"Wiener Zeitung": Die Österreicher hatten die Kruckenkreuzbinde noch am Arm - und die Hakenkreuzbinde bereits vorsorglich in der Tasche, besagt ein historisches Bonmot. Wie viel Wahrheitsgehalt steckt darin - und wie war die Stimmung in der Bevölkerung im März 1938?

"Karl Renner bewies über die Jahrzehnte, dass er sich mit Regimewechseln zu arrangieren wusste. Er war, genauso wie Kardinal Innitzer, ein Opportunist." Florian Wenninger - © Foto: Andreas Urban
"Karl Renner bewies über die Jahrzehnte, dass er sich mit Regimewechseln zu arrangieren wusste. Er war, genauso wie Kardinal Innitzer, ein Opportunist." Florian Wenninger - © Foto: Andreas Urban

Florian Wenninger: In Wien war seit Ende 1937 klar, dass das Regime von Kanzler Schuschnigg keine Zukunft mehr haben wird. Ob die Hakenkreuzbinde in der Tasche ein Massenphänomen war, lässt sich schwer sagen. Sicher ist aber, dass viele vorgebaut haben, etwa Beamte.

Warum gerade Beamte?

Stärker als andere Bevölkerungsgruppen waren sie Anhänger des deutschnationalen Milieus, das ab Anfang der 1930er Jahre schrittweise im Nationalsozialismus aufging. Die Beamten hatten nicht nur mehr Sympathie, sondern auch bessere Informationen, und sie versuchten bereits lange vor der Machtübernahme 1938, ihre Positionen abzusichern.

Wer profitierte außer den Beamten noch vom Machtwechsel?

Mit dem neuen Regime waren große Hoffnungen verbunden - etwa bei Landarbeitern, deren Situation sich nur wenig von der von Leibeigenen unterschied. Zum Teil waren umgehend Änderungen bemerkbar: Mägde beriefen sich erfolgreich auf die "deutsche Mutterehre", um zudringliche Bauern auf Distanz zu halten. Auch gut gebildete Frauen, die mit der "Doppelverdienerverordnung" 1933 aus dem Staatsdienst gedrängt worden waren, erwarteten sich eine Verbesserung ihrer Situation. Analog zu Beamten war auch diese Gruppe wesentlich stärker deutschnational orientiert als der Durchschnitt.

Der zurückgetretene Kanzler Schuschnigg bildete keine Exil-Regierung. Welches strategische Kalkül steckte dahinter?

Strategie war prinzipiell nicht Schuschniggs Fall. Das vielbehauptete Abwehrprojekt des Austrofaschismus gegen den Nationalsozialismus relativierte sich von Beginn an: Lange nach dem Parteiverbot der NSDAP verhandelte das Regime weiter über Mittelsmänner mit den Nazis. Und ab dem Juli-Abkommen 1936 inte-grierte man die Nationalsozialisten schrittweise in das System. Es ging also nicht um Abwehr, sondern um einen Ausgleich. Schuschnigg äußert sich in seinem Nachlass nur vage zum Exil. Vermutlich war ihm bedeutet worden, es werde ihm nichts passieren, wenn er sich kooperativ verhalte. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen war das natürlich null und nichtig. Schuschnigg war schlicht naiv.

Wer zählte noch zu den Verlierern des Machtwechsels?

Natürlich war die bisherige Funktionselite davon betroffen. Anhänger des Regimes hatten gemeinhin aber weniger zu befürchten als Linke, geschweige denn all jene, die nun als Juden, Roma oder "Asoziale" verfolgt wurden. Bei der Verfolgung der österreichischen Linken konnte die Gestapo auf den Vorarbeiten des Schuschnigg-Regimes aufbauen. Die illegale Sozialdemokratie verhängte vor dem Einmarsch ein Betätigungsverbot für ihre Sympathisanten. Ausgehend von der Erkenntnis aus Deutschland, dass Widerstand zwecklos war, sollten die eigenen Kader auf diese Weise geschont werden. Anders die Kommunisten: Die brachten ihre Führung außer Landes, setzen aber weiter auf Aktivitäten in Österreich.

Wie wurde die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in Österreich 1938 wahrgenommen?

Zweifellos sahen viele das ökonomische Strohfeuer, das in Deutschland infolge der massiven Aufrüstung loderte und erhofften sich auch hierzulande einen Aufschwung. Und die neue Obrigkeit tat natürlich alles, um diese Hoffnungen zu nähren.

