Diese engen Beziehungen und Freundschaften zu Frauen erweisen sich als Konstante im Leben Talleyrands, die er auch politisch zu nützen versteht. In Schlüsselmomenten ist er oft auf die Macht der Frauen angewiesen. So etwa, als Madame de Staël nicht nur seine von ihm ersehnte Rückkehr nach Europa im Sommer 1796 erwirkt, sondern ihm auch einige Monate später bei der neuen, die Zeit des Terrors ablösenden Direktoriumsregierung den Posten als Außenminister Frankreichs verschafft.

Als er die Nachricht seiner Nominierung zum Außenminister erhält, jubelt der Mittvierziger Talleyrand euphorisch seinen Freunden zu: "Wir werden ein immenses Vermögen machen." Nun entsteht das talleyrandsche System, eine Mischung aus genialem diplomatischem Wirken und persönlicher Bereicherung. Tatsächlich bringt er es, innerhalb der folgenden zwei Jahre, auf die unglaubliche Summe von 13 Millionen Francs Verdienst, selbstverständlich zusätzlich zu seinem (auch nicht niedrigen) Ministergehalt. Ein Vermögen, das er aus einem quasi institutionellen Bakschisch-System schöpft, einem "Korruptionssystem", bei dem alle Parteien gleichermaßen zum Handkuss kommen.

Talleyrand lässt sich jedoch, um es leicht ironisch zu formulieren, von diesem "Schmiergeld" nicht beeinflussen: Er lässt alle zahlen, bevorzugt aber keinen.

Viele, darunter auch Napoleon, beteuern immer wieder, dass Talleyrand bei dieser Art der Geldbeschaffung etwas übertreibe, doch sie müssen achselzuckend zugeben: "Wir brauchen ihn". Zwei der herausragenden Merkmale seiner Diplomatie scheinen Zeitbeherrschung und Sprachskepsis zu sein. Das Motto seines Ministeriums, "Bloß keinen Eifer!", bringt ihm das Vorurteil ein, faul zu sein. Er meint damit jedoch, dass alle Entschlüsse wohl überlegt werden sollten.

Kunst der Diplomatie

Diplomatische Katastrophen können durch bewusste Verzögerungsstrategien vermieden werden, wenn beispielsweise ein eifriger Minister seine Eilpost einige Stunden oder Tage nach dem Verfassen ebenso dringend wieder aufhalten will, der Brief jedoch ohnehin nicht abgeschickt wurde. Seine Hartnäckigkeit in Verhandlungen hat er folgendermaßen beschrieben: "Außenpolitik ist die Kunst, einem anderen so lange auf den Zehen zu stehen, bis dieser sich entschuldigt."

Die andere Facette seiner diplomatischen Künste ist sein Umgang mit der Sprache, der von einer Sprachskepsis geprägt ist: "Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen".

Zur Zeit des Direktoriums lernt Talleyrand den jungen Napoleon Bonaparte kennen, verehrt und unterstützt ihn, auch finanziell. Später, als Napoleon sein Empire gründet, steht ihm Talleyrand als Mentor zur Seite und erklärt ihm, wie man eine neue Adelskultur etabliert mit Prunk, Hof und symbolischem Gefüge. Er dient diesem auch als Außenminister des Empire bis zu jenem Punkt, an dem das hegemoniale Machtstreben des Kaisers seinen eigenen Friedensvorstellungen allzu drastisch widerspricht. Denn Talleyrand ist im Grunde bestrebt, die Gleichgewichte der Mächte zu etablieren, um den Frieden in Europa zu wahren. Napoleon hingegen will ein Alexander sein, ein Weltherrscher. Talleyrand begleitet diese Herrschaft Frankreichs deshalb nur, solange es noch mit dem Frieden in Europa vereinbar ist.

Die Trennung erfolgt peu à peu nach Austerlitz. Der Europäer und Friedensmensch Talleyrand zeigt sich, nach der Niederlage Napo-leons, beim Wiener Kongress bemüht, die Wiederkehr Frankreichs als gleichberechtigte Macht unter den Großmächten zu ermöglichen, indem er im Streben nach einem "Gleichgewicht der Kräfte" die verschiedenen Parteien geschickt von seinem Credo überzeugt. Sein Konzept des Legitimitätsprinzips gilt bis heute als eine grundlegende Weiterentwicklung des Völkerrechts.

Nach 1840, der Rückkehr der Bourbonen an die Macht (Louis XVIII), erst nach der Niederlage Napoleons erscheint Talleyrand (als Außenminister) eher unverzichtbar als beliebt.

Politik des Machbaren

Nach 1840 wirft er den Bourbonen, denen er wieder zur Macht verholfen hat, vor, "nichts vergessen, aber auch nichts dazugelernt" zu haben. Auch wenn er selbst seinem süßen 18. Jahrhundert nachtrauert, sieht er keinen Sinn in dem Versuch der Bourbonen, die unwiederbringlich verlorenen Zustände des Ancien Régime wieder herstellen zu wollen. Sein beim Wiener Kongress eingesetztes Legitimitätsprinzip ist nicht als Unterstützung dieses Strebens zu verstehen. Der Aufklärer Talleyrand will damit keineswegs die Legitimität des seit der Revolution aufkommenden Nationenbewusstseins unterminieren. Beim Wiener Kongress ist dem Pragmatiker bewusst, dass er nur die Karten des Machbaren und Möglichen spielen kann, die Priorität ist die Rückkehr Frankreichs ins Konzert der Nationen.

Politischer Relativismus prägt sein Geschichtsbewusstsein: "Wer lange genug gelebt hat, hat alles gesehen - und auch das Gegenteil von allem."

Seinen Lebensabend verbringt Talleyrand zurückgezogen, seine Memoiren schreibend (in denen er sich im Bezug auf Fakten zuweilen Freiheiten nimmt), während seine letzten Freunde sterben. Bei aller Offenheit und Zukunftsorientiertheit ("Mein Prinzip ist, kein Prinzip zu haben"), blieb er dennoch stets der Zeit der Aufklärung, dem glücklichen 18. Jahrhundert, verbunden: "Wer das Ancien Régime nicht kannte, wird niemals wissen können, wie süß das Leben sein kann."

Manuel Chemineau, geboren in Paris, lebt in Wien. Er ist Kulturhistoriker, Literaturwissenschafter und Übersetzer und unterrichtet an der Universität Wien.