Mit der einigenden Figur Lincolns starb auch die Hoffnung auf eine rasche Versöhnung der tief verfeindeten Kriegsparteien. Die Mühen der Wiedervereinigung sollten noch Jahrzehnte andauern, der Rassismus und die Ressentiments trotz dreier Verfassungszusätze sogar noch ein Jahrhundert weiter schwelen.

Der Präsident hatte Anfang März 1865, eineinhalb Monate vor seiner Ermordung, die Angelobung und Amtseinführung gefeiert. Er hatte angekündigt, alles daran zu setzen, die Konföderierten Staaten von Amerika herbeizuführen und die rund zehn Millionen Bewohner der abtrünnigen Südstaaten zu guten und loyalen US-Bürgern zu machen. Dabei setzte er auf Versöhnung und rasche Wiedereingliederung, sodass sein Heimatstaat Kentucky bald nach dem Krieg wieder in seine Rechte als Unionsstaat eingesetzt werden konnte (länger dauerte es bei Texas). Der Sezessionskrieg hatte trotz seines enormen Blutzolls einen technologischen Schub gebracht; gepanzerte Schiffe ersetzten die hölzernen, U-Boote fungierten als Blockade-Brecher, am Feld taten unzählige Geschütze ihre grauenhafte Tötungsarbeit.

Zunächst war der Krieg unentschieden verlaufen, den Generälen des Präsidenten, darunter McClellan, gelang es nicht, die südliche Hauptstadt Richmond (Virginia) einzunehmen. Lincoln warf ihnen Versagen vor und tauschte mehrfach das Kommando aus. Auf der Seite der Konföderierten agierten besser ausgebildete Offiziere, viele von ihnen waren in West Point ausgemustert worden, der besten militärischen Schule des Kontinents. An der Spitze der Südstaatenarmee stand der strategisch klug agierende General Robert Lee, der, aus Virginia stammend, selbst gegen die Sklaverei eingestellt war, aber aus Loyalität zu seiner Heimat gegen die Bundesarmee kämpfte.

Der Weg zur Einheit

Lange Zeit hatte Lincoln der motivierten und beweglichen Konföderierten-Armee nur wenig entgegenzusetzen. Die Situation änderte sich erst, nachdem die Westarmee der USA den ganzen Mississippi beherrschte und damit einen Keil zwischen die Südstaaten getrieben hatte. Im Osten markierte die verlustreiche Schlacht bei Gettysburg mit über 50.000 Gefallenen im Juni 1863 die Wende. Die Generäle Ulysses S. Grant, William Tecumseh Sherman und Philip Henry Sheridan verwüsteten hernach das Feindesland (der "totale Krieg" war somit keine Erfindung von Josef Goebbels). Schließlich musste der ressourcenmäßig unterlegene Gegner unter General Lee am 9. April 1865 bei Appomattox kapitulieren.

Lincolns Hauptanliegen, das seine ganze Amtszeit dominiert hatte, war es - unter Berufung auf den American spirit, die Leistungen der Gründerväter und die Kohäsionskraft der erfolgreichen US-Verfassung von 1787 -, die auseinanderdriftende Nation wieder zusammenzuführen.

Paradigmatisch waren seine feierlichen Worte anlässlich der Eröffnung des Kriegerdenkmals und Friedhofs in Gettysburg am 19. 11. 1863. Er ließ sich nicht zu einer siegesbewussten Tirade gegen die "Aufständischen" und abtrünnigen Sezessionisten hinreißen, sondern ehrte alle Gefallenen gleichermaßen. Es gibt unscharfe Fotografien davon, wie der Präsident auf einem Hügel steht und von Zuhörern umringt wird.

Dank der Nachwelt

Lincoln sagte wörtlich, dass sich die Nachwelt nicht mehr an diese Rede erinnern werde - das Gegenteil ist der Fall. Wie der Kieler Historiker Martin Kaufhold darlegt, dauerte die Hauptrede eines heute unbekannten Harvard-Professors mit Dutzenden klassischen Zitaten zwei Stunden und wurde begeistert aufgenommen, während Lincolns kurze Ansprache daneben fast unterging. Gleichwohl hatte er mit wenigen Worten die gesamte Gründungsgeschichte der Nation zitiert und die "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk" eingemahnt (das Original klingt noch treffender).

Die Schlussworte sind in Goldlettern am Lincoln Memorial in Washington verewigt. Auch das große New Yorker Lincoln Center mit der Metropolitan Opera und anderen Theatern erinnert an den verehrten Präsidenten.

Als Resümee bleibt, dass sich kaum ein Präsident der Vereinigten Staaten so tief in das Bewusstsein einer ganzen Nation eingeprägt hat wie der 1809 geborene und am Karfreitag 1865 ermordete Abraham Lincoln, den seine Zeitgenossen mit Recht "Honest Abe" nannten und dem Walt Whitman das berühmte Gedicht "O Captain, my Captain" widmete.