Ein Wiener Stadtspaziergang durch den Botanischen Garten ins Botschafterviertel führt zu den weithin sichtbaren goldenen Türmen der Russisch Orthodoxen Kirche - und der Straße folgend zur Britischen Botschaft. Das Straßenschild dort: "Jean Jaurès-Gasse" mit der Ergänzungstafel: Ermordet am 31. 08. 1914. Ein Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg ist nahe liegend.

Aber wieso wurde in Wien eine Gasse nach einem Franzosen benannt? Eine Anfrage bei dem Wiener Stadt- und Landesarchiv wurde zügig beantwortet - und schlagartig zeigte sich die Österreichische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

"Die Jaurèsgasse, wurde erstmals am 06.11.1919 nach Jean Jaurès benannt (davor: Richardgasse), ab 27.12.1934 erfolgte die Umbenennung in Lustig-Prean-Gasse, ab 09.12.1938 in Richthofen-Gasse, ab 27.04.1945 wieder in Lustig-Prean-Gasse, bis sie schließlich am 15.04.1947 wieder in Jaurèsgasse umbenannt wurde."

Umbenennungs-Zirkus

Richard war der Sohn und Erbe des Staatskanzlers Richard Klemens von Metternich. Wo heute der Modenapark liegt, hatten die Metternichs große Liegenschaften. Lustig-Prean ist nach Heinrich Lustig-Prean benannt. Die Umbenennung geht auf Antrag des Vizebürgermeisters Lahr vom 27. 12. 1934 zurück, "um den Begründer des Wiener Heimatschutzes zu ehren". Heinrich Lustig-Prean war K. u K. Generalmajor, Heimwehroffizier und verstarb 1932. Manfred von Richthofen, geboren am 2. Mai 1892 in Breslau, gestorben 21. April 1918 bei Vaux-sur-Somme, war ein deutscher Jagdflieger, bekannt als "der rote Baron", ein NS-Idol und damit ideal in die Propaganda der Kriegsvorbereitung passend.

Aber zurück zu Jean Jaurès, dem bei weitem bedeutendsten Namensgeber dieser Straße. Er wurde am 3. September 1859 in Castres als Sohn eines bürgerlichen Textilhändlers geboren und schlug nach einer Ausbildung in Paris eine akademische Laufbahn ein. Ab 1885 engagierte er sich in der Politik und wurde zu einem der bekanntesten Vertreter des Reformsozialismus. Von 1893 bis 1914, mit einer vierjährigen Unterbrechung, war er linksrepublikanischer Abgeordneter in der Nationalversammlung. Er war ein glänzender Redner, exponierte sich stark in der Dreyfus-Affäre, als er die Revision des Dreyfus- Prozesses forderte. Antisemitismus war in Frankreich sehr verbreitet, so schrieb etwa die Gesellschaft Jesu in diesem Zusammenhang: "Die Juden schützen die Entdeckung des Justizirrtums vor: Der wahre Irrtum wurde durch die gesetzgebende Versammlung begangen, als sie den Juden das Bürgerrecht zustanden. Dieses Gesetz muss abgeschafft werden."

Als Folge seiner Verteidigung von Dreyfus war Jaurès bei der Rechten in Frankreich verhasst. Jaurès war Mitbegründer der Französischen Sozialistischen Partei (1902), und er gründete deren Parteizeitung "L’Humanité" (ab 1923 Zentralorgan der Französischen Kommunistischen Partei). Sein Leben und Werk wird in der Biographie von J. Hampden Jackson: Jean Jaurès, Zürich 1950, knapp, aber eindrucksvoll gewürdigt.

Mystischer Sozialismus

Jaurès war beinahe der einzige französische Politiker, in dessen Leben es keine Skandale gab. Der Sozialismus hatte für ihn neben der materialistischen auch eine mystische Komponente: "Unsere Geschichtsauffassung wird mit Marx materialisiert und mit Michelet mystisch sein . . . Sozialismus ist die Partei der Demokratie und der Revolution, er gründet die neue Gesellschaft auf die Rechte des Individuums . . . Eigentum sollte die enge und persönliche Beziehung zwischen den Menschen und Dingen sein, der von ihm umgewandelten Natur. Doch zurzeit ist das Eigentum in eine ungeheure Fiktion verkehrt, in dem es ein paar Menschen die Kontrolle über Naturschätze, deren Gesetze sie nicht verstehen und über menschliche Kräfte, deren Namen sie nicht einmal kennen, ausgehändigt worden."

Seit 1871, nach der Niederlage bei Sedan im Deutsch-Französischen Krieg - ein Friedensschluss mit horrenden Reparationszahlungen Frankreichs für das Deutsche Reich, Versailles war die Vergeltung -, wurde in Frankreich ein Revanchekrieg gegen Deutschland als ehrenvoll und unvermeidlich angesehen.

Hier sei aus einer Rede von Jaurès für den Kongress über Mittel zur Kriegsvermeidung, gedruckt 1905 im "Vorwärts", zitiert: "Ein Europäischer Krieg könnte wohl eine Revolution gebären - und die herrschenden Klassen werden gut daran tun, dies zu bedenken. Aber er kann ebenso gut eine längere Periode von Krisen der Konterrevolution einer wütenden Reaktion, des erbitterten Nationalismus, der erstickenden Diktatur, des ungeheuren Militarismus, und eine endlose Kette rückschrittlicher Gewalt, niedrigen Hasses, der Repressionen und der Knechtschaft hervorrufen. Und wir wünschen nicht, solch ein barbarisches Glücksspiel zu spielen."

Aus dieser Einsicht folgte ein intensives Engagement gegen den drohenden Europäischen Krieg, wobei Jaurès, leider vergeblich, auf die internationale, übernationale Ausrichtung und Ideologie des Sozialismus hoffte: