Im Tal der Könige in Ägypten fanden Forscher der Schweizer Universität Basel eine bisher unbekannte Totenstadt mit rund 50 Mumien oder Mumienteilen. Durch die Entzifferung der Inschriften auf Keramikgefäßen gelang es den Forschern, 30 der in dieser Nekropole bestatteten Personen namentlich zu identifizieren. Es handelt sich um Prinzessinnen und Prinzen der 18. Pharaonen-Dynastie, die das Reich 1550 bis 1292 vor Christus beherrschte. Zumeist sind es Familienmitglieder der Pharaonen Thutmosis IV. und Amenhotep III., die ihrerseits ebenfalls im Tal der Könige bestattet wurden.

So weit die wissenschaftliche Meldung.

Doch die Fantasie blüht auf und entsinnt sich all der Magie, die sich mit Mumien verbindet, des seltsamen Totenkults, der Absurditäten und Geschmacklosigkeiten (bitte um etwas Geduld) - und natürlich des Horrors, der nicht fehlen kann, wenn Toten ihr Leib bewahrt werden soll, um ihnen ein neues Leben zu ermöglichen.

Halten wir uns an die ägyptischen Mumien - wobei es auch andere gibt. So mumifizierten mehrere Indio-Stämme des präkolumbianischen Südamerika ihre Toten, ebenso die Guanchen auf den Kanarischen Inseln, und man findet Mumien auch in der chinesischen Antike. Mitunter wird der Begriff auch in weitem Sinn angewendet, für Moorleichen beispielsweise oder für die hinlänglich bekannte "Gletschermumie" Ötzi.

Bizarrer Totenkult

In Ägypten hing die Mumifizierung mit einem Totenkult zusammen, der uns heute bizarr anmutet. Sie waren überzeugt, der Tod sei nur der vorübergehende Zustand vor einem ewigen Leben im Jenseits - und für dieses bedürfe es eines Körpers. Eigentlich hätte der trockene Wüstensand ganze Arbeit geleistet, doch Pharaonen, ihre Familienmitglieder und ihre Entourage verscharrt man nicht einfach in der Wüste wie einen Linsenkoch oder einen Bierbrauer (dabei haben sie dem Bier reichlich zugesprochen, die Ägypter, bisweilen haben sie es sogar als Zahlungsmittel verwendet).

Die bestabgeschlossene Grabkammer kann es indessen nicht mit dem Sand aufnehmen, der obendrein die Körper allmählich zerraspelt. Also erfanden sie für ihre hohen Toten (darunter übrigens auch, nun, eben keine Bauern und Arbeiter, aber Katzen, Krokodile, Hunde, Falken, Skarabäen, Spitzmäuse und Schlangen, was soll’s? - früher hat man verstorbene Haustiere auch ausstopfen lassen) die Mumifizierung mit allen unschönen bis unappetitlichen, aber notwendigen Details wie dem Entfernen der besonders verwesungsanfälligen Eingeweide und des Gehirns, die in eigenen Gefäßen aufbewahrt wurden.

Dies ist denn auch das Bild, das man als Heutiger von einer Mumie hat: ein in Bandagen gewickelter Leichnam, immerhin mit erkennbaren Gesichtszügen.

Wahrscheinlich ist es diese Mischung aus seltsamem Totenkult und dem Erscheinungsbild eben der Mumie, dass daraus in der sich aufgeklärt oder fortschrittlich dünkenden westlichen Kultur vergangener Zeiten manch Irrlehre und Verschrobenheit erwuchs. So nahm man, litt man an einer Krankheit, und es war ziemlich gleichgültig an welcher, Impotenz inklusive, "Mumia" ein, ganz so, wie es der Frankfurter Arzt Joachim Strüppe 1574 in einem Traktat beschrieben hatte. Auch der in zunehmendem Alter immer mehr zur Mystik neigende Schriftstellergigant Leo Tolstoi pries Mumia, dem er "wachstumsfördernde" Eigenschaften zuschrieb. Erst in den 1920er Jahren setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass ein Präparat aus, ja, genau darum handelte es sich bei Mumia: zerriebenen Mumien, die ja immerhin die Körper von verstorbenen Menschen sind, irgendwie unethisch ist.

Immerhin war diese Sonderform des Kannibalismus vermeintlich noch medizinisch indiziert. Doch vielleicht findet sich manch vorzeitig verstorbener Pharaonensohn oder die eine oder andere Konkubine auf einem echten Rembrandt oder einem Frans Hals: Immerhin war "Mumia vera" oder "Mumia aegyptica" berühmt für seine besonders schönen Brauntöne, was dieses "Mumienbraun" zu einem kostspieligen, dennoch geschätzten Pigment der Ölmalerei machte. Auf gewisse Weise, wenngleich anders, als ursprünglich gedacht, ist so manch ägyptischer Würdenträger wohl tatsächlich in die Ewigkeit eingegangen.

Adelige Geschmacksverirrung

Wodurch man das immerhin noch auf gewisse Weise als Gedankenlosigkeit einer Zeit mit anderen ethischen Maßstäben den unseren heutigen deklarieren kann. Doch wie steht es hiermit: "Montag, 10. Juni 1850, 14.30 Uhr. Eine Mumie aus Theben wird ausgewickelt." Mit diesen Worten lud Lord Londesborough, Mitglied des britischen Oberhauses, Verwandte und Bekannte in sein Haus in der Londoner Straße Piccadilly ein. Auf dem Programm stand ein Hauptvergnügen der feineren britischen Gesellschaft: Mumienauswickeln. Das Begaffen der einbalsamierten Toten genügte dem verfeinerten Geschmack der Aristokraten nicht mehr. Man ergötzte sich nun daran, die Leiche bis auf Haut und Knochen von den Bandagen zu befreien. Nachher wurde sie im Abfall entsorgt.

Beim Mumienauswickeln ging es nicht um eine Gruselei, sondern um ein pikantes Vergnügen. Der Horror kam erst zur Mumie, als Howard Carter 1922 die Grabkammer des Tutanchamun öffnete und es nachher mehrere Todesfälle in Carters Team gab, die ursächlich mit der Graböffnung in Zusammenhang gebracht wurden. Bald war vom "Fluch des Pharao" und vom "Fluch der Mumie" die Rede.