Wurde lediglich das Strohfeuer wahrgenommen, oder wurden es auch die Umstände - von der Aufrüstung über Arbeitspflicht bis zum Ausschluss von Juden vom Arbeitsmarkt?

Die Umstände wurden nur bedingt wahrgenommen. Der linke Untergrund versuchte, diese zu thematisieren und warnte vor der Aufrüstung für einen Krieg, die Resonanz dürfte aber begrenzt gewesen sein.

Angesichts dieser Warnungen: Warum hat Karl Renner den "Anschluss" begrüßt?

Renner begründete seine Haltung im Nachhinein mit der Verhaftung seines Parteikollegen Robert Danneberg, der später in Auschwitz umgebracht wurde. Renner behauptete, ihm sei für seinen Aufruf zum "Anschluss" die Enthaftung Dannebergs versprochen worden. Ich wage das zu bezweifeln.

Was war dann Renners Motivation?

Grundsätzlich bewies Renner über die Jahrzehnte, dass er sich mit Regimewechseln zu arrangieren wusste. Vor dem "Anschluss" war er etwa um einen Ausgleich mit Dollfuß bzw. Schuschnigg bemüht gewesen. Man muss allerdings auch bedenken, dass sich Renner nach dem "Anschluss" keineswegs sicher sein konnte, ob man ihn schonen würde oder nicht. Zum Opportunismus trat also der Selbsterhaltungstrieb. In der Sozialdemokratie unterblieb bisher jedenfalls eine kritische Beschäftigung mit Renners Person.

Warum?

Wie in jeder Partei wurde reflexartig jede wichtige Person in Schutz genommen, denn von der ÖVP wurde Renner ja regelmäßig angegriffen. Für wesentlich problematischer als den Aufruf zum "Anschluss" halte ich Renners Arbeit an einer Jubelbroschüre anlässlich der Annexion des Sudetenlandes. Die feierte er ohne Not und aus eigenem Antrieb als die Heimkehr alten deutschen Bodens. Eine Veröffentlichung des Werks wurde Renner aber nicht gestattet.

Inwieweit spielte da die großdeutsche Tradition in der Sozialdemokratie eine Rolle?

"Die Erforschung des Austrofaschismus gilt als nicht sonderlich ,sexy‘. Dabei gäbe es viel zu tun, denn unser Kenntnisstand ist in vielen Bereichen noch recht begrenzt": Florian Wenninger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Alexander Dworzak. - © Foto: Andreas Urban
"Die Erforschung des Austrofaschismus gilt als nicht sonderlich ,sexy‘. Dabei gäbe es viel zu tun, denn unser Kenntnisstand ist in vielen Bereichen noch recht begrenzt": Florian Wenninger im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Alexander Dworzak. - © Foto: Andreas Urban

Renner war, wie seine Partei, sicher großdeutsch - nicht alldeutsch, wohlgemerkt. Zumindest der Vorstellung eines "Anschlusses" konnte er sicherlich etwas abgewinnen. Wie auch viele andere, deren antifaschistische Haltung unbezweifelbar ist, nehmen Sie nur Otto Bauer oder Friedrich Adler. Mit dem "Zuchthaus Hitlers", wie Bauer das NS-Regime bezeichnete, wollten die Sozialdemokraten aber nichts zu tun haben.

Auch die Bischöfe begrüßten den "Anschluss" und sahen darin eine Abwehr "des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus". Was veranlasste die Kirche zu diesem Schritt?

Die katholische Kirche hatte materiell viel zu verlieren und war bestrebt, nicht zur Zielscheibe der neuen Machthaber zu werden. Die Aussage über den Bolschewismus kam zudem von Herzen. Der Wiener Kardinal Theodor Innitzer war der Karl Renner der katholischen Kirche: also ein eloquenter Opportunist. Andererseits zeigte sich in manchen Pfarrchroniken Entsetzen über den Nationalsozialismus.

Warum hat das Erstarken des Nationalsozialismus nicht zur Schaffung einer eigenständigen österreichischen Identität beigetragen?

Hat es letztlich ja. Die österreichische Nation wurde in der Zwischenkriegszeit von zwei Personen erfunden: dem Christlichsozialen Ernst Karl Winter und dem Kommunisten Alfred Klahr. Beide konstruierten Österreich als Kulturnation, die stark im Barock fußte, in keinster Weise als Verfassungsnation. Die Positionen von Winter und Klahr waren bis 1945 nicht mehrheitsfähig, sie wurden im Zuge der Staatsbildung erneut aufgegriffen.

