In der Nacht zum 22. November 1952 bemerkte ein Polizist, dass der Rollbalken eines Geschäftslokals in der Alserstraße 7, direkt neben dem Landesgericht für Strafsachen, zum Teil hinaufgeschoben war, was ihm verdächtig vorkam. Er betrat das Geschäft durch die unverschlossene Eingangstüre, wo er mit einem grauenhaften Bild konfrontiert wurde. Der Geschäftsinhaber Johann Arthold lag mit eingeschlagenem Schädel und durchtrenntem Hals in einer riesigen Blutlache.

Adrienne Eckhardt wurde 1953 als Mörderin verurteilt. - © ÖNB / Hilscher
Adrienne Eckhardt wurde 1953 als Mörderin verurteilt. - © ÖNB / Hilscher

Johann Arthold wurde im Jahre 1908 als Sohn eines Kleinbauern in Prinzendorf geboren. Der nur 165 cm große Mann konnte nicht gerade durch sein Äußeres bestechen. Er verstand es jedoch, die Nachkriegsjahre für sich zu nützen und mit Schleichhandelsgeschäften binnen kurzer Zeit zu Reichtum zu gelangen. Schokolade war besonders gefragt. Diese Lücke nützte er mit großen Importen aus, weshalb er den Spitznamen "Cadbury-König" bekam, benannt nach der englischen Schokoladenmarke. Das schnell verdiente Geld legte Arthold in einem eleganten Auto, einem Rennstall, einem livrierten Diener und zahlreichen Freundinnen an. Sparen für schlechtere Zeiten war für ihn ein Fremdwort. Und so kam es, wie es kommen musste. Der finanzielle Abstieg war nicht aufzuhalten. Was blieb, war die kleine Gemischtwarenhandlung in der Alserstraße. Und jetzt das gewaltsame Lebensende!

Das legendäre Sicherheitsbüro hatte schon bei seiner ersten Erhebung Glück. In der Manteltasche des Toten wurden zwei Straßenbahnfahrscheine gefunden, auf denen die gefahrene Strecke von Grinzing um zirka 23 Uhr markiert war. Als nächster kriminalistischer Schritt wurde die Schaffnerin jenes Wagens ausfindig gemacht werden, mit dem Arthold gefahren ist. Weil zu so später Stunde fast keine Fahrgäste mehr anwesend waren, konnte sie sich gut an Arthold und seine Begleiterin, eine blonde Dame in einem Panofixmantel, erinnern.

Die Tatverdächtige


Die Polizei hatte größtes Interesse an der Mitfahrerin, vorerst einmal nur als Zeugin, denn man traute dieses hohe Maß an Gewaltanwendung (rund 40 Hiebe mit einem harten Gegenstand) einer Frau nicht zu. In kurzer Zeit wurde eruiert, dass es sich bei der Gesuchten um Adrienne Eckhardt handelte. Ein Kriminalbeamter holte sie aus ihrer Wohnung ab, um sie als Zeugin ins Sicherheitsbüro zu bringen. Auf einem Kleiderhaken ihrer Untermietwohnung im 7. Bezirk hing jener Mantel, welcher der Schaffnerin aufgefallen war. Das geübte Auge des Beamten entdeckte darauf Schmutzspuren, daneben hing ein Rock mit Flecken, die abzuwaschen versucht worden waren. Bei der gerichtsmedizinischen Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um Blutspuren der Blutgruppe Artholds handelte. Eckhard gab an, mit diesem beim Heurigen in Grinzing gewesen und mit ihm zurück zu seinem Geschäft in die Alserstraße gefahren zu sein. Vor der Eingangstür habe sie von Arthold ein Lebensmittelpaket übernommen und sei dann nach Hause gegangen.

Diese Darstellung ließ sich auf Grund des gerichtsmedizinischen Blutbefundes nicht aufrechterhalten, weshalb Eckhardt dann mit einer neuen Variante aufwartete. Sie sei mit Arthold im Geschäft gewesen und habe mit ihm noch ein Bier getrunken, als ein ihr unbekannter, großer Mann, mit einem Dufflecoat bekleidet, eintrat und Arthold mit den Worten "Servus alter Gauner" begrüßte.

Das Interesse der Bevölkerung an diesem Kriminalfall war immens, nicht zuletzt wegen des Dufflecoats, einem damals sehr modernen Kleidungsstück, das durch den Film "Der dritte Mann" - mit Orson Welles in der Hauptrolle - bekannt geworden ist. Adrienne Eckhardt sagte, nach einer Auseinandersetzung der beiden Männer habe der ihr Unbekannte einen Gegenstand aus seiner Manteltasche genommen, wiederholt mit diesem auf Artholds Kopf eingeschlagen. Dann forderte er sie auf, ein Messer zu bringen, mit dem er dem röchelnden Opfer die Kehle durchgeschnitten hat.

Hierauf forderte der Unbekannte Adrienne E. auf, das Messer zu reinigen und das blutige Handtuch verschwinden zu lassen, während er selbst das Hiebwerkzeug, ein rund 30 cm langes Eisenstück, bei der Wasserleitung reinigte. Sie habe dann das Geschäft verlassen und der geheimnisvolle Unbekannte sei zurückgeblieben.

Der unvergessene Hofrat Franz Heger, damals Leiter der Mordkommission im Sicherheitsbüro, stellte der Verdächtigen mit einer nebensächlichen Frage eine Falle, in die sie prompt hineinfiel. Er fragte sie sinngemäß: Haben Sie das Licht abgedreht, als sie gingen? Sie bejahte das. Der erfahrene Kriminalist traf dann nur noch die Feststellung: Der große Unbekannte ist also in der Finsternis zurückgeblieben. Jetzt merkte Adrienne Eckhardt, dass ihr Spiel verloren war. Gleich darauf legte sie ihr Mordgeständnis ab. Als Motiv gab sie Hass an seit dem Tag, als der Kaufmann "widernatürlichen Sex" von ihr haben wollte, doch als zweites Motiv kam die Not dazu. Sie war zum Zeitpunkt der Tat völlig mittellos.

Der Tathergang spielte sich nach ihrer neuen Darstellung folgendermaßen ab: Eckhardt hatte mit einer Fleischmaschine ungefähr 40 Mal auf den Schädel von Arthold eingeschlagen und ihm dann noch den Hals durchgeschnitten. Zusätzlich zum Geständnis gab es aber auch kriminalistische Sachbeweise und zwar die Blutspuren (Blutgruppe des Opfers) auf ihrem Mantel, ihrem Rock und vor allem das in ihrer Wohnung sichergestellte Corpus delicti, die Fleischmaschine. Ferner verfügte die Täterin plötzlich über Bargeld. Sie hat damit zum Beispiel ihre Uhr im Dorotheum ausgelöst.