Konflikt zwischen den byzantinischen Kaisern Andronikus II. (roter Kreis unten) und Andronikus III. (Kreis oben) zwischen 1321 und 1328 im Netzwerk der Eliten von Byzanz. - © J. Preiser-Kapeller, IMAFO, ÖAW
Konflikt zwischen den byzantinischen Kaisern Andronikus II. (roter Kreis unten) und Andronikus III. (Kreis oben) zwischen 1321 und 1328 im Netzwerk der Eliten von Byzanz. - © J. Preiser-Kapeller, IMAFO, ÖAW

Wien. (est/apa) Wie standen die Fraktionen des Byzantinischen Reiches zueinander? Welche Beziehungen pflegten mittelalterliche Eliten - und lassen sich aus diesen Geflechten Konflikte vorhersagen? Mithilfe einer speziellen Software arbeiten Wiener Historiker an einem "Facebook des Mittelalters", wie Projektleiter Johannes Preiser-Kapeller erklärt.

Das Projekt "Mapping Medieval Conflicts" (Medcon) hat zum Ziel, historische Daten zu digitalisieren, sie in eine Datenbank einzuspeisen und daraus neue Fragestellungen zu entwickeln. Die Forscher wenden die Methoden der modernen Netzwerkanalyse an. Als Quellen dienen Originaldokumente, wie Urkunden oder Abkommen zwischen Adeligen. Unter die Lupe nehmen die Historiker nicht nur die politischen Fraktionen des Byzantinischen Reichs im 14. Jahrhundert, sondern auch die gegnerischen Parteien im Kampf um den deutschen Thron um 1200, oder die Gruppierungen und Allianzen im Kampf von Maximilian I. um Burgund. "Erst, wenn wir systematisch alle Beziehungen und Querverbindungen erfassen, werden Muster sichtbar", erklärt Preiser-Kapeller von der Abteilung Byzanzforschung des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Untersuchung verschiedener Kulturräume soll den Vergleich möglich machen. Die Forscher analysieren Beziehungen und versuchen, die Verflechtungen in Konflikt stehender Gruppen zu erfassen. Netzwerkgrafiken zeigen die gesellschaftlichen Strukturen. Mit mathematischen Analysen können die Wissenschafter Messzahlen ermitteln, die etwa die Belastbarkeit eines Bündnisses angeben. Auch lässt sich analysieren, über welche Beziehungsarten die Gruppen verflochten waren und wodurch deren Zusammenhalt gewährleistet war.

"Wir versuchen auf diese Weise, gesellschaftliche Konfliktsituationen der Vergangenheit zu untersuchen", sagt der Byzantinist. Aus den Mustern würde er auch Parallelen zu modernen Konflikten erkennen. Denn auch im Mittelalter kämpfte nicht einfach jeder gegen jeden. Vielmehr gab es, wie heute, Gruppen, die über längere Zeit zusammenhielten. Der Einzelne fand sich in Geflechten, die seine Entscheidungsfähigkeit beschränken oder ihn darin unterstützten. Und wie heute summierten sich auch damals individuelle Entscheidungen zu größeren Netzwerken, die in Konflikten zusammenhielten, erklärt Preiser-Kapeller.

Überschaubarkeit


"Der Vorteil am Mittelalter ist, dass die Situationen überschaubarer sind. Das erlaubt, manche Modelle deutlicher zu sehen als in der modernen Komplexitätsforschung, die aus Massendaten Sinn machen muss", sagt er. Gerade in Bürgerkriegssituationen sei eine solche Vereinfachung hilfreich: So können die Netzwerke Aufschluss geben über die Dynamik im Krieg im ehemaligen Jugoslawien, wo Nachbarn die Waffen gegeneinander richteten. Denn auch in den Bürgerkriegen im Byzantinischen Reich im 14. Jahrhundert liefen die Fronten durch die Familien. Die Forscher analysieren auch, wie Verwandtschaft durch Loyalitäten zu ethnischen oder religiösen Gruppen überlagert wird.

Ziel sind auch Verbesserungen der Software. "Massen an Daten werden digitalisiert, noch fehlen aber die Instrumente, um Zusammenhänge zu erkennen", meint der Historiker. Deshalb soll die Netzwerk-Software so gestaltet werden, dass jeder Wissenschafter damit arbeiten kann.

Medcon ist eines von fünf Projekten, die in der Initiative "go!digital" der ÖAW und des Wissenschaftsministeriums für eine zweijährige Förderung ausgewählt wurden. Die Ausschreibung ist Teil der Digitalisierungsinitiative für innovative Forschung in den digitalen Geisteswissenschaften in Österreich.