Wie gestaltete sich der Alltag für Juden unmittelbar nach dem "Anschluss"?

Sie wurden von einem Tag auf den anderen vogelfrei. Das Spektrum reichte von Demütigungen, Misshandlungen und wilden Arisierungen bis hin zu Morden. Wie groß der Druck war, erkennt man auch daran, dass sich über 200 Juden alleine von März bis Mai 1938 das Leben nahmen. Im selben Zeitraum ein Jahr zuvor waren es "nur" 19 Personen gewesen.

Wieso ging die Bevölkerung in Österreich, insbesondere in Wien, noch brutaler gegen Juden vor als im "Altreich"?

Nicht nur die Betroffenen, auch die NSDAP war von der Virulenz des Antisemitismus überrascht. Das hat einerseits mit einer langen - auch rabiaten - antisemitischen Tradition in Österreich zu tun. Andererseits waren an den Übergriffen viele österreichische SA-Legionäre beteiligt, die im Windschatten des "Anschlusses" zurückkehrten, sich aber um die Früchte "ihres" Sieges geprellt fühlten, da Posten und Pfründe bereits von Reichsdeutschen, SS- und Parteimitgliedern besetzt waren. Diese aus ihrer Sicht zu kurz Gekommenen stahlen daraufhin, was sie bekommen konnten.

Die zweite Tätergruppe bestand aus gewaltbereiten Antisemiten, die sich - wie im "Herrn Karl" beschrieben - "eine Hetz machten". Die dritte Gruppe war jene der mehr oder minder unideologischen Beutemacher. Interessanterweise befanden sich unter ihnen nicht wenige Frauen. Da bei "Arisierungen" Geschäfte weit unter dem tatsächlichen Marktwert verkauft wurden, konnten Personen selbst mit minimalem Startkapital zum Kleinunternehmer aufsteigen.

Wie wurde der Übergang vom Schuschnigg-Regime zum Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg bewertet?

Die SPÖ hielt der Volkspartei bereits im Wahlkampf 1945 den Austrofaschismus vor, um die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren. Die ÖVP konterte, indem sie die Vaterländische Front als einzige pro-österreichische Kraft darstellte und auf Renners Anschlusseuphorie verwies. Dieses Muster war stets anlassbezogen, beschränkte sich auf Wahlkämpfe und Jahrestage. Auf breiter Ebene wurde das Thema erst in den 1960er Jahren medial verhandelt, 1972 wurde eine politisch beschickte Kommission zur Erforschung der Jahre 1927 bis 1938 gegründet. Bis zum 50. Jahrestag der NS-Machtergreifung im Jahr 1988 wurde auch die "Anschluss"-Begeisterung heruntergespielt. Mein eigener Geschichte-Lehrer im Gymnasium rechnete noch Anfang der 1990er vor, dass sich am Heldenplatz 1938 gar nicht so viele Bürger versammelt hätten, weil leere Teile des Platzes auf den zeitgenössischen Fotos absichtlich nicht zu sehen seien.

Andreas Khol bezeichnete jüngst die Ausschaltung des Parlaments 1933 als "Putsch". Kündigt sich hier eine Neupositionierung der ÖVP an?

Ja, eine vorsichtige. Das zeigt auch das Rehabilitierungsgesetz für die Opfer 1933-38, das 2012 in Kraft trat. Hier haben sich insbesondere Khol und Fritz Neugebauer Verdienste erworben. Man darf eine Frontbegradigung aber nicht mit einer gänzlichen Neuorientierung verwechseln. Eine kritische Beschäftigung mit der eigenen Ahnengalerie und dem autoritären Erbe unterbleibt bisher. Khol sagt ja auch, die Vaterländische Front habe "keine völkische Gesinnung" gehabt. Dabei gab es zweifellos einen nicht unwesentlichen Antisemitismus im Austrofaschismus, auch wenn er keine Gesetzeskraft hatte.

Kontrovers wird immer wieder die Bezeichnung des Regimes diskutiert: Ständestaat versus Austrofaschismus.

