Politiker wurde er früh, Staatsmann erst spät. Seine Stunde schlug, als sein Land in höchster Not war. Da stand er bereits im 65. Lebensjahr. Am 10. Mai 1940 - Hitler marschierte gerade in Frankreich ein - bezog Winston Spencer Churchill als Premierminister einer Allparteienkoalition zum ersten Mal den englischen Regierungssitz Downing Street Nr. 10. Er löste den glücklosen Friedensbeschwörer Neville Chamberlain ab, dessen Politik des nachsichtigen Appeasement am bellizistischen Grundkonzept Hitlers zerschellt war.

Entscheidende Reden

Als Kriegspremier forderte Winston Churchill im Unterhaus am 13. Mai 1940 von seinen Landsleuten schonungslos Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß ("blood, toil, tears and sweat"), und die Briten erkannten schlagartig den Ernst der Lage. Drei Wochen später hielt Churchill dann jene Rede, die den entscheidenden Appell an die Nation enthielt: "Wir werden kämpfen bis zum Ende. Wir werden unsere Insel verteidigen, wie hoch auch immer der Preis sein mag."

Vier Monate später ließ Hitler England bombardieren. Aber die Widerstandskraft der Bevölkerung, verstärkt durch den unentwegten Kampfeinsatz der Royal Air Force, konnte dem Angriff standhalten. Mehr noch: Britanniens zäher Abwehrkampf vermochte dem unaufhaltsam scheinenden Siegeszug des Nazi-Führers erstmals Einhalt zu gebieten - ein entscheidender Umschwung in der Kampfmoral der Alliierten.

Unter Chamberlain war Churchill ab Beginn des Krieges 1939 Marineminister gewesen - grollend ob der vernachlässigten Rüstungsbereitschaft Englands während Hitlers Aufstieg. Vom amerikanischen Präsidenten Roosevelt erbat der neue Premier, der auch das Amt des Verteidigungsministers übernommen hatte, Unterstützung in Form von Kriegsmaterial, wider die defätistischen Einflüsterungen des Londoner US-Botschafters Joseph P. Kennedy, Vater des späteren Präsidenten und Nazi-Sympathisant aus Kommunistenhass.

Unbeirrbar hämmerte Churchill im Kabinett seine Ansicht fest: "Wenn man Deutschland gewähren lässt, werden seinen Forderungen keine Grenzen gesetzt sein." Wankelmütig waren in Churchills Kriegskoalition nur manche Minister seiner eigenen Tory-Partei. Die beiden Labour-Regierungsmitglieder, Clement Attlee und Arthur Greenwood, unterstützten Churchills unnachgiebige Haltung. Sie wussten Englands Arbeiterklasse hinter sich.

Antitotalitäre Werte


Schon am 3. September 1939, dem Tag der Kriegserklärung Englands an Deutschland, hatte der eben ernannte Marineminister Churchill die universale Perspektive der Verteidigungslinie und seiner antitotalitären Werteordnung festgehalten: "Im Kern ist dies ein Krieg, um auf unverrückbarem Fels die Rechte des Individuums aufzupflanzen und den Menschen in seiner wahren Statur zu etablieren und wieder aufleben zu lassen."

Nur wenige Monate zuvor, im Mai 1939, hatte der englische König Georg VI. dem kanadischen Premierminister King noch anvertraut, er "würde niemals wünschen, Churchill in irgendein Amt zu berufen, es sei denn, es wäre absolut notwendig in Kriegszeiten". Ein Jahr später, in einer zunächst aussichtslos scheinenden Situation, stand das Königshaus vorbehaltlos zu seinem so willensstarken wie charismatischen Regierungschef und behielt diese Haltung bis Kriegsende bei.

Churchills nun hervortretende Stärken waren ihm zuvor nicht selten als Schwächen ausgelegt worden: Er galt als selbstbezogener Exzentriker und Politiker voller Widersprüche. In seinem langen politischen Leben wechselte er nicht nur vielfach die Ämter, sondern auch seine Meinungen und zweimal sogar das Parteibuch: 1904 trat er von den Konservativen zu den Liberalen über, die er 1922, nach dem Sturz des letzten liberalen Kabinetts unter Lloyd George, wieder in Richtung Torys verließ.

Adelig und eigensinnig


Seine Rolle als eigensinniger Individualist und hochbegabter Unabhängiger schien schon durch seine Herkunft vorgezeichnet. Der 1874 im herzoglichen Stammsitz Blenheim Palace geborene Winston Leonard Spencer Churchill entstammte dem britischen Hochadel. Sein Großvater war der 7. Duke of Marlborough. Bereits sein Vater Lord Randolph Churchill machte als konservativer Politiker Karriere: Er stieg in den 1880er Jahren zum Schatzkanzler auf, rangmäßig das zweithöchste Amt im Staat, bevor er sich mit den Tories überwarf und früh starb.

Winstons Mutter, die amerikanische Millionärstochter Jennie Jerome, machte vor allem durch ihre Schönheit und Verschwendungssucht Furore. Ihre beiden Söhne erlebten sie als kühl distanzierte High-Society-Diva, die ihre Mutterpflichten überwiegend von Gouvernanten erledigen ließ.

Winston, der ältere der Brüder, verlebte eine seelisch bedrückende Kindheit, die mäßige Schulerfolge in diversen Eliteinternaten nach sich zog. Erst die Militärakademie in Sandhurst weckte in ihm einen soldatischen Ehrgeiz. Er quittierte die Ausbildung als Kavallerie-Leutnant des 4. Husarenregiments, wurde aktiver Soldat und Kriegsberichterstatter. Als solcher zeichnete er sich durch Sachkenntnis und einen zupackenden Stil aus.