Amphitheater, Gladiatorenkämpfe, Alltagsgeräte sind Attraktionen in Carnuntum. - © Wiener Zeitung
Amphitheater, Gladiatorenkämpfe, Alltagsgeräte sind Attraktionen in Carnuntum. - © Wiener Zeitung

Wien. Am 8. April erhält der Archäologische Park Carnuntum in Brüssel das erstmals vergebene Europäische Kulturerbe-Siegel der EU-Kommission. Zugleich ausgezeichnet werden auch Estland mit der Großen Zunfthalle in Tallinn, die Niederlande mit dem 100-jährigen Friedenspalast in Den Haag und der Gedenkstätte Camp Westerbork, ein Durchgangslager der Nazis aus dem Zweiten Weltkrieg in Hooghale.

Begannen schon ab 2006 einzelne Staaten im Verbund mit der Vergabe eines Kulturerbe-Siegels, so ist die neue Auszeichnung als EU-Initiative am 16. November 2011 vom Europäischen Parlament beschlossen worden. Das Europäische Kulturerbe-Siegel soll an historische Stätten, Kulturstätten und solche, die für die europäische Integration von Bedeutung sind, verliehen werden.

Diesem Anspruch wird Carnuntum in besonderem Maß gerecht. In der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus entstand dort ein römisches Legionslager am Schnittpunkt der Bernstein- und der Limesstraße. Kaiser Hadrian verlieh Carnuntum um das Jahr 124 das Stadtrecht, Kaiser Marc Aurel residierte dort zwei Jahre (171-173), der dortige Statthalter Septimius Severus wurde 193 von seinen Soldaten zum Kaiser ausgerufen. Als Weichenstellung für die weitere Entwicklung mit der immer rascheren Christianisierung des Reiches gilt die Kaiserkonferenz am 11. November 308 in Carnuntum, als sich Diokletian (seit 305 abgedankt), Maximian und Galerius für Licinus als neuen Augustus entschieden.

In der antiken Stadt lebten zur Zeit ihrer größten Ausdehnung rund 50.000 Menschen auf einer Fläche von etwa zehn Quadratkilometern. Davon haben die Archäologen bisher erst 0,5 Prozent freigelegt, zum Teil aber sensationelle Funde gemacht. Dazu gehört vor allem die 2011 entdeckte, weltweit einzigartige Gladiatorenschule. Neben Unterkünften für die etwa 40 bis 60 Gladiatoren, die hier vor etwa 1700 Jahren ausgebildet wurden, fand man eine Trainingsarena, einen Badebereich und einen Garten. Inzwischen hat man die 11.000 Quadratmeter große Anlage mittels Luftaufnahmen und Bodenradars virtuell rekonstruiert und sowohl zwei- als auch dreidimensionale Nachbildungen erstellt. Die beteiligten Forscher aus Österreich, Deutschland und Belgien berichteten darüber in der Fachzeitschrift "Antiquity". Die Welt der Gladiatoren steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Präsentation 2014 - Saisonstart ist am 21. März. Mit den Mitteln der experimentellen Archäologie soll dieses antike Massenphänomen analysiert und dargestellt werden.

Im Archäologischen Park Carnuntum ist viel zu sehen: Die Gladiatorenspiele und Tierhetzen fanden in den beiden Amphitheatern bei Bad Deutsch-Altenburg und Petronell statt. Weltweit einmalig wurde im Freilichtmuseum Petronell ein römisches Stadtviertel wiedererrichtet - mit einem Bürgerhaus, einer Stadtvilla und einer Thermenanlage. Ein erst seit 2013 ausgestelltes Highlight ist im "domus quarta" der einzige am Originalstandort erhaltene Mosaikfußboden aus der Römerzeit. Das über 100 Jahre alte Museum Carnuntinum beherbergt Münzen, Lämpchen, Schmuckstücke und andere Exponate, vor allem Alltagsgegenstände des 4. bis 6. Jahrhunderts.

Um die Erhaltung und weitere Erforschung des Kulturerbes bemüht sich einer der ältesten archäologischen Fördervereine Österreichs: die 1885 gegründete "Gesellschaft der Freunde Carnuntums".