Berlin. Europa war schon vor einigen Jahrtausenden ein Schmelztiegel verschiedener Bevölkerungsgruppen. Zu den alteingesessenen Jägern und Sammlern Mitteleuropas kamen vor etwa 7000 Jahren Bauern mit Wurzeln im Nahen und Mittleren Osten. Mindestens 2000 Jahre später kamen möglicherweise aus den Steppen im Osten Europas und im Norden Asiens weitere Menschen hier an, deren Verwandtschaft bis zu den Indianern Amerikas reicht. Das schließen Johannes Krause von der Universität Tübingen, David Reich von der Universität Harvard in Boston und mehr als 100 Kollegen aus aller Welt in der Zeitschrift "Nature" (Band 513, Seite 409) aus einem Vergleich des Erbguts von Bauern und Jägern der Steinzeit und von Menschen des 21. Jahrhunderts.

Fruchtbarer Halbmond


"Ursprünglich wollten wir eine Kontroverse über die Herkunft der ersten europäischen Bauern lösen", erinnert sich Johannes Krause, der auch Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena ist. Die Geschichte dieser ersten Bauern in Europa beginnt einige Jahrtausende früher in Vorderasien. In diesem "Fruchtbaren Halbmond", zu dem Gebiete der heutigen Staaten Iran, Irak, Syrien und Türkei gehörten, hatten die Menschen der Steinzeit vor mehr als 10.000 Jahren die ersten Methoden der Landwirtschaft entdeckt. Vor rund 7000 Jahren erreichten Ackerbau und Viehzucht dann auch Mitteleuropa, sind sich Steinzeit-Archäologen einig. Ob damals aber Bauern einwanderten oder die bereits seit Jahrtausenden hier lebenden Jäger und Sammler die Landwirtschaft und ihre Methoden einfach von ihren Nachbarn übernahmen, wusste bisher niemand genau.

Die Antwort auf diese Frage sollte im Erbgut der Beteiligten zu finden sein. Auf einem Steinzeitfriedhof beim Viesenhäuser Hof im Stuttgarter Stadtteil Mühlhausen hatten Archäologen bereits Anfang der 1990er Jahre 84 Skelette ausgegraben, die vor 7000 Jahren dort bestattet worden waren. "Diese Menschen gehörten zu den ersten Bauern, die in Mitteleuropa auftauchten", erklärt Krause. Aus einem Backenzahn einer im Alter von 20 bis 30 Jahren verstorbenen Frau isolierten die Forscher an der Tübinger Universität deren Erbgut. Dessen Analyse zeigte eine starke Ähnlichkeit der DNA-Sequenz mit dem Erbgut des Steinzeitmannes Ötzi, der fast 2000 Jahre später lebte. Dass sich das Erbgut der Steinzeit-Bauern, zu denen auch Ötzi gehörte, sehr ähnelte, bestätigen auch bereits früher ermittelte DNA-Sequenzen von Bauern, die vor ungefähr 5000 Jahren den Süden Schwedens erreichten.