Reise in "nahen" Orient

Nun konnten wieder Reisende aus Wien oder Budapest bequem den "Orient" bereisen. Kaum wurden die Osmanen nicht mehr als Gefahr betrachtet, wurde osmanische Kultur - oder zumindest das, was man dafür hielt - für das österreichisch-ungarische Bürgertum interessant. In einer Zeit, in der selbst Fabriksherren, wie etwa der Insektenvertilgungsmittelhersteller Johann Zacherl, ihre Fabriken in Wien architektonisch orientalisierten, stellte die Insel in der Donau geradezu ein touristisches Disneyland für orientalistische Phantasien dar, in das man reisen konnte, ohne die beschwerliche Reise bis Konstantinopel auf sich zu nehmen. Und nun, da die Türken nicht mehr als Gefahr, sondern sogar noch als Waffenbrüder im Weltkrieg Seite an Seite mit den Österreichisch-Ungarischen Soldaten kämpften, konnte man sich doppelt an der "Insel des Islam" erfreuen.

1915, während im Osmanischen Reich selbst gerade armenische und assyrische Christen massakriert und in den Tod getrieben wurden, wurden die Türken in Österreich nicht mehr als "Gefahr für die Christenheit", sondern als Verbündete gegen Serben und Russen gesehen.

Der Touristenstrom riss deshalb nicht einmal während des Ersten Weltkriegs völlig ab. Kaum war die Insel nicht mehr unter Beschuss, kamen auch schon wieder die Gäste, um einen Hauch Osmanisches Reich zu erleben. "Seit das gegnerische Ufer gesäubert war", schildert Kisch, "hatte Osrova nicht bloß den Charakter eines Welthafens errungen, sondern auch einen internationalen Personenverkehr aufzuweisen, und die eintreffenden deutschen, österreichischen und türkischen Offiziere nützten gerne ein freies Stündchen, um dem exterritorialen Stückchen des Orients ihre Visite zu machen."

Der vermeintliche Sieg hielt bekanntlich nicht lange an und mit der Niederlage Österreich-Ungarns und der Auflösung des Habsburgerreiches war es auch mit der Souveränität über die Festungsinsel dahin. Die Frage, wem Ada Kaleh denn nun gehören sollte, war wieder offen. Das ebenfalls zusammengebrochene Osmanische Reich konnte keine Gebietsansprüche mehr geltend machen und befand sich in seinen letzten Zügen zwischen Allierten Besatzungstruppen und der Guerillaarmee Mustafa Kemals, der später zum Vater der modernen Türkei werden sollte.

Ungarn hatte ebenfalls große Teile seiner ehemaligen Reichshälfte verloren und grenzte nicht mehr an die Insel. Und so blieben nur Serbien und Rumänien zur "Auswahl", wobei der Begriff die Realitäten vor Ort verzerrt: Nicht die Bevölkerung von Ada Kaleh, die immer noch aus Muslimen mit osmanischer Muttersprache bestand, sondern die neuen Staaten sollten die Zukunft der Insel bestimmen. 1919 annektierte Rumänien die Insel, was von der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches allerdings erst 1923 völkerrechtlich verbindlich anerkannt wurde.

Fez, Bazar, Moschee

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die "Kleine Türkei" noch einmal eine Blüte als Ausflugsziel. Kalter Krieg und Eiserner Vorhang sorgten zwar dafür, dass die Zahl westlicher Touristen überschaubar blieb, für Reisende aus der Region blieb die Insel allerdings ein attraktiver Ausflugsort. Schließlich konnte man hier noch eine osmanische Gesellschaft erleben, wie sie in der Türkei selbst schon längst verschwunden war. Hatte Mustafa Kemal bereits 1925 mit dem sogenannten "Hutgesetz" das Tragen des Fez verboten, so konnten die Herren auf Ada Kaleh weiterhin die Kopfbedeckung aus rotem Filz tragen. Bazar und Moschee boten Besuchern eine osmanische Atmosphäre.

Kulturelle Bindungen zur Türkei blieben jedoch auch über die Grenzen hinweg bestehen. Auf seinem Staatsbesuch besuchte sogar der türkische Premier Süleyman Demirel am 13. September 1967 die Insel. Als er die ehemalige Enklave des Sultans betrat, hatten in Bukarest die Bürokraten des Ceausescu-Regimes bereits das "Todesurteil" über die Insel gesprochen.

1964 hatten Rumänien und Jugoslawien gemeinsam mit der Errichtung eines gewaltigen Flusskraftwerkes beim Eisernen Tor begonnen. Die Bewohner der Insel wurden 1967 gegen ihren Willen deportiert. Viele zogen in die Türkei oder ließen sich in der Dobrudscha in der Nähe der Schwarzmeerküste nieder. Einige wenige Bauten wurden auf der in der Nähe gelegenen Insel Simian wieder aufgebaut, die anderen wurden gesprengt und versanken 1971 mit der Insel selbst in den Fluten des Stausees.

Nicht versunken ist die Trauer vieler Vertriebener um ihre verlorene Insel. In einer türkischen Dokumentation von Ismet Arasan erklärt Cafer Islamoglu, der im nahe gelegenen rumänischen Landkreis Caras-Severin geblieben ist: "Alle anderen Menschen in dieser Welt haben eine Heimat. Auch wenn sie weit weg sind, können sie ihre Heimat besuchen, wann immer sie wollen. Wir haben diese Chance nicht."

Thomas Schmidinger, geboren 1974, ist Politikwissenschafter, Sozial- und Kulturanthropologe und Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.