Walther Rathenau wurde 1922 erschossen. - © Foto: Bettman/Corbis
Walther Rathenau wurde 1922 erschossen. - © Foto: Bettman/Corbis

Die Jahre des Ersten Weltkriegs brachten eine vorher nie dagewesene Entfesselung von Brutalität und Bestialität, die sich nach Ende des Kriegs als gefährlicher Keim für neue Gewalt entwickeln sollte. Denn das durch die Propaganda angefachte, unerhört hohe Gewaltpotenzial der Frontkämpfer ließ sich nach der Niederlage der Achsenmächte nicht einfach ausschalten wie eine Nachttischlampe.

Die Generation Hitlers betrachtete Gewaltanwendung als etwas Natürliches. Nachdem die deutsche und die österreichische Monarchie im November 1918 zusammengebrochen waren, ereigneten sich in Berlin und München markante Mordanschläge, denen meist kommunistische oder sozialdemokratische Politiker zum Opfer fielen. Mitunter traf es aber auch unbeteiligte oder zufällige Zeugen der rechten Verschwörer, die sich allmählich im Sammelbecken der Hakenkreuz-Bewegung und der sich formierenden NSDAP wieder fanden. Unmittelbar nach dem Kriegsende operierten die braunen Zellen aber noch ohne eine zentrale Befehlsstelle.

Gezielte Tötungen


Den Anfang des gezielten Tötens machten die Attentate auf Rosa Luxemburg, die auf roheste Art erschlagen wurde, und auf Karl Liebknecht. Beide waren erklärte Spartakisten, deren Anliegen die Errichtung eines kommunistischen Staates nach sowjetischem Muster war.

Doch dies war erst der Anfang einer Reihe von Gewalttaten. Der rechtsradikal orientierte Graf Arco ermordete am 21. Februar 1919 den bayerischen Linkspolitiker Kurt Eisner vor dem Münchener Landhaus.

Eisner war nicht das einzige prominente Opfer. Zu den begabtesten deutschen Politikern der Weimarer Republik zählte der von Robert Musil wegen seiner Eleganz (widerwillig) bewunderte Außenminister Walther Rathenau. Er fiel im Juni 1922 unter den Schüssen eines Attentäters, was in demokratischen Kreisen tiefe Bestürzung auslöste. Besondere Empörung aber rief die Universitätsleitung in Berlin hervor, die sich weigerte, eine Trauerfeier für Rathenau zu organisieren.

Der Diplomat und Mäzen Harry Graf Kessler notierte am 30. Juni 1922 in seinem Tagebuch, dass er dem zuständigen Professor, dem Physiker Walter Nernst gegenüber Unbehagen geäußert hatte. Da rechte Studenten gedroht hatten, die Trauerfeier zu sprengen, hatte der Rektor den Kopf eingezogen; Kessler meinte jedoch, die Uni sei moralisch verpflichtet, die Veranstaltung gegen alle Proteste durchzuführen.

Am 6. Juli 1922 schrieb der kunstsinnige Diplomat, dass es zu weiteren Gewalttaten gekommen sei: Rechte Marodeure hatten den Journalisten Maximilian Harden verprügelt, mit Steinen auf den Kopf geschlagen und schwer verletzt. Mit Harden, dem Karl Kraus zuerst nahe stand, den er dann aber publizistisch bekämpft hatte, verband Kessler eine Freundschaft, so wie mit Rathenau.

Am 3. Juli 1922, dem Tag nach dem Harden-Attentat, kursierte bereits das neue Gerücht, dass auch der pazifistische Redakteur Helmut von Gerlach ermordet worden sei: "Eine Mordatmosphäre, etwas Unheimliches, Ungreifbares drückt auf alle wie die heutige Gewitterschwüle", schrieb Kessler bedrückt. Knapp ein Jahrzehnt später musste er selbst emigrieren und hilflos zusehen, wie die Nationalsozialisten sich über seinen Weimarer Besitz hermachten und seine Wohnung versteigern ließen. Hatte es noch eines Beweises bedurft, wer für die vielen Gewalttaten der Jahre 1919 bis 1933 verantwortlich war, so zeigte sich nun das wahre Wesen der braunen Machthaber nur allzu deutlich. Wer gegen sie auftrat, befand sich in Lebensgefahr.

Nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 herrschte einige Monate Ruhe, ehe sich ein Konflikt mit der SA unter deren Leiter Röhm abzeichnete. Dieser wünschte sich die Umwandlung der "verdienstvollen" hellbraunen Schlägertruppe in eine deutsche Milizarmee, nicht zuletzt, weil er der Reichswehr und Hitlers Leibgarden bei der SS misstraute. Genau diese, teilweise elitären und adeligen Offiziere sahen nun untätig zu, wie die Gestapo und die SS-Getreuen Hitlers Konkurrenten kaltblütig ermordeten.

Der Morphinist Hermann Göring, der je nach Rauschzustand eine brutale Bestie oder ein verhältnismäßig umgänglicher, wenn auch dämonischer Machtmensch war, hatte Hitler eingeredet, dass eine Gefahr einer "zweiten braunen Revolution" bestünde, der womöglich er, Hitler, zum Opfer fallen werde. Himmler stimmte in diese Intrige ein, und berief sich auf geheime Abhörprotokolle der SA-Führung, vor allem des Hauptmanns und SA-Stabschefs Ernst Röhm und des mächtigen SA-Führeres Edmund Heines. Göring diskreditierte auch Joseph Goebbels, der aber durch Kopien der Telegramme an Hitler, die ihm zugespielt worden waren, bereits von Görings Intrige informiert war. Er eilte nun seinerseits zum "Führer", um Röhms angebliche Putschpläne in schwärzesten Farben zu schildern.

Hitlers Brutalität


Bei den Nürnberger Prozessen sollte zutage treten, wie der Diktator auf solche Denunziationen zu reagieren pflegte. Zunächst soll er, einem Stehsatz gleich, bemerkt haben, dass er es nicht zulassen könne, wenn verdiente Veteranen und Parteigenossen beseitigt werden sollten. Doch dann ließ er sich "breitschlagen" und erlaubte es, seinem eigentlichen Wunsch zu entsprechen und mit den "Umzulegenden" kurzen Prozess zu machen.