Bei den Schiffsattrappen im Burghof darf man sich kurz wie ein Wikinger fühlen. - © Martina Siebenhandl
Bei den Schiffsattrappen im Burghof darf man sich kurz wie ein Wikinger fühlen. - © Martina Siebenhandl

Schallaburg. Viele Fragen säumen den Weg in die Schallaburg, darunter: "Wer bin ich? Wer sind wir? Wer waren die Wikinger?" Die diesjährige Ausstellung im Renaissanceschloss bei Melk lässt von Anfang an erkennen: Hier sollen nicht alle Fragen beantwortet, sondern viele neue aufgeworfen werden - Fragen nach der eigenen Identität, nach der Bedeutung von Beziehungen, Geschichten und Gegenständen, nach Glauben und Hoffen, nach Bildern von sich selbst aus der eigenen und einer fremden Perspektive.

"Wikinger!" Der Titel der Schau wirkt wie ein Schreckensruf aus dem Mittelalter. Vom 8. bis ins späte 11. Jahrhundert waren die aggressiven Horden aus dem Norden an den Küsten Europas gefürchtet. Dabei habe es "die Wikinger" als eigenes Volk gar nicht gegeben, stellte Michaela Helmbrecht, Kuratorin für die Erweiterung der großteils vom Schwedischen Museum für Geschichte in Stockholm bestückten Ausstellung, bei der Eröffnung fest. Wenn Angehörige verschiedener nordischer Stämme auf "viking" gingen - das bedeutete eine weite Schiffsreise, eine Plünderungsfahrt oder eine Handelsreise -, fielen sie unter diesen Begriff, der sich später als allgemeine Bezeichnung einbürgerte.



Schmuck aus 110 verschiedenfarbigen Glasperlen mit 19 Anhängern in Fischschwanz-Form und Kettenhaltern aus Bronze; Grabbeigabe für eine Frau auf Gotland. - © Gabriel Hildebrand/The Swedish History Museum
Schmuck aus 110 verschiedenfarbigen Glasperlen mit 19 Anhängern in Fischschwanz-Form und Kettenhaltern aus Bronze; Grabbeigabe für eine Frau auf Gotland. - © Gabriel Hildebrand/The Swedish History Museum

Der Mann, auf den der Begriff "Bluetooth" zurückgeht


Aus Sicht des schwedischen Chefkurators Gunnar Andersson ist es fast unmöglich, die Wikingerzeit exakt zu datieren. Historisch gesichert sind die Wikinger erstmals am 8. Juni 793, als sie das Kloster Lindisfarne an der Nordostküste Englands überfielen und zerstörten. Was England betrifft, gilt der 25. September 1066 als Ende der Wikingerzeit. Damals fiel Harald III. Hardrade beim Versuch, die Herrschaft über einen Teil von Ostengland wiederzuerlangen, in der Schlacht von Stamford Bridge. Der neue Herr von England, Wilhelm der Eroberer, kam aus der Normandie. Dieses Gebiet hatte der französische König Karl der Einfältige 911 dem Wikingerfürsten Rollo als Lehen gegeben, um so weitere Attacken der "Nordmänner", die der Region nun ihren Namen gaben, abzuwehren.

Als große Wikinger gelten unter anderen Askold und Dir vom Stamm der Rus, die Kiew eroberten, Erik der Rote, der Grönland besiedelte, Leif Eriksson, der bis Nordamerika kam, und Harald Blauzahn, dem es gelang, verfeindete Teile Dänemarks und Norwegens zu vereinen. Die englische Version seines Beinamens, "Bluetooth", steht heute für eine Funkverbindung über kurze Distanzen, das dazugehörige Logo zeigt seine Initialen HB in Runenform.

Was wir über die Wikinger wissen, stammt aus archäologischen Funden oder aus schriftlichen Quellen, etwa Annalen und Chroniken, die aber aus England und dem Frankenreich und nicht von den Wikingern stammen. Die Runenschrift, die man bei den Skandinaviern verwendete, findet sich lediglich auf Steinen und Gegenständen - etwa zur Nennung des Besitzers oder für magisch-amuletthafte Beschwörungsformeln. Die Ausstellung zeigt solche Steine, aber auch schön verzierte Bildsteine, die kleine Geschichten erzählen und wahrscheinlich als Gedenksteine dienten. Ein solcher Stein aus Gotland zeigt einen Zweikampf, dazu Krieger mit Schilden auf einem Schiff sowie Symbole für das Totenreich und die Ewigkeit.

Das Weltbild der Wikinger offenbart sich am deutlichsten in den Geschichten und Mythen aus ihrer Zeit, die aber erst im 13. Jahrhundert von bereits christlichen Autoren schriftlich gefasst wurden. Aus diesem Sagenschatz hat sich zum Beispiel der britische Autor J. R. R. Tolkien ("Der Herr der Ringe") bedient, der seine Zwergen-Namen aus der Lieder-Edda übernommen hat. Die Bezeichnung unserer Wochentage geht teilweise auf germanisch-nordische Gottheiten zurück. Noch während der Wikingerzeit nahmen die ersten Skandinavier das Christentum an, das sich dann, meist nach der Taufe der Herrscher, rasch ausbreitete. Aber viele hielten noch lange an alten Glaubensinhalten und Jenseitsvorstellungen fest.

Für Sophie Nyman, Direktorin der Abteilung für Ausstellungen am Schwedischen Museum für Geschichte, geht die Wikingerzeit mit der "mythischen Periode der skandinavischen Geschichte" einher. Das Stockholmer Museum beherberge die größte permanente Ausstellung über die Wikinger, nun sei man auf Welttournee. Auf der Schallaburg werden auf 1300 Quadratmetern über 500 Exponate gezeigt, viele davon erstmals in Österreich. Als Erweiterung der Ausstellung werden historische Vorgänge in Mitteleuropa während der Wikingerzeit aufgezeigt und Objekte aus dieser Epoche, etwa der Rückendeckel eines Lindauer Evangeliars aus dem 9. Jahrhundert, präsentiert. Michaela Helmbrecht vergleicht die Rolle der Wikinger im Norden mit jener der Ungarn in Mitteleuropa, deren Raubzüge damals auch Angst und Schrecken auslösten.

Österreichisches Bodenradar für die Wikingerforschung


Österreich spielt in der Wikinger-Forschung keine geringe Rolle. Das liegt am Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie, geleitetet von Wolfgang Neubauer, das sich neben der Burg mit einem kleinen Zelt bemerkbar macht. Mit seinem Bodenradar hat das Institut ein virtuelles Modell der schwedischen Wikingerstadt Birka erstellt und im norwegischen Borre maßgeblich zur Entdeckung eines Häuptlingssitzes der Wikingerzeit beigetragen - mit Ritualplätzen, Grabhügeln und einer Hafenanlage.