Die einzige Funktion des Begriffs Ständestaat ist eine verharmlosende. Nach 1945 war der Terminus Faschismus diskreditiert, auch wenn maßgebende Personen der Vaterländischen Front zunächst selbst von Faschismus sprachen. Die ÖVP, deren Kanzler bis 1970 alle hochrangige Mitglieder der Vaterländischen Front oder assoziierter Organisationen waren, suchte daher nach einem Ersatzbegriff. Ab 1948 versuchte die Volkspartei systematisch Ständestaat durchzusetzen, beginnend mit der Vorbereitung auf die Nationalratswahl 1949.

"Mein eigener Geschichte-Lehrer im Gymnasium rechnete noch Anfang der 1990er Jahre vor, dass sich am Heldenplatz 1938 gar nicht so viele Bürger versammelt hätten..." Florian Wenninger - © Foto: Andreas Urban
"Mein eigener Geschichte-Lehrer im Gymnasium rechnete noch Anfang der 1990er Jahre vor, dass sich am Heldenplatz 1938 gar nicht so viele Bürger versammelt hätten..." Florian Wenninger - © Foto: Andreas Urban

Sie selbst verwenden den Begriff Austrofaschismus. Warum?

Ich bin mir bewusst, dass das Wort Faschismus als Vorbehalt gegen politische Gegner in Stellung gebracht wird. Zugleich ist es spätestens seit den 1970er Jahren eine fundierte wissenschaftliche Kategorie. Mir geht es vor allem um die Art und Weise, in der Herrschaft ausgeübt wurde. Während Diktaturen alten Typs darauf bedacht waren, die Bevölkerung in die Passivität zu drängen, hat der Faschismus das Gegenteil gemacht: er hat ein breites Spek-trum von Organisationen geschaffen, die eine permanente Aktivierung im Dienste des Regimes sicherstellen sollten. Die Vaterländische Front war eine geradezu klassisch-faschistische Organisation. Dass sie nicht sonderlich effektiv war, ändert daran prinzipiell nichts.

Die zwei zentralen Argumente gegen den Faschismusbegriff halte ich für nicht stichhaltig: das Ausmaß der Verbrechen und der mangelnde Expansionsdrang. Denn erstens kann sich das Ausmaß der Unterdrückung zwar nicht mit dem deutschen, aber mit dem italienischen Faschismus im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft messen. Und zweitens verfügte Österreich schlicht nicht über das notwendige militärische und ökonomische Potenzial, um irgendjemandem in seiner Umgebung gefährlich zu werden. Es war ein Binnenfaschismus.

Viele Historiker arbeiteten mit dem Nationalsozialismus auch ihre eigene Familiengeschichte auf. Gilt das noch für Ihre Generation?

Ich kann nur für mich sprechen, und hier trifft es zu. Ein Unterschied zu früheren Historikergenerationen liegt vielleicht darin, dass eine nationalsozialistische Familiengeschichte heute leichter annehmbar ist, weil es nicht um Eltern, sondern um Urgroßeltern geht. Da ist die Distanz größer.

Welche Themen sind derzeit in der deutschsprachigen Zeitgeschichtsforschung en vogue?

Bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus haben sich Holocaust- und Gedächtnisforschung in den vergangenen 20 Jahren rasant entwickelt, auch die Frauen- und Geschlechterforschung hat große Fortschritte gemacht, ebenso die Technik- und Wissenschaftsgeschichte. Etwas eingeschlafen ist leider die "Geschichte von unten", eine Geschichtsschreibung aus der Per-spektive von sozial Deklassierten, Ähnliches gilt für die Alltagsgeschichte und die Geschichte sozialer Bewegungen. Die Logik der Drittmittelfinanzierung verlangt nach "sexy" Themen, die nicht notwendigerweise mit kritischen Fragen zu tun haben.

Gilt die Erforschung des Austrofaschismus als "sexy"?

Nicht sonderlich. Dabei gäbe es wahrlich viel zu tun, unser Kenntnisstand ist in vielen Bereichen noch recht begrenzt. Das hat natürlich auch mit gesellschaftlichen Bewertungen zu tun: Seit ein Konsens über die NS-Zeit hergestellt werden konnte, gibt es auch die notwendigen Mittel zu ihrer Erforschung. Der Austrofaschismus ist auch politisch nach wie vor ein heißes Eisen, entsprechend schwerer ist es, hier die notwendigen Gelder aufzutreiben.

Alexander Dworzak, geboren 1980 in Wien, hat Politikwissenschaft studiert und ist im Ressort "europa@welt" der "Wiener Zeitung" tätig.