Wenn von Talleyrand die Rede ist, werden hauptsächlich negative Züge und Taten dieser bedeutenden historischen Figur präsentiert. Wie kaum ein anderer wird Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, Fürst von Bénévent, Exbischof, liberaler Aristokrat, begnadeter Diplomat und schillernde Figur des Wiener Kongresses, von der Nachwelt kritisch beäugt. Dieser "hinkende Teufel" - so wurde er in Anlehnung an den Roman "Le diable boiteux" von Le Sage genannt (zum einen aufgrund seiner Fußdeformation, zum anderen wegen seiner, von Gegnern gefürchteten, "teuflischen" Wendigkeit) - scheint keinem von den Herren, denen er gedient hat, ewige Treue geschworen zu haben.

Talleyrand, 1836 porträtiert von Edmond Mennechet. - © Abb.: Stefano Bianchetti/Corbis
Talleyrand, 1836 porträtiert von Edmond Mennechet. - © Abb.: Stefano Bianchetti/Corbis

Als Bischof hat er zur Demontage der kirchlichen Macht beigetragen, als Lebenskünstler hat er gefährliche Zeiten in der Öffentlichkeit überlebt, ist der Guillo- tine entkommen. Als Opportunist, korrupter und geldgieriger Zyniker ist er in die Geschichtsbücher eingegangen, ein Ruf, der sich auch an dem häufig verwendetem Zitat Napoleons ablesen lässt, in dem Talleyrand als ein "Haufen Scheiße in Seidenstrümpfen" bezeichnet wird. Das Bild Talleyrands ist kein eindeutiges, sicher ist aber, dass man aus den verfügbaren Quellen auch eine andere als die gängige Darstellung dieser ungewöhnlichen Erscheinung wagen kann.

Geistlicher Spekulant

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord wird am 2. Februar 1754 als Sohn eines alten französischen Adelsgeschlechts hohen Ranges geboren, womit ihm eine Karriere im Militär, oder als Würdenträger der Kirche vorbestimmt ist. Aufgrund einer unbehandelten Verletzung in der Kindheit leidet er sein Leben lang an einem sogenannten "Pes varus" (umgangssprachlich auch als Klumpfuß bezeichnet), weshalb er sich nur mit Hilfe eines Stocks fortbewegen kann.

Als er mit 34 Jahren, am Vorabend der Revolution (1788), zum Bischof von Autun ernannt wird, ist er ein belesener Mann (die philosophischen Werke der Aufklärer sind ihm vertraut), höchstwahrscheinlich agnostisch. Ein Fortschrittsmensch im Geist der Aufklärung, liberaler Aristokrat. Eine seiner Leidenschaften ist das Glücksspiel, das er mit ebenso großem Geschick betreibt wie die Finanzspekulationen - und die Liebesaffären, die den Geistlichen schon früh in Verruf bringen. 1789 ist er Vertreter des Klerus bei den Generalständen, später Präsident der Nationalversammlung. Was ihn unter anderem zu diesen Zeiten auszeichnet und ihm den Dauerhass der Kirche einbringt, ist sein Engagement für die Zivilverfassung des Klerus, und vor allem für die Verstaatlichung der Kirchengüter, was für Rom und die katholische Kirche Hochverrat bedeutet. 1791 tritt er schließlich als Bischof zurück.

In der ersten Phase der Revolution entfaltet der Aufklärer eine rege Aktivität. Er ist der Überzeugung, dass Analphabetismus ein Hindernis für das angestrebte Glück und die Mündigkeit des Menschen darstellt, zudem ein offenes Tor für den Aberglauben bedeutet. Für die Nationalversammlung verfasst er daher ein umfassendes Bildungsprojekt, das sehr modern anmutet. Er ist einer der ersten, der sich vehement für eine allgemeine Schule einsetzt, das heißt eine für alle Altersgruppen und "pour l’un et l’autre sexe", also für beide Geschlechter, wenn er auch bei der Rolle der Frauen, beispielsweise in der Politik, konservative Ansichten vertritt.

Später, in der extremistischen Phase der Revolution, die in einem Blutbad endet, spürt er rechtzeitig, dass selbst sein Leben als Revolutionsmitbegründer nicht sicher ist. In weiser Voraussicht lässt er sich noch von Danton auf diplomatische Mission nach London schicken, sodass er später nicht als flüchtiger Verräter und Gegenrevolutionär gelten kann. Es folgt ein englisches und amerikanisches Exil: Vier Jahre reich an Erfahrung, in denen er jedoch oft auf Geschäfte und Hilfe seiner Freunde angewiesen ist.

Vielleicht stammt aus dieser Zeit der "Entbehrung" seine Überzeugung, dass Geld eines der wichtigsten Bestandteile der Lebenskunst darstelle. "Man darf nie ein armer Teufel sein. Ich, sehen Sie, ich war immer reich", wird er einem Freund später zuflüstern. Auch diesen Satz gilt es mit Esprit zu betrachten; er ist mehr als nur ein Ausdruck von Zynismus und Überheblichkeit. Der Überlebenskünstler, der diesen Satz ausspricht, hat gerade die turbulentesten Zeiten hinter sich und musste im Londoner Exil sein Hab und Gut, vor allem seine geliebte Bibliothek, veräußern, um sich durchzuschlagen, während in Paris seine übrigen Besitztümer versteigert wurden.

Geld und Beziehungen

Die Eindrücke, die er aus der amerikanischen Lebensart gewinnt, und die für seine spätere politische Karriere von Wichtigkeit sein werden, sind nicht wie etwa bei Tocqueville (dem Autor einer ausführlichen Studie der amerikanischen Demokratie) politischer Natur, sondern eher ökonomischer: Zollsystem, wirtschaftliche Beziehungen mit anderen Ländern und Geschäftigkeit prägen sein Bild der jungen Vereinigten Staaten.

Während dieser Zeit, die er zwar mit Humor zu nehmen scheint, die aber nicht frei von Verzweiflungsmomenten ist, führt er rege Briefwechsel mit zum Teil einflussreichen Freundinnen, wie etwa Madame de Staël, Tochter des Bankiers Necker, ehemaliger Finanzminister des Königs.