Heute sind bei Chogha Golan in den Ausläufern des iranischen Zagros-Gebirges nur noch die Flussufer grün, während einst dort die Grundlagen der Landwirtschaft entstanden. - © Tisarp/Universität Tübingen
Heute sind bei Chogha Golan in den Ausläufern des iranischen Zagros-Gebirges nur noch die Flussufer grün, während einst dort die Grundlagen der Landwirtschaft entstanden. - © Tisarp/Universität Tübingen

Berlin. Als Steinzeitmenschen in den Ausläufern des iranischen Zagros-Hochgebirges vor 12.000 Jahren mit ihren Körben durch die reifen Wildgräser liefen, ahnten sie wohl kaum, dass sie eine ganz langsame Revolution in der Geschichte der Menschheit auslösen würden.

Schlugen die Körbe gegen die Pflanzen, öffneten sich die Ähren, die Gerste fiel in die Behälter der Jäger und Sammler, die so eine leckere Mahlzeit zusammenbekamen. 2200 Jahre später ernteten die Menschen an der gleichen Stelle nicht mehr Wildgetreide, sondern eine Weizensorte, die es vorher in der Natur so nicht gegeben hatte. Sie hatten einen wichtigen Schritt zur Landwirtschaft gemacht, aus den Sammlern wurden Bauern. Diesen Übergang in eine andere Zeit analysieren Simone Riehl, Mohsen Zeidi und Nicholas Conard von der Universität und dem Senckenberg-Zentrum in Tübingen mithilfe der acht Meter hohen Ablagerungen aus diesen mehr als zwei Jahrtausenden, wie sie in "Science" schreiben.

Die Menschen in der Chogha Golan genannten Siedlung am Fuß das Zagros-Gebirges und oberhalb des Schwemmlandes der Flüsse Euphrat und Tigris waren keineswegs die Einzigen, die sich langsam zu Bauern wandelten. In einem riesigen Gebiet, das sich wie ein überdimensionaler Halbmond vom heutigen Israel und Jordanien über den Süden der Türkei und den Norden Syriens bis zum Zagros-Gebirge im Westen des Irans zieht, haben Forscher schon früher einige Spuren dieses Übergangs gefunden.

Als vor knapp 12.000 Jahren auf der Nordhalbkugel ein Rückfall in fast eiszeitliche Klimaverhältnisse zu Ende ging, fielen in dieser Region offensichtlich erheblich mehr Niederschläge als heute. Es entstanden blühende Landschaften, die Forscher als "fruchtbaren Halbmond" bezeichnen. Genau dort zeigten sich wohl die ersten Ansätze einer Landwirtschaft. Nur im Westen des Irans kannte man bisher kaum Hinweise auf diese Entwicklung.

Erst als der Iraner Mohsen Zeidi in Tübingen seine Doktorarbeit begann, konnten die Forscher Chogha Golan in den Jahren 2009 und 2010 mit modernen archäologischen Methoden untersuchen. "Bereits in den 12.000 Jahre alten Schichten fanden wir sehr große Körner der Gerste", berichtet Riehl. Genauere Untersuchungen zeigten rasch, dass die Steinzeitmenschen damals noch Wildgerste ernteten: In den Ähren gab es winzige "Sollbruchstellen". Brachte ein Windstoß oder ein vorbei streifendes Tier die Ähre rasch in Bewegung, brach sie auf und die Spelzen mit den Körnern fielen zu Boden. Dort keimten bald neue Pflanzen, die Gerste hatte sich vermehrt. Wenn die Steinzeitsammler dann mit ihren Körben vorbeikamen, mussten sie sich mit den übrig gebliebenen Körnern begnügen. Das reichte zwar zur Ernährung, aber besser wären Ähren ohne Sollbruchstelle.

Halten von Ziegenherden


Solche Pflanzen können sich nur schlecht aus eigener Kraft vermehren, da sich die Ähren kaum noch öffnen. Wenn die Menschen mit ersten primitiven Sicheln dieses Getreide schnitten, brachten sie aber eine reichere Ernte als früher ein. Die ersten Spuren von Ähren ohne Sollbruchstellen fanden die Tübinger Forscher aber erst für die Zeit vor 9800 Jahren. Die Steinzeitmenschen hatten also nichts übers Knie gebrochen, der erste Schritt zur Landwirtschaft dauerte viele Jahrhunderte. "In den alten Schichten aber finden wir nicht nur Wildgerste, sondern auch die Vorfahren von Weizen, Linsen und Erbsen, sowie sogar von Nacktweizen", ergänzt Simone Riehl die Funde. Gleichzeitig begannen die Menschen im Zagros-Gebirge damals, Wildziegen nicht mehr wie früher nur zu jagen, sondern sie auch in kleinen Herden zu halten. Das Zeitalter der Landwirtschaft hat offensichtlich damals begonnen.