Pileckis brisanter Bericht traf im Umweg über den polnischen Geheimdienst im März 1941 in London ein. Dieses erste offizielle Dokument über das KZ Auschwitz stieß bei den Alliierten auf ungläubige Ablehnung, es galt als wenig glaubwürdig, auf jeden Fall als maßlos übertrieben.

In Auschwitz wurde unter den Augen der Lagerkommandanten auch abseits der großen Hinrichtungswellen wahllos gefoltert und gemordet. Barackenälteste, Kapos und SS-Mannschaften konnten ihre niedrigsten Instinkte ausleben. Nur die gemeldete, täglich variierende Anzahl von Gefangenen musste genau stimmen. Darauf legten die Bürokraten in der Lagerverwaltung, die inmitten des Horrors ungerührt und penibel Akten führten, größten Wert.

Anfang 1942 registrierten Pilecki und seine Mitstreiter die Ankunft jüdischer Häftlinge und deren bevorzugte Unterbringung und Verpflegung. Auf Drängen der SS schrieben diese ihren Verwandten, dass die Zustände ganz erträglich und sie in Polen angesiedelt werden sollten. Es war, wie sich herausstellte, eine teuflische Strategie, mit der man die Widerstände innerhalb der Judengemeinden bei ihrer Deportation aus den besetzten Gebieten zu verringern suchte. Wenig später nahmen die aus ganz Europa ankommenden Judentransporte sprunghaft zu. Bis zu 1000 Menschen kamen täglich an. Man hatte ihnen gestattet, so viel Gepäck mitzunehmen, wie sie selbst tragen konnten. Viele hatten ihren materiellen Besitz verkauft und mit dem Erlös transportable Wertgegenstände erworben. Die mitgebrachten Güter veränderten das Lagerleben. Die SS schwelgte im Überfluss, die Häftlinge zweigten unter Lebensgefahr ab, was sie ergattern konnten.

Zeuge des Masterplans

Von Pilecki stammt die erste Beschreibung vom Anrollen der Güterzüge bis zu den berüchtigten Laderampen, von der Einweisung der Menschen in angebliche Duschräume und den anschließenden Massenvergasungen, denen über eine Million Menschen zum Opfer fielen.

"Die Türen der Halle wurden geschlossen. Von oben wurden mehrere Gasbehälter geöffnet und die Körper danach auf die Verbrennungsroste geworfen. In Auschwitz arbeiteten die Häftlinge rund um die Uhr in drei Schichten im Krematorium an der Verbrennung der Ermordeten."

Die ganze Ungeheuerlichkeit und den Umfang dieses Verbrechens, das später als Holocaust bekannt werden sollte, blieb Pi- lecki verborgen. Zwar selbst täglich mit größter Brutalität konfrontiert, ahnte er nicht, dass er Zeuge der Umsetzung eines Masterplans wurde, mit dem Endziel der Vernichtung aller europäischen Juden.

1942 hatten Pileckis Anhänger alle wichtigen Lagerbereiche infiltriert - das Lazarett, die Arbeitskommandos, die Außenwerkstätten und die Verwaltung. Man hatte sogar ein von Juristen unter den Insassen gebildetes Geheimgericht geschaffen, das besonders grausame Kapos, SS-Leute und Denunzianten verurteilte und bei Gelegenheit - etwa wenn diese im Lazarett lagen - ermordete. Zeitweise gelang die Installation eines Geheimsenders. Auf jeden Fall war Pileckis Organisation, zu der auch eine Einsatzgruppe gehörte, zu einem Aufstand bereit, mit dem man einen Militäreinsatz von außen unterstützen wollte.

Doch jede Hilfe blieb aus. Nach zweieinhalb Jahren Haft verliert Pilecki, der mit einer Operation zu Lande, eventuell mit Luftunterstützung durch eine polnische Fallschirmjägerbrigade aus England gerechnet hatte, die Geduld. Er entschließt sich zur Flucht, die ihm mit Hilfe seiner Organisation, genauer Planung der Details, gefälschter Ausweise und Versetzung in eine außerhalb des Lagers gelegene Bäckerei am 26. April 1943 auch gelingt.

Späte Rehabilitation

In Freiheit verfasste Pilecki seinen eindringlichen, elf Seiten langen "Raport W", mit dem er die Alliierten erneut zu einer Militärintervention, an der er selbst teilnehmen wollte, zu bewegen suchte. Vergeblich. Im Sommer 1945, unmittelbar nach der Kapitulation von NS-Deutschland, schrieb Witold Pilecki in Italien, wo er mit dem Polnischen II. Korps unter britischem Kommando stationiert war, seinen dritten und letzten Bericht über Auschwitz.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Polen zur russischen Einflusssphäre. Pilecki lehnte ein sowjetisch dominiertes Polen ab. Obwohl er jahrelang gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatte, stuften ihn die Kommunisten als "Faschisten" und "Agenten des Imperialismus" ein. Denunziert von seinen eigenen Landsleuten, gefoltert und in einem Schauprozess zum Tode verurteilt, wurde der hoch dekorierte Offizier der polnischen Heimatarmee am 25. Mai 1948 durch Genickschuss hingerichtet.

Seine Rehabilitation erfolgte erst 1990 nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Im Jahr 2000 erschienen Pileckis Auschwitz-Berichte. 2006 wurde ihm postum der Weiße Adler, der höchste Orden Polens, verliehen.

Anna Maria Sigmund ist Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und Autorin zahlreicher historischer Bücher, darunter "Die Frauen der Nazis", "Das Geschlechtsleben bestimmen wir. Sexualität im Dritten Reich" und "Des Führers bester Freund".