"Die Deutschen wollten bei uns Arbeitskräfte anwerben, aber kein Einziger hat sich freiwillig gemeldet. Daraufhin bildete die lokale Polizei Sonderkommandos, die von den Deutschen angeführt wurden. Die veranstalteten eine regelrechte Menschenjagd auf uns Junge. Irgendwann haben sie auch mich erwischt und meine damalige Freundin und spätere Frau." Oleksij Kruhlyk aus der Ukraine war bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 17 Jahre alt. Mit hunderten anderen Menschen wurde er in Viehwaggons zu Kriegsbeginn nach Linz gebracht, das Adolf Hitler zur "Heimatstadt des Führers" und einem Prunkstück des Dritten Reiches gestalten wollte. Neben repräsentativen Prachtbauten sollte auch die Rüstungsindustrie hier ihren Platz haben: Hitlers Stellvertreter Hermann Göring setzte nach seinem Vier-Jahres-Plan ein groß dimensioniertes Eisen- und Stahlwerk um, dem gleich ganze Stadtteile wichen.

Görings Spatenstich

Oleksij Kruhlyk war einer von 36.000 Zwangsarbeitern aus insgesamt 30 Ländern, die an der Errichtung und am Betrieb der Hermann-Göring-Werke beteiligt waren. Ihnen widmet die Voestalpine, die nach Kriegsende aus den ehemaligen NS-Werken entstanden war, eine umfassende Ausstellung, die die dunkle Entstehungsgeschichte des Vorgängers des nunmehrigen Weltkonzerns beleuchtet. "Wir wollten zeigen, dass unsere Geschichte bereits mit dem Spatenstich 1938 und nicht erst mit dem Wiederaufbau nach 1945 beginnt", sagt der Historiker Leonhard Woldan, der dem hauseigenen Team um Monika Schober angehört, das die Ausstellung erarbeitete.

Bereits im Mai 1938, wenige Wochen nach dem "Anschluss" Österreichs und den jubelnden Mengen auf dem Linzer Hauptplatz, nahm Hermann Göring den Spatenstich für die nach ihm benannten Werke vor. St. Peter und Zizlau wurden dafür abgesiedelt, die idyllischen Ortschaften an der Au mussten dem Werksgelände weichen. Man versuchte zunächst, Arbeiter im befreundeten oder besetzten Ausland zu rekrutieren und mit Angeboten zu locken, blieb aber weitgehend erfolglos. Schließlich begann man Zwangsarbeiter nach Linz zu holen, bis 1945 waren es 36.000 Männer, Frauen, Jugendliche und auch Kinder, die an der Errichtung und den ersten Betriebsjahren des Werks beteiligt waren. Dazu kamen 7000 Häftlinge aus dem nahen Konzentrationslager Mauthausen und etwa 10.000 Kriegsgefangene.

Die Ausstellung zeigt die unterschiedliche Behandlung, der die Arbeiter durch ihre Herkunft unterworfen waren. Westeuropäer arbeiteten noch unter besseren Bedingungen, am unteren Ende der Hierarchie befanden sich die Polen und "Ostarbeiter". Letzteren wurde von ihrem Lohn auch noch eine "Ostarbeiterabgabe" abgezogen, die vom Lohn kaum mehr etwas überließ. Aus dem Arbeitsprozess auszuscheiden war so gut wie unmöglich, auf "Entlassungsanträgen" wird als Grund des Austritts meist der Tod im Arbeitserziehungslager genannt. Einen eigenen Bereich widmet die Ausstellung auch den Zwangsarbeiterinnen: Schwangerschaften waren nicht vorgesehen, weshalb Abtreibungen oft bis zum siebten Schwangerschaftsmonat vorgenommen wurden oder die Neugeborenen in Heime gebracht wurden.