheinen werden. Für die Speicherung, bei der auch Cloud-Lösungen geprüft werden sollen, wirft dies neben neuen Rechts- und Sicherheitsfragen auch technische Probleme auf: "Wir werden alle paar Jahre, wenn Hard- und Software wieder überholt sind, den kompletten Bestand auf neue digitale Technologien umkonvertieren müssen", sagte Bettina Kann, Hauptabteilungsleiterin der "Digitalen Bibliothek". "Das ist eine Herausforderung, die Bibliotheken nur gemeinsam bewältigen können."

2011 besuchten rund 500.000 Menschen die ÖNB, 62 Millionen Seitenaufrufe und 9,3 Millionen Abfragen in den Onlinekatalogen und Datenbanken wurden verzeichnet. Dieses Verhältnis dürfte sich künftig dramatisch verschieben. "Unser Ziel ist es, die Wissensgesellschaft von morgen aktiv mitzugestalten", so Rachinger. Lesesäle werde es aber auch 2025 weiterhin geben.