Friedrich (von) Gentz, Lithographie von F. Lieder, 1825. Abb.: Wikimedia
Friedrich (von) Gentz, Lithographie von F. Lieder, 1825. Abb.: Wikimedia

Friedrich Gentz war kein Staatsmann und Staatenlenker, sondern ein staatspolitischer Denker von Format. Kein Politiker, sondern ein geistreicher, treffsicherer und gewandter Pu-blizist, ein Meister der Formulierungskunst, der mit seinen Publikationen, seinen Denkschriften, Manifesten und Pamphleten politische Entscheidungen im Dienste von Herrscherhäusern öffentlichkeitswirksam aufbereitete und beeinflusste.

Gentz wurde am 4. Februar 1764, ein Jahr nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, im schlesischen Breslau geboren, das nun nicht mehr zu Österreich, sondern zu Preußen gehörte. Er war der Sohn eines Münzdirektors. Nach dem Avancement des Vaters zum Generalmünzdirektor übersiedelte die Familie nach Berlin, wo der Filius das Gymnasium besuchte und sich dann an der Universität Königsberg immatrikulierte, um Jus zu studieren. Dort gehörte er zum engeren Schülerkreis Immanuel Kants, an dessen Schrift "Zum ewigen Frieden" er mitwirkte. Obwohl er das Studium nicht beendete, haben die Lehren des großen deutschen Philosophen sein Denken nicht unwesentlich beeinflusst. An dessen kategorischen Imperativ hat er sich bei seinen Handlungen freilich nie gehalten.

Kritiker der Revolution

Wie viele andere aufklärerisch gesinnte deutsche Intellektuelle und Künstler hat auch der junge Gentz 1789 den Ausbruch der Französischen Revolution freudig begrüßt. Seine Begeisterung schwand rasch, als die Revolution zur Zeit der Schreckensherrschaft unter dem Tugendbold Maximilien Robespierre ihre eigenen Kinder fraß. Unter dem Eindruck und dem Einfluss der Lektüre des Buches "Reflections on the Revolution in France" des englischen konservativen Philosophen Edmund Burke, das Gentz meisterhaft ins Deutsche übersetzte, wurde aus dem Sympathisanten ein erbitterter Gegner der Revolution und ein beachtenswerter publizistischer Widerpart Napoleon Bonapartes. Auf dem Wiener Kongress setzte er sich für eine ausgewogene, europäische und monarchisch ausgerichtete Staats- und Friedensordnung ein.

Unterdessen war der intellektuell hochbegabte junge Mann nach Abbruch des Studiums als Beamter in den Dienst des preußischen Königshauses getreten. Eine Beamtenlaufbahn entsprach jedoch nicht seinen Berufsvorstellungen. Friedrich Gentz war von seinem Wesen und seinen Charakteranlagen her alles andere als eine Beamtennatur. Es wäre schade gewesen, hätte er seine schriftstellerische Begabung in einer Amtsstube vergeudet.

Gut aussehend, gebildet, charmant, witzig, unterhaltsam und von gewinnender Urbanität, war er der geborene Salonlöwe, ein Bonvivant und Herzensbrecher. Und von diesen Eigenschaften und Begabungen machte er auch reichlich Gebrauch. Der Jünger Epikurs genoss das Leben - und zwar lebenslang. In Berlin verkehrte er im berühmten Salon von Rahel Varnhagen, wo er im illustren Freundeskreis, dem auch Wilhelm von Humboldt angehörte, bis spätnachts schöngeistige Gespräche über Gott und die Welt führte. Er verschmähte aber auch gelegentlich den Besuch eines Bordells nicht, trank zuweilen über den Durst und versuchte sich im Glücksspiel. Die Stange Geld, die seine Vergnügungssucht kostete, überstieg sein Beamtengehalt bei weitem. Herr Gentz machte Schulden. Die finanziellen Nöte, in denen er steckte, ziehen sich wie ein roter Faden durch sein abwechslungsreiches Leben.

Nicht alle Zeitgenossen waren ihm ob seines provokanten Gehabes freundlich gesinnt. So berichtet etwa Humboldt, der preußische Minister Freiherr vom Stein habe ihm gegenüber gesprächsweise geäußert, Gentz sei ein Mensch von "vertrocknetem Gehirn und verfaultem Charakter." Es gibt noch andere abfällige Urteile, allerdings nicht von so drastischer Infamie.

Eitelkeit und Geist

Es hieße freilich das Persönlichkeitsbild dieses Mannes gröblich zu verzeichnen, würde man nicht auch die Vorzüge des zweifellos eitlen Frauenhelden in die Beurteilung mit einbeziehen. Friedrich Gentz war trotz seiner Leichtlebigkeit ein tüchtiger und fleißiger Arbeiter, der bei der Abfassung seiner Denkschriften um das treffendste Wort rang und oft stundenlang an einem Absatz feilte. Seine glänzenden Geistesgaben, seine Klarheit und Selbstständigkeit des Urteils sind unbestritten.

Golo Mann, sein sprachvirtuoser Biograph, weist auf einen anderen, seltsamen Wesenszug hin, nämlich auf seine Sensibilität. Gentz habe den Anblick eines Vollbartes nicht vertragen, Blitz und Donner hätten ihn nachts aus dem Bett springen lassen, Beerdigungen habe er ein Leben lang gemieden und beim Tod eines Hundes habe er bittere Tränen geweint, weiß der konservative Historiker zu berichten.

Gentz blieb etliche Jahre im preußischen Staatsdienst, löste sich aber langsam aus der "ausweglosen Sklaverei" seines Berufes. Er ging eine kurzzeitige Ehe ein und gründete eine Monatszeitschrift, deren Inhalt er ganz alleine bestritt. Mit den antifranzösischen Denkschriften, die er verfasste und in denen er die Interessen Englands vertrat, verstieß er jedoch gegen die damalige außenpolitische Linie Preußens. Seine sprachlich geschliffenen politischen Kommentare erregten indessen die anerkennende Aufmerksamkeit des Auslandes. Der österreichische Gesandte in Berlin, Johann Philipp Graf Stadion, nutzte die Gelegenheit, um den glänzenden Publizisten anzuwerben und schickte ihn mit einem Empfehlungsschreiben an den Kaiser nach Wien.