Nach Marlize Lombard und Miriam Haidle haben Hominiden schon vor 2,5 Millionen Jahren eine Vielzahl von Werkzeugen verwendet und auch schon Werkzeuge zur Herstellung weiterer Werkzeuge hergestellt. Vor 200.000 bis 300.000 Jahren war man immerhin bereits imstande, Geräte aus mehreren Elementen zusammenzubauen, zum Beispiel Holzspeere mit Steinspitzen auszurüsten.

Hingegen hat man es bei einem Gerät wie Pfeil und Bogen mit einem äußerst komplexen Gebilde zu tun, dessen Erzeugung an das Denkvermögen erheblich höhere Anforderungen stellt, denn es sind etliche Arbeitsschritte und präzise langfristige Planung erforderlich. Nach den Berechnungen von Lombard und Haidle sind für die Anfertigung eines primitiven Bogens samt Pfeilen mit Vorschaft und Steinspitze zehn verschiedene Werkzeuge erforderlich, und 22 Rohmaterialien sowie drei Halbfertigprodukte (Mehrkomponenten-Klebstoff und Bindematerial aus Sehnen und Pflanzenfasern) müssen zusammengefügt werden. "Wir haben beim Pfeil und Bogen natürlich zwei Komponenten: zum einen den Pfeil und zum anderen den Bogen", sagt Haidle. Beim Bogen wiederum haben wir auch verschiedene Komponenten: Wir haben zum einen den Holm, wir haben die Sehne, und dann gibt es (...) oftmals eine Art Griff, eine Umwickelung, damit man den Bogen einfach besser halten kann. Man muss die Sehne oben befestigen, und zwar so, dass sie wirklich eine Spannung aushält. Die Bögen, die Sie und ich als Kinder gemacht haben, die waren nicht so wirklich funktionstüchtig, dass sie eine große Spannung ausgehalten haben. Das heißt, man muss die Knoten oben auch noch speziell mit anderen Sehnen oder anderen Befestigungsmitteln festmachen."

Marlize Lombard und Miriam Haidle vermuten übrigens, dass etwa zur gleichen Zeit wie Pfeil und Bogen die ersten Tierfallen - die frühesten Automaten der Menschheitsgeschichte - aufgekommen sein dürften. Die beiden Wissenschafterinnen vermuten außerdem, dass die Erfindung von Pfeil und Bogen unmittelbar zu weiteren Erfindungen wie zum Bohrer oder zu Saiteninstrumente geführt haben könnte. "Wir haben historische und ethnologische Belege", erklärt Lombard, "dass die Buschleute in Südafrika Bögen als Saiteninstrumente benutzten, etwa als violinenähnliche Geräte, die mit einem Stab gestrichen wurden und den Mund als Klangraum nutzten, um den Klang zu verstärken. Aber sie können auch nur gezupft werden, als einfache Gitarre."