4. August 1964: Präsident Lyndon B. Johnson berichtet im Fernsehen von vietnamesischen Angriffen auf amerikanische Schiffe. - © Foto: Cecil Stoughton/U.S. National Archives and Records Administration/Wikimedia
4. August 1964: Präsident Lyndon B. Johnson berichtet im Fernsehen von vietnamesischen Angriffen auf amerikanische Schiffe. - © Foto: Cecil Stoughton/U.S. National Archives and Records Administration/Wikimedia

Am Dienstag dem 4. August 1964, trat US-Präsident Lyndon B. Johnson am späten Abend - genau um 23.36 Uhr - vor die Kameras der drei großen Fernsehanstalten und teilte seinen überraschten Landsleuten Unglaubliches mit: Im Golf von Tonking seien auf hoher See amerikanische Schiffe mehrfach von nordvietnamesischen Schiffen angegriffen worden. Der erste Angriff am 2. August habe dem Zerstörer USS Maddox gegolten, "und heute haben zahlreiche feindliche Schiffe zwei US-Zerstörer mit Torpedos angegriffen. Wir gehen davon aus, dass mindestens zwei der angreifenden Boote von uns versenkt worden sind. Es gab keine Verluste auf amerikanischer Seite." Diese erneute Aggression "gegen unsere Streitkräfte zeigt wieder einmal die Bedeutung des Kampfes für den Frieden und die Sicherheit in Südostasien"; zur terroristischen Aggression gegen friedliche Dorfbewohner Südvietnams sei jetzt "die offene Aggression auf hoher See gegen die Vereinigten Staaten von Amerika gekommen".

Johnson teilte weiter mit, dass er als Reaktion Vergeltungsangriffe der Luftwaffe auf militärische Ziele in Nordvietnam befohlen habe - die schon durchgeführt wurden, während er noch sprach. In einer Blitzumfrage am nächsten Tag billigten 85 Prozent der befragten Amerikaner die Entscheidung ihres Präsidenten.

Am 7. August wurde dem Kongress dann eine Resolution zur Abstimmung vorgelegt, in der zwei Sätze entscheidend waren. Der erste lautete: "Der Kongress billigt und unterstützt die Entschlossenheit des Präsidenten, als Oberbefehlshaber alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um jedweden bewaffneten Angriff gegen die Seestreitkräfte der USA zurückzuschlagen und weitere Aggressionen zu verhindern."

Der zweite Satz war wohl noch wichtiger. Demnach waren die USA bereit, "so wie der Präsident entscheidet, alle notwendigen Schritte, einschließlich der Anwendung bewaffneter Gewalt, zu ergreifen", um jedem Mitglied der südostasiatischen Verteidigungsorganisation SEATO, das "um Unterstützung bei der Verteidigung seiner Freiheit nachsucht, Hilfe zu leisten". Der Senat verabschiedete die Resolution mit 88 zu zwei Stimmen, die Mitglieder des Repräsentantenhauses nahmen sie einstimmig an.

"Omas Nachthemd"


Johnson meinte später, diese Resolution sei "wie Omas Nachthemd - sie deckt alles ab". Sie diente zur Rechtfertigung des amerikanischen Krieges in Vietnam, mit allem, was dazugehörte. Auf der Basis dieser Resolution begann die Eskalation des Krieges. Verteidigungsminister Robert McNamara nannte sie einen "Blankoscheck" ("a blank-check authorization for further action").

Von nun an verbanden die USA jedenfalls stärker als je zuvor ihr Prestige als westliche Führungsmacht im Kampf gegen den Kommunismus mit dem Schicksal Südvietnams. Die Bedeutung der Tonking-Resolution ist unbestritten, aber es gab schon bald eine Reihe von Fragen, nämlich:

Gab es einen oder zwei Angriffe der nordvietnamesischen Torpedoboote auf amerikanische Schiffe? Und wenn ja, wurden die Schiffe angegriffen, weil sie verdeckte Operationen der Südvietnamesen gegen die nordvietnamesische Küste unterstützten?

Welche Rolle spielte der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf: Lyndon B. Johnson gegen den konservativen, reaktionären Barry Goldwater?

Welche Rolle spielte die wachsende Instabilität Südvietnams?

Informierten die Mitglieder der Johnson-Administration den Kongress bewusst falsch, um die Zustimmung für den Militäreinsatz in Südvietnam zu erhalten?

Warum beantragte Johnson keine Kriegserklärung im Kongress?

Inzwischen gibt es Antworten auf diese Fragen.

Die Vorgeschichte


Seit Juli 1964 führten Südvietnamesen verdeckte Operationen an der Küste Nordvietnams durch. Das waren Angriffe auf Inseln, Basen etc., die unter dem Codenamen "OPLAN 34 A" liefen; sie wurden im geheimen 303-Komitee in Washington konzipiert, vom US-Geheimdienst CIA koordiniert und von der US-Navy unter dem Codenamen "De Soto" unterstützt. Die US-Zerstörer näherten sich der Küste Nordvietnams, um damit deren Radar zu aktivieren; die entsprechenden Informationen wurden dann an die südvietnamesische Armee weitergegeben, die auf diese Weise gezielte Angriffe durchführen konnte.

Am 30. und 31. Juli 1964 wurden zwei nordvietnamesische Inseln von den Südvietnamesen mit Granaten beschossen. Am 1. August näherte sich der amerikanische Zerstörer USS Maddox einer dieser Inseln bis auf Reichweite ihrer Kanonen und provozierte damit am 2. August eine Aktion nordvietnamesischer Patrouillenboote. Mit Unterstützung von Flugzeugen des in der Nähe liegenden Flugzeugträgers USS Ticonderoga zerstörte die USS Maddox zwei dieser Boote und versenkte das dritte.

Es gab keine weiteren Gegenmaßnahmen, da Johnson der
Meinung war, dass der Angriff wahrscheinlich auf Befehl des örtlichen Kommandeurs gegeben worden sei und mit Hanoi nichts zu tun habe, womit er richtig lag. Tatsache war: Es hatte einen Zwischenfall gegeben und keine wirkliche Reaktion auf amerikanischer Seite. Botschafter Taylor in Saigon machte klar, wie man das deuten könnte, falls Washington nicht auf Angriffe auf einen
ihrer Zerstörer in internationalen Gewässern reagieren werde: als ein Zeichen, dass die USA vor einer direkten Konfrontation mit Nordvietnam zurückschreckten.