Geschickter Jongleur, wenn es darum ging, vorbelastete Professoren in einen christlich-konservativen Wertekanon zu reintegrieren: Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie (1887-1952). - © Foto: Bildarchiv ONB
Geschickter Jongleur, wenn es darum ging, vorbelastete Professoren in einen christlich-konservativen Wertekanon zu reintegrieren: Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie (1887-1952). - © Foto: Bildarchiv ONB

"In Wien wird nicht nur schwarz geschlachtet, sondern auch schwarz gelesen." So launig äußerte sich Ministerialrat Skrbensky, für die Entnazifizierung von Universitätsprofessoren zuständiger Sektionschef im Unterrichtsministerium, über illegale akademische Vorlesungen bereits enthobener oder zwangspensionierter Hochschullehrer.

Otto Freiherr von Skrbensky-Hrzistie, seiner Herkunft nach Angehöriger alten deutsch-mährischen Adels, hatte sich seit Frühjahr 1945 zum federführenden Mann in Fragen der Hochschulpolitik hochgearbeitet. Persönlich eroberte Autorität - etwa während der Amtszeit des politisch unerfahrenen kommunistischen Staatssekretärs für Unterricht Ernst Fischer - und offiziell eingenommene administrative Schlüsselpositionen hatten ihm den Nimbus der Unentbehrlichkeit und seinen Entscheidungsketten nahezu den Charakter der Unumstößlichkeit verschafft, obwohl sein Vorgehen und seine Argumentationen in signifikanten Fällen anfechtbar waren.

"Klassenverräter"


Wie sein politischer Chef von Ende 1945 bis 1952, Unterrichtsminister Felix Hurdes (ÖVP), dem katholischen Konservativismus verpflichtet, hatte Otto Skrbensky schon im austrofaschistischen "Ständestaat" hohe Positionen eingenommen. Seine Weltanschauung ließ ihn ab 1945 für eine nach Möglichkeit christlich-konservativ ausgerichtete Professorenschaft an der Wiener Universität Sorge tragen. Ein sozialdemokratischer Hochschullehrer war für ihn ein Unding. So äußerte er einmal gegenüber einem schon vor 1938 sozialistischen Naturwissenschafter, dieser wäre eigentlich ein Klassenverräter und er denke gar nicht daran, eine Intervention seinerseits zu beachten.

Gelegenheiten, die Neuzusammensetzung des professoralen Lehrkörpers der Universität Wien nach seinem Dafürhalten zu steuern, boten sich für Skrbensky nach Kriegsende jedenfalls viele. So gehörten 74 Prozent oder 92 der insgesamt 124 ordentlichen und planmäßig außerordentlichen ihrer Professoren der NSDAP als Mitglieder oder Anwärter an und waren folglich mit Maßnahmen der Entnazifizierung konfrontiert.

21 von ihnen wurden - mangels österreichischer Staatsbürgerschaft vor März 1938 - als sogenannte "Reichsdeutsche" außer Dienst gestellt, während sich etwa die Hälfte der übrigen belasteten Professoren einer Überprüfung durch die dafür eingerichteten Sonderkommission beim Unterrichtsministerium zu unterziehen hatte. Unter Skrbenskys Vorsitzführung kam in diesen Beurteilungsprozessen, in denen über eine mögliche Weiterverwendung der Betreffenden an der Universität Wien entschieden wurde, ein anderer Aspekt seiner religiös konservativen Weltanschauung zum Tragen.

Hier gestand er den "eigenen Leuten" - nicht aber den "Klassenverrätern" - erkennbar die Schwäche zu, der Verlockung des Nationalsozialismus erlegen zu sein, und die Chance, als anständiger Gesinnungsfreund - und diesmal Demokrat - wieder aufzustehen. Katholische Begriffe wie Vergebung, Milde, begrenzte "Bestrafung", Buße und Schwäche spielten in den verbalen Beurteilungen der Sonderkommissionen eine Rolle, und den "Persilscheinen" wohlmeinender Freunde der betreffenden Parteimitglieder oder -anwärter wurde bereitwillig Glauben geschenkt. Für Tassilo Antoine etwa, Professor für Frauenheilkunde und Parteianwärter seit 1942, laut Erkenntnis der Sonderkommission "tragbar" für eine Universitätsstelle, nahm die Rechtfertigungsprosa Skrbenskys zeitweise Züge einer Heiligenlegende an, wenn er schreibt: "Für die Operation der Frau eines Konzentrationslagerhäftlings lehnte er (Antoine) jedes Honorar mit dem Bemerken ab, seine Handlungsweise möge als bescheidener Beitrag zur Linderung der seelischen und materiellen Not eines Kämpfers für die Freiheit und Selbständigkeit Österreichs gewertet werden".

Hymniker der Volkheit


Ein Übermaß an christlicher Verzeihung wurde auch dem Literaturhistoriker und Theaterwissenschafter Hans Kindermann zuteil. Oder anders gesagt: Hier werden wir Zeugen einer eklatanten Fehlbeurteilung. Kindermann hatte sich während der gesamten NS-Zeit in rund 30 Publikationen in sich überschlagender Leidenschaftlichkeit als Blut-und-Boden-Hymniker gebärdet und das Österreich der Monarchie und der Ersten Republik in übelsten Pamphleten karikiert und beschimpft.

Er hatte in seinen Fächern in der ersten Reihe der Ideologen und aktivsten Verbreiter nationalsozialistischen Gedankenguts gestanden. Die Sonderkommission gab in ihrer Erkenntnis vom 27. November 1945 an, sich dieser Tatsache - formuliert in an Ausmaß und Bedeutung stark abgemilderter Form - bewusst zu sein, drückte dann jedoch deutlich ihr "Verständnis" für den "heimzuholenden verlorenen Sohn" aus: Kindermann habe in der edlen Absicht, "österreichische Einrichtungen im Deutschen Reiche bekanntzumachen", in seinen Schriften "die (von der parteiamtlichen Prüfungskommission) angeordneten Änderungen in Kauf" genommen, "die seiner Überzeugung nicht entsprachen."