Rom. Enzo Camerino war mit seinem Bruder im Treppenhaus, als die Deutschen mit den Runen kamen. Vor 70 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 16. Oktober 1943, riegelten mehr als 350 SS-Männer das jüdische Ghetto am Tiberufer in Rom ab. "Wir hätten fliehen können, aber daran haben wir in diesem Moment nicht gedacht", sagt der heute 85 Jahre alte Römer, der seit vielen Jahren in Kanada lebt. Und so wurden der 14-jährige Enzo mit seinem Bruder und 1.020 weiteren Juden der italienischen Hauptstadt in 18 Viehwaggons gepfercht und über die Alpen deportiert - zuerst nach Auschwitz und zwei seiner Außenlager, schließlich nach Buchenwald. Im März 1945 gelang dem Römer nachts die Flucht. Camerino ist einer von insgesamt 16 Überlebenden der Deportation. Außer ihm lebt heute nur noch ein weiteres Opfer.

Die große Razzia vom 16. Oktober 1943 gegen die Juden Roms spielt nach wie vor eine zentrale Rolle im italienischen Gedenken an die Gräuel der NS-Herrschaft. Die Geschichte von Enzo Camerino ist nur einer von vielen Beiträgen zum Thema, die italienische Medien in diesen Tagen verbreiten. Zudem erinnert eine Ausstellung auf dem Gelände des römischen Nationaldenkmals mit teils noch unveröffentlichten Dokumenten und Fotos an die große Razzia. Italiens Ministerpräsident Enrico Letta empfing bereits am Montag Überlebende der Shoah. Und am Jahrestag selbst veranstalten die jüdischen Gemeinde Roms und die katholische Gemeinschaft Sant'Egidio wie in den Vorjahren einen Fackelzug von der Kirche Santa Maria in Trastevere bis zum jüdischen Ghetto. Daran soll auch der Stellvertreter des Papstes als Bischof von Rom, Kardinalvikar Agostino Vallini, teilnehmen. Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas befasst sich am Donnerstag eine Konferenz des Deutschen Historischen Instituts in Rom.

Debatte über Kriegsverbrecher Priebke
In das Gedenken an die Opfer der Razzia mischte sich in diesem Jahr die Debatte über den Kriegsverbrecher Erich Priebke, der am Freitag im Alter von 100 Jahren in Rom verstorben war. Auch nach seinem Tod blieb er in Italien ein Politikum: Die Diözese Rom lehnte eine öffentliche Bestattung nach katholischem Ritus ab. Die Stadt Rom wollte aus Sorge vor einem Aufmarsch neofaschistischer Sympathisanten kein öffentliches Totengedenken. Und die jüdische Gemeinde Roms forderte eine Beisetzung Priebkes in Deutschland. Schließlich sollte die traditionalistische Piusbruderschaft die Totenmesse für Priebke am Dienstag in Albano südöstlich von Rom halten.

Der Hauptverantwortliche für die größten NS-Verbrechen in Rom, die Razzia vom 16. Oktober und die Erschießung von 335 Italienern, unter ihnen 75 Juden, in den Ardeatinischen Höhlen vom 24. März 1944, war SS-Offizier Herbert Kappler. Dieser war 1948 in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der frühere SS-Kommandant von Rom entfloh 1978 jedoch aus einem italienischen Krankenhaus und entkam nach Deutschland, wo er 1978 starb. So wurde Erich Priebke, einer seiner führenden Mitarbeiter und Beteiligter an den Erschießungen, zum Gesicht des nationalsozialistischen Terrors in Italien.

Klare Worte des Papstes
Die Haltung von Papst Pius XII. (1939-1958) angesichts der Shoah löst bis heute Kontroversen aus. Die Worte seiner Nachfolger zu diesem Thema werden deshalb besonders aufmerksam registriert. Papst Franziskus setzte auch hier Akzente: Er empfing anlässlich des 70. Jahrestages eine Delegation der jüdischen Gemeinde Roms und rief in seiner Ansprache zum entschiedenen Kampf gegen Antisemitismus auf.

Franziskus erinnerte jedoch auch daran, dass es Pius XII. war, der veranlasste, dass Tausende Juden im Vatikan und in mehr als 150 römischen Klöstern Zuflucht vor den deutschen Besatzern fanden. Allein in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo wurden 3.000 Verfolgte aufgenommen, der Großteil von ihnen Juden. Auch nach dem 16. Oktober wurden Juden in Rom verhaftet und deportiert, eine große Razzia gab es jedoch nicht mehr. Insgesamt wurden 2.091 römische Juden von den Deutschen ermordet. In der päpstlichen Botschaft zum 70. Jahrestag heißt es dazu: "Es ist unsere Pflicht, uns das Schicksal der Deportierten vor Augen zu halten".