Bil Spira: "Selbstbildnis" (um 1930). - © Sammlung Oliver Bentz
Bil Spira: "Selbstbildnis" (um 1930). - © Sammlung Oliver Bentz

Der Wiener Zeichner Bil Spira gehört zur Generation jener Künstler, deren Leben und Werk durch die unruhigen Zeitläufte des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst wurden. Geboren noch in der Habsburger Monarchie am Vorabend des Ersten Weltkrieges, erzielte er gerade erste künstlerische Beachtung und Anerkennung, als das Aufkommen der Nationalsozialisten seine junge Laufbahn jäh abbrechen ließ.

Marseille, im Sommer 1940: Nach der Niederlage Frankreichs sind viele prominente Gegner Hitlers, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Jahr 1933 aus Deutschland und nach dem "Anschluss" 1938 aus Österreich nach Frankreich geflohen waren, nun von der Auslieferung an die Gestapo bedroht. Der Norden Frankreichs ist von den Deutschen besetzt. Im vermeintlich freien Süden regiert der greise Marschall Philipp Pétain, der mit den Nazis kollaboriert.

Exilhelfer in Marseille

Bil Spira: "Pariserin" (um 1930). - © Sammlung Oliver Bentz
Bil Spira: "Pariserin" (um 1930). - © Sammlung Oliver Bentz

Im deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen hat sich Pétains Marionetten-Regierung verpflichtet, "alle in Frankreich sowie in den französischen Besitzungen befindlichen Deutschen, die von der deutschen Reichsregierung namhaft gemacht werden, auf Verlangen auszuliefern." Tausende von Emigranten, die sich nach Südfrankreich retten konnten, sitzen jetzt in der Menschenfalle Marseille in tödlicher Gefahr fest und hoffen auf ein rettendes Visum, das ihnen die Flucht aus Europa ermöglicht.

Aufgerüttelt von in die USA geflüchteten Exilanten, machte sich eine Gruppe reicher amerikanischer Menschenfreunde daran, diesen in Lebensgefahr schwebenden Flüchtlingen zu helfen. Auf Anregung von Erika Mann und mit Unterstützung der Präsidentengattin Eleonore Roosevelt gründeten sie in New York das "Emergency Rescue Committee", eine Organisation zur Rettung der wegen ihrer politischen Haltung oder ihrer Religion Verfolgten.

Zur Durchführung der Hilfsaktion schickten sie den 33-jährigen Harvard-Absolventen Varian Fry nach Europa. Im August 1940 kam er, ausgestattet mit einer Liste der zu Rettenden und den Taschen voller Dollar nach Marseille und knüpfte binnen kürzester Zeit ein engmaschiges Netz von Einheimischen und Flüchtlingen, um in den nächsten dreizehn Monaten etwa 4000 Menschen die Flucht aus Frankreich zu ermöglichen.

Für seine Mission, von ihm bewunderte europäische Intellektuelle wie etwa Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Heinrich und Golo Mann, Alfred Döblin, Walter Mehring, Max Ernst oder Marc Chagall vor den Nazis zu retten, war Fry jeder Helfer Recht: Jane Gold, eine amerikanische Millionärin; Männer der französischen Geheimpolizei, die sich den Nazis nicht fügen wollten; Konsularbeamte vieler Nationalitäten, die Visa verkauften; die örtliche Unterwelt; die Mafia - und schließlich der aus Österreich geflohene Zeichner Bil Spira, der sein Talent dazu einsetzte, für die Flüchtlinge Pässe und Dokumente zu fälschen.

Varian Fry und dessen bis zu seinem Tod 1967 kaum gewürdigte "Heldentat" wurden erst spät wieder entdeckt und zuletzt 2007 in einer großen Schau der Berliner "Akademie der Künste" dokumentiert. Diese Ausstellung widmete auch Frys Helfern ausführliche Kapitel. Von Bil Spira aber hatte man kaum noch Lebensspuren gefunden, weshalb man ihn im Katalog fast nur durch kurze Zitate aus seiner 1998 veröffentlichten Autobiographie "Die Legende vom Zeichner" vorstellte.

Die Straße als Schule


Dabei haben es Bil Spira, sein Wirken in Marseille, seine Zeichenkunst und seine Autobiographie, in der er neben seiner Rettungsarbeit in Südfrankreich seine Jugend in Wien, die Flucht vor den Nazis und sein Martyrium durch diverse deutsche Konzen-trationslager schildert, wahrlich verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Am 25. Juni 1913 in Wien unter dem Namen Wilhelm Spira als Sohn eines Beamten geboren, fertigte Bil Spira, wie er sich als Künstler nannte, schon als 16-Jähriger Theaterzeichnungen für das "Kleine Blatt" und politische Karikaturen für die "Arbeiter-Zeitung" an, wo er auch die Artikel und Gedichte des befreundeten Autors Jura Soyfer illustrierte. Die künstlerische Ausbildung erhielt Spira an der Wiener Kunstgewerbeschule. Seine eigentliche Schule jedoch war die Straße, waren die Künstler- und Literatencafés und die Kleinkunstbühnen Wiens, deren Protagonisten er porträtierte. Nach dem Studium wurde er Redakteur der Zeitung "Sonntag" und schuf Bühnenbilder und Programmhefte für diverse Kabaretts der noch blühenden Brettl-Szene.

Mitte der dreißiger Jahre zog es den Sozialdemokraten Bil Spira, nachdem er infolge des Verbotes der Sozialdemokratischen Partei durch die Dollfuß-Regierung seine wichtigsten Auftraggeber verloren hatte, für ein Zeichentrickfilm-Projekt ein halbes Jahr nach Paris. Er durchstreifte die Stadt und hielt deren buntscheckiges Leben mit dem Zeichenstift fest. Arbeiter, Bettler, Kinder und die mondänen Flaneure waren das bevorzugte Personal seiner Zeichnungen, die noch einmal Menschen und typische Stimmungen einer Epoche zeigen, die kurz darauf in der Katastrophe des Krieges untergehen sollte.