Am 2. Februar 1943 flog ein Fernaufklärer der deutschen Luftwaffe über Stalingrad und setzte die Meldung ab: "In Stalingrad keine Kampftätigkeit mehr!" Die Stadt an der Wolga war zum Massengrab geworden. Auch nach 70 Jahren ist nicht genau bekannt, wie viele Wehrmachtssoldaten umgekommen sind. Die Sowjets zählten später 147.000; nach Berechnungen des Freiburger Historikers Rüdiger Overmans wurden 195.000 Soldaten eingeschlossen; 29.000 wurden ausgeflogen, 60.000 starben im Kessel. Von den 110.000, die gefangen genommen wurden, starben 105.000; nur rund 5.000 überlebten. Österreicher waren stark vertreten, etwa 50.000, darunter die Infanteriedivision Hoch-und Deutschmeister.

Nur 1200 Österreicher kehrten zurück. Die Wehrmacht hatte die bis dahin größte Niederlage erlitten, in einem Krieg, den der Historiker Ernst Nolte den "ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg der Neuzeit" genannt hat und der im Sommer 1941 mit dem "Unternehmen Barbarossa" begonnen hatte.

Eine Fehlentscheidung

Mit "Barbarossa" sollte "Lebensraum im Osten" erobert werden. Dieses Konzept war 1941 gescheitert. Im Frühjahr/Sommer 1942 reichten die militärischen Kräfte nur noch zur Offensive an einem Frontabschnitt aus. Laut "Führerweisung" sollte es jetzt darum gehen, ". . . den Übergang über den Kaukasus selbst zu gewinnen". Stalingrad sollte erreicht oder so unter die Wirkung schwerer Waffen gebracht werden, "dass es als weiteres Rüstungs- und Verkehrszentrum ausfällt". Das war eine gigantische Aufgabe, die nur bei völligem Zusammenbruch des Gegners zu schaffen war. Aber dazu kam es nicht. Die Sowjets wichen geschickt in die Weite des Raumes aus.

Eine folgenreiche Fehlentscheidung Hitlers war es dann, dem Vorstoß in Richtung Kaukasus Priorität einzuräumen und durch Abzug einer Panzerarmee die Zangenbewegung auf Stalingrad aufzugeben. Für den Angriff auf Stalingrad blieb damit nur die 6. Armee. Ihre Spitzen erreichten am 23. August nördlich von Stalingrad die Wolga; am selben Tag flog die Luftwaffe mit 600 Maschinen den schwersten Angriff seit einem Jahr. Stalingrad versank in Schutt und Asche.

Als die Deutschen in die Stadt eindrangen, leisteten die Sowjets erbitterten Widerstand. Zur Verteidigung Stalingrads wurden, wie wir heute wissen, in großer Zahl Soldaten aus Strafbataillonen eingesetzt. Um jeden Meter Boden wurde gekämpft, um jedes Haus, um jeden Trümmerhaufen.

Stalingrad war mehr als nur eine wichtige Industriestadt an der Wolga: Sie trug seit 1925 Stalins Namen. Sie durfte nicht fallen - ein Diktator kann sich keine Prestigeeinbuße leisten. Nicht zuletzt aus diesem Grund wollte auch Hitler diese Stadt unbedingt einnehmen - für sie hatte er das gleiche Schicksal wie für Leningrad und Moskau vorgesehen: Die gesamte männliche Bevölkerung sollte "beseitigt", Frauen und Kinder sollten deportiert werden.

Anfang Oktober verlangte er die "völlige Inbesitznahme" Stalingrads. Vier Wochen später waren 90 Prozent der inzwischen vollständig verwüsteten Stadt in deutscher Hand - "Stalingrad ist keine Stadt mehr", schrieb ein deutscher Offizier -, aber sie fiel nicht. Und das, obwohl Hitler dies bereits öffentlich angekündigt hatte. Am 30. September hatte er im Sportpalast festgestellt, die Wehrmacht werde Stalingrad "berennen und es auch nehmen". Und am 8. November hatte er in München bei seiner jährlichen Ansprache zur Erinnerung an den Putsch von 1923 großsprecherisch von sich gegeben, man habe Stalingrad genommen; es seien nur noch "ein paar ganz kleine Plätzchen da", die wolle er "mit ganz kleinen Stoßtrupps" einnehmen. Aber am 19. November griff die Rote Armee nördlich und südlich Stalingrads im Rücken der 6. Armee an, durchbrach die deutsch-rumänische Frontlinie und schloss am 22. November den Ring um die Stadt: Die 6. Armee saß in der Falle.

Der Anfang vom Ende

Das Schicksal der 6. Armee entschied sich in den Tagen unmittelbar nach dem 22. November. General Paulus und mit ihm die Befehlshaber der vier Armee- beziehungsweise Panzerkorps der 6. Armee wussten, dass in dieser Situation der Ausbruch die einzige Möglichkeit zur Rettung der Armee war. Seit dem 21. November liefen alle ihre Anträge bei Hitler in diese Richtung, sie wurden darin vom Oberkommando der Heeresgruppe B unterstützt.

Entscheidend ist jedoch, dass Hitler selbst von Anfang an fest entschlossen war, Stalingrad nicht aufzugeben. Am 21. November gab er Weisung auszuhalten, "über Luftversorgung folgt Befehl".

Paulus machte am 23. November in einem Funkspruch an Hitler klar, dass die Armee "in kürzester Zeit" vernichtet werde, wenn nicht "sofortige Herausnahme aller Divisionen aus Stalingrad" erfolge, gleichzeitig begann man mit Vorbereitungen für den Ausbruch.

Da kam am 24. November Hitlers Haltebefehl, verbunden mit der Zusage, er werde "alles tun", um die Armee "entsprechend zu versorgen und rechtzeitig zu entsetzen". Beides war nicht möglich - und die verantwortlichen Militärs wussten es! Im Grunde wurde damit das Todesurteil über die 6. Armee gesprochen. Spätestens hier hätte sich die Frage nach den Grenzen des militärischen Gehorsams stellen müssen.