"Jeder Zoll ein Soldat"

"Junge Männer, kernig federnd", schwärmte die Zeitung "Das Reich" über Deutschlands Sportler, "mit Gesichtern wie gehämmert, jeder Zoll ein Soldat!" Von derart martialischen Vergleichen waren die weiblichen Teilnehmer der WM nicht belastet. Deutsche Anmut und italienische Grandezza wurden den jungen Frauen wie selbstverständlich zugeschrieben, wenn sie couragiert über Abfahrtspisten und geschmeidig durch Torstangen jagten, hernach charmant lächelten und den Tränen - sei es aus Enttäuschung oder Freude - freien Lauf ließen. Es ist nicht überliefert, wie sehr die Augen der 18-jährigen Anneliese Proxauf geglänzt haben, aber das Abschneiden der jungen Innsbruckerin bei ihrem WM-Debüt war mit drei Bronzemedaillen geradezu sensationell. Auch nach dem Krieg feierte sie große Erfolge, war 1946 strahlende Siegerin in Seefeld und der Hahnenkammrennen in Kitzbühel, gewann 1948 in Chamonix, Sölden, St. Anton und Seefeld. Sie wurde mehrmals österreichische Meisterin, konnte aber - teilweise aus Verletzungspech - bei keinem Großereignis mehr reüssieren.

1953 beendete sie ihre Karriere, spielte danach erfolgreich Tennis und qualifizierte sich 1955 sogar für das Turnier in Wimbledon. Drei Jahre später gründete die begeisterte Segelfliegerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Max Schuh das Bedarfsflugunternehmen Aircraft Innsbruck, aus dem später die Tyrolean Airways hervorgingen.

Die große Triumphatorin von Cortina war die Deutsche Christl Cranz, die im spannenden Duell mit der italienischen Lokalmatadorin Celina Seghi jeweils Gold in der Abfahrt und der Kombination sowie Silber im Slalom holte. In der Abfahrt durfte sich ihr Bruder Rudolf über Bronze freuen - und fiel keine fünf Monate später zu Beginn des Russlandfeldzuges. Christl Cranz trat daraufhin mit erst 27 Jahren vom Skirennsport zurück. Die gebürtige Belgierin, deren Familie von den Wirren des Ersten Weltkriegs nach Deutschland verschlagen worden war, hatte im Laufe ihrer Karriere zwölf Weltmeistertitel errungen. Ein Rekord, der bis heute unerreicht ist.

Die Ski-Weltmeisterschaften 1941 waren geschlagen, die Athleten Italiens und Deutschlands hatten ihren Ländern alle Ehre gemacht und ihre Politiker zumindest vordergründig das Bild harmonischer Bündnispartner gewahrt. Im Hintergrund zeichneten sich jedoch bereits erste Risse in den militärisch-politischen Interessen ab, als Deutschland gegen Rumänien und Italien gegen Griechenland militärische Alleingänge unternahmen. Die sportpolitische Zusammenarbeit schien das vorerst nicht zu trüben. Zwischen 1938 und 1940 hatte es 58 deutsch-italienische Sportbegegnungen gegeben, mehr als doppelt so viele wie in den zwanzig Jahren davor.

Deutsche Sportführung

Bis zum Bruch der "Achse" 1943 werden noch 36 dazukommen. Reichssportführer Tschammer und Osten hatte eine klare Vorstellung von der sportpolitischen Vormachtstellung Deutschlands, die er in einem Brief an Außenminister Joachim von Ribbentrop anlässlich der 5. Internationalen Wintersportwoche in Garmisch 1941 konkretisierte: "Deutschlands Position als internationaler Mittelpunkt des Sports hat sich derart verfestigt, dass wir in Zukunft die Führung des internationalen Sports in die Hand bekommen. Die Länder werden daran gewöhnt, die deutsche Sportführung als maßgebend anzuerkennen."

Wenig später stimmten die FIS-Delegierten für die Vergabe der Ski-WM 1942 an Garmisch-Partenkirchen. Sie findet auf Grund der Kriegsereignisse allerdings nie statt.

Auf dem ersten FIS-Kongress nach dem Krieg, 1946 im französischen Pau, wurde die WM 1941 mit der Begründung, dass zu wenige Nationen an den Wettkämpfen teilgenommen haben, aus den Annalen des Sports gelöscht. Josef Jennewein und Albert Pfeifer erhielten von der Aberkennung ihrer Weltmeistertitel keine Kenntnis mehr. Sie waren 1943 gefallen. Beide hatten ihren 24. Geburtstag nicht mehr erlebt.

Thomas Karny, geboren 1964, lebt als Sozialpädagoge, Autor und Journalist in Graz. Er hat mehrere Bücher über Zeit- und Sportgeschichte veröffentlicht.