Zurückgekehrt nach Wien, bemerkte Bil Spira rasch die sich weiter verfinsternde politische Lage. Als freier Zeichner konnte er seine Blätter aber noch in Zeitungen wie "Der Wiener Tag" unterbringen. Nach Hitlers Einmarsch in Österreich 1938 wurde er zusammen mit seinem Vater verhaftet und in einer zum Gestapo-Folterlager umgewandelten Volksschule in der Karajangasse vier Wochen festgehalten. "Wenn S’mich net schön zeichnen, kommen S’ nach Dachau!", erinnerte sich Spira später an die Drohungen der Peiniger, die er porträtieren musste. Die bedrückenden Erfahrungen, die er in dieser "Prügelanstalt" machte, sollten nur "ein kleiner Vorgeschmack" auf jene "Scheußlichkeiten" sein, die ihm noch bevorstanden.

Zunächst ermöglichte ihm eine "wundersame Fügung" in Form eines schriftlichen Arbeitsvertrages als Zeichner in Schweden das Entkommen aus dem Wiener Gestapo-Kerker. Während seine Eltern nach Schweden emigrierten, floh Spira über Saarbrücken nach Paris, wo er seine spätere Frau Mina kennen lernte. Dort beschloss er, seinen Pass zu vernichten und sich - seiner Sehnsucht nach Freiheit Ausdruck gebend - fortan Willy Freier zu nennen.

Aufgrund des französischen Asylrechts wurde er nicht abgeschoben, aber aus der von Flüchtlingen überfüllten Hauptstadt in die östlich liegende Kleinstadt Lagny-sur-Marne verwiesen. Täglich jedoch zog es ihn ins Zen-trum von Paris, wo er sich mit anderen Emigranten wie Joseph Roth, Friedrich Torberg, Walter Mehring, Hans Natonek oder Soma Morgenstern meist im "Café de Tournon" traf. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich in dieser Zeit mit Zeichnungen für die Schweizer Zeitschrift "Nebelspalter", die französische humoristische Zeitung "Le Rire" oder die Emigrantenzeitung "Österreichische Post", die er gemeinsam mit Friedrich Torberg gestaltete. Eindrucksvolle Porträt-Zeichnungen zeugen von Spiras Begegnung mit emigrierten Künstlerkollegen.

Nach dem deutschen Angriff auf Frankreich war auch Spira nicht mehr sicher. Wie viele andere Emigranten wurde er zunächst von den misstrauischen Franzosen "als feindlicher Ausländer" verhaftet und interniert. Wieder freigelassen, zog man ihn im Mai 1940 zum "nichtmilitärischen Militärdienst" in einer Waffenfabrik heran. Als die Deutschen Paris näher rückten, floh er nach Marseille, damals noch unbesetzte Zone.Dort bemühte er sich zusammen mit Mina, die er im Internierungslager geheiratet hatte, wie Zehntausende Schicksalsgenossen vergeblich um Ausreisepapiere.

Dabei stieß er auf Varian Fry, der gerade mit seinem Rettungsauftrag in der Hafenstadt angekommen war. Fry erfasste, wie nützlich Spiras zeichnerisches Talent war: Unter dem Tarnnamen "Bill Freier" kam ihm fortan die Aufgabe zu, Stempel und Unterschriften in Pässen und anderen Dokumenten zu fälschen. "Bill Freier", so Varian Fry in seinen Erinnerungen, "war ein . . . absolut aufrichtiger junger Mann. (. . .) Er war ein sehr geschickter Zeichner und machte Stempel so perfekt nach, daß nur ein Experte erkennen konnte, daß sie mit dem Pinsel gemalt waren. Er kaufte Blanko-Ausweise in Tabakläden, setzte die Personalien ein und fälschte dann den Stempel der Präfektur, der das Papier zu einem offiziellen Dokument machte. (. . .) Wie viele andere machten wir von seinen Diensten ausgiebigen Gebrauch."

Odyssee durch KZs


In einem Exempel unfasslicher Niedertracht wurde Spira dann von einem Spitzel im Komitee verraten und, so Varian Fry, "inmitten seiner ganzen Fälscher-Ausrüstung verhaftet". Zuerst vom Vichy-Regime im berüchtigten Lager "Le Vernet" interniert, wurde er im August 1942 wie die anderen jüdischen Häftlinge an die SS ausgeliefert. Es folgte eine Schreckensodyssee durch mehrere Konzentrationslager (die Nebenlager von Auschwitz, dann Buchenwald und Theresienstadt). 1945 wurde Spira, mit knapp über 30 Kilo Körpergewicht kaum noch am Leben, von der Roten Armee befreit.

"Wie Sie sehen, habe ich überlebt", sagte er lakonisch zu einem französischen Beamten, als er nach Paris zurückkehrte. Wegen seiner Arbeit für das "Emergency Rescue Committee" wurde er als Widerstandskämpfer vom französischen Staat unterstützt. Unter dem Künstlernamen "Bil" arbeitete er als Karikaturist und Fotograf ein halbes Jahrhundert für französische Zeitschriften. Nach Wien wollte Spira nicht zurückkehren, obwohl er viele Verbindungen in seine Heimatstadt pflegte und auch für österreichische Verlage Bücher illustrierte, etwa die 1972 und 1984 im Zsolnay-Verlag unter dem Titel "Der Mond schlug grad halbacht" und "Steif weht die Brise von der Postsparkassa" publizierten wunderschönen Sammlungen der Groteskgedichte des von den Nazis ermordeten genialischen Dichters Peter Hammerschlag. Bil Spira starb im Jahr 1999 in Paris.

Oliver Bentz, geboren 1969, Germanist und Kulturpublizist; schreibt regelmäßig fürs "extra" der Wiener Zeitung". Lebt in Speyer.