Pfeil und Bogen sind - wie hier am Xingu in Brasilien - noch immer in Gebrauch. - © © Ton Koene/Visuals Unlimited/Corbis
Pfeil und Bogen sind - wie hier am Xingu in Brasilien - noch immer in Gebrauch. - © © Ton Koene/Visuals Unlimited/Corbis

Berlin. Niemand weiß genau, unter welchen Umständen und warum Pfeil und Bogen erfunden worden sind. Zwar hat die Vermutung einiges für sich, dass man sich diese Fernwaffe zugelegt hat, als man sie für die Jagd dringend benötigte, weil das Wild immer knapper wurde. Doch ob diese Hypothese stimmt, ist noch nicht geklärt. Hingegen weiß man seit kurzem, wann Menschen spätestens damit angefangen haben, diese Waffe herzustellen und zu gebrauchen. 2009 stieß Marlize Lombard, eine Archäologin von der Universität von Johannesburg, in der Sibudu-Höhle in Südafrika auf die Überreste von Bögen und Pfeilen. Bald darauf stellte sich heraus, dass die Fundstücke rund 64.000 Jahre alt sind.

Entscheidend für Überleben


Aber nicht genug damit. Unlängst hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung des Archäologen Kyle Brown von der Universität von Kapstadt in Pinnacle Point an der Südküste Südafrikas etliche filigrane Steinklingen gefunden, die nicht weniger als 71.000 Jahre alt sind. Diese Klingen, erklären die Wissenschafter in der neuesten Ausgabe des Magazins "Nature", können nur als Pfeil- oder Wurfspeerspitzen gedient haben. Die Paläoanthropologin Sally McBrearty von der University of Connecticut vermutet in einem "Nature"-Kommentar, dass Pfeile und Speere, die aus den Klingen hergestellt wurden, ausschlaggebend für das erfolgreiche Überleben der modernen Menschen waren, als sie Afrika verließen und auf die Neandertalern trafen.

Die geometrisch geformten, nur ungefähr 2,5 bis 3 Zentimeter langen Artefakte bestehen meistens aus eingekieseltem Sedimentgestein (Silcrete), das durch Erhitzung in Feuerstellen gehärtet worden ist, sodass es leichter zu bearbeiten war. In den Augen der Archäologen lässt sich an diesen winzigen Klingen ablesen, über welche hochentwickelten kognitiven Fähigkeiten der Homo sapiens damals schon verfügt haben muss. Die Produktion von Klingen solcher Art erforderte nämlich einen gewaltigen Aufwand: Sammlung und Transport von Rohlingen, Sammlung und Transport von Feuerholz, kontrollierte Erhitzung der Rohlinge, Vorbereitung und Bearbeitung des Materials, Herausbrechen von Klingen durch seitliche Einkerbungen, schließlich Retuschen.

Nach landläufiger Auffassung ist den Menschen der Altsteinzeit höchstens alle Jubeljahre eine technische Innovation gelungen, vorausgesetzt, dass der Zufall ihnen kräftig unter die Arme gegriffen hat. Dass diese Auffassung durch und durch falsch ist, geht eindeutig aus den Erkenntnissen hervor, zu denen Marlize Lombard und ihre Kollegin Miriam Haidle von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften kürzlich gelangt sind. Die Wissenschafterinnen berichten über ihre Forschungsergebnisse im "Cambridge Archaeological Journal".