Der Wiener Kongress fand an vielen Orten Wiens zugleich statt, auch dem trägt die Ausstellung Rechnung: Verhandelt wurde in der Staatskanzlei, dort gab es auch so manches Souper des Außenministers, in den Wohntrakten der Hofburg aber residierte die imperiale Wohngemeinschaft der gekrönten Häupter, in diversen Stadtpalais der engeren Umgebung hatten die großen Delegationen ihr Quartier, in den Festsälen der Hofburg gab man rauschende Empfänge und Konzerte, und die Kirchen wurden für ostentative Gottesdienste genutzt.

Daher werden auch für die Schau mehrere Originalschauplätze genutzt. Der Standort Ballhausplatz wird in vier räumlich getrennten, aber inhaltlich eng verbundenen Stationen bespielt. Die Vorgeschichte und der historische und politische Kontext des Kongresses sollen sich im Amalienhof erschließen, in dessen Gästewohnung Zar Alexander logierte.

Ein Gewirr von Grenzbalken und Europas Kleinstaaterei führen in die Vorgeschichte ein. Das Leben zur Zeit des Kongresses, die Begleitumstände, die Wirkungen sind im Parterretrakt der Amalienburg nachzuvollziehen. Den Übergang zum heutigen Europa wird man im Durchgang zum Inneren Burghof passieren - hier bringt die Europäische Union den Weg nach Europa aus ihrer Perspektive ein. In einer kleinen Station mitten im Reichskanzleitrakt der Hofburg "tanzt der Kongress", indem seine filmische Interpretation und Verfremdung zum Objekt eines Kinos gemacht wird. Eine kurze Promenade führt in die alte ehrwürdige Hofburgkapelle zum Thema Musik, um erleben zu lassen, wie der Kongress "klingt", wie Beethoven einbezogen wurde und wie Wien geradezu von einem Kongress-Contest-Fieber erfasst war.

Oft wurde das Ereignis von 1814/15 auf zwei Vorurteile reduziert, die sein Image prägen: Der Kongress tanzte, aber brachte nichts zuwege, und der konservative Metternich hat bloß eine Restauration der alten politischen Verhältnisse herbeigeführt. Einen Bezug zur heutigen Bedeutung des Kongresses stellt man nur selten her, eine Einordnung in das soziale Leben der Großstadt Wien findet sich überhaupt nicht.

Ganz aktuelle Phänomene


Die Klischeebilder enthalten natürlich einen wahren Kern, gehen aber an der Realität weit vorbei. Die Schau will dazu manches neu beleuchten, was seine Wirkung gegen die Vorurteile nicht verfehlen sollte: Die langfristigen Ziele und Planungen, der gezielte und kluge Einsatz des Begleitprogramms, das Networking und Lobbying ganzer Scharen von Experten und Zuträgern, die Dynamik einer Serie von Gipfeltreffen mit Vorbereitung durch Arbeitsgruppen und Beichtstuhlverhandlungen, die Bereitschaft zu völkerrechtlichen Sanktionen und zur Korrektur innereuropäischer Grenzen und die Wichtigkeit einzelner für ganz Europa charismatischer Individuen in einer labilen historischen Situation sollen erfahrbar werden. Eigentlich sind das alles ganz aktuelle Phänomene europäischer Politik.

Der Autor ist Präsidialchef des Bundeskanzleramtes.