Kritisches Kunst-Selfie: Peter Sengls "Die Vielfarbigkeit des OK Weiss aussitzen" aus dem Jahr 2014. - © Leopold Museum/privat
Kritisches Kunst-Selfie: Peter Sengls "Die Vielfarbigkeit des OK Weiss aussitzen" aus dem Jahr 2014. - © Leopold Museum/privat

Der Blick von Peter Sengl war in den siebziger Jahren auf England gerichtet. Ähnlich wie manche seiner steirischen Kollegen, die durch Otto Breicha in der Gruppe "Wirklichkeiten" in Wien konzentriert wurden, lehnte dieser Maler mit Konzentration auf "Alpen Pop", zehn Jahre vor Etablierung der Neuen Wilden in Österreich, die Anpassung an die internationale Tendenz ab. Minimalistische oder konzeptuelle Skulpturen, die in seriellen Environments, als Land Art und Installation zusammengefasst wurden, waren nicht seine Sache. Er blieb Maler, Grafiker, auch wenn die Pop Kultur des aufkeimenden Medienzeitalters ihn und die "Wirklichkeiten" voll im Griff hatten. Sengl sammelte für ein großes Archiv - man könnte es wie bei Gerhard Richter als "Atlas" bezeichnen - aus Magazinen und Abbildungen addierte er die Kunstgeschichte zu Trivialem. Er war einer der ersten "postmodernen" Maler in Wien, vor allem wenn man die Wut des Zitierens betrachtet, die bis zum heutigen Tag anhält.

Im Leopold Museum hat er diese Manier fast überschritten, indem er die bekanntesten Werke von Schiele, Klimt, Egger-Lienz, Kokoschka und Boeckl heranzieht und paraphrasiert. In alle sieben Leinwände hat er sich in jeweils einem anderen Anzug kleiner als die Figuren-Motive der Protagonisten in die Werke hineinkopiert.

Thomas Zaunschirm sieht darin eine kritische Reaktion auf das Massenphänomen "Selfie" - die Selbstbildnisschwemme unserer Tage wird hier zur alten Bild-Signatur. Eingespannt in Sengls seltsamen Zwangsinstrumente, die zwischen Folterkammer und Schaukeln auf einem Spielplatz oszillieren, möchte man nicht sein. Sie stoßen ab. Er aber zieht ohnehin immer seine Frau Susanne Lacomb als Modell heran, die er zur Domina verkleidet, ihr aber auch einmal ein Bein amputiert.

Das Unbehagen gegenüber den Motiven macht sich schon im Frühwerk breit als noch die berühmten englischen Maler Peter Blake und Francis Bacon seine Figuren mit anregten. Die Verspannungen mögen denen von Bacons Päpsten nahe sein, der dazu als Designer seine Stahlrohrmöbel zitierte. Die Drahtverschlingung steigerte sich bei Sengl immer mehr zur Akrobatik. Dazu ist die Erinnerung an die frühen rohen Arbeiten von Bruno Gironcoli präsent mit ihrer Grausamkeit der Kriegsaufarbeitung. Die Gefahr für Elektroschocks war in Wien am Steinhof um 1970 wie die erotische Aufgeladenheit einer Sadomasochistenatmosphäre Tatsache.

Der Konsumzwang macht all die Museums-Ikonen zur billigen Marktware. Wir können uns nicht mehr sicher sein in dieser ganz offen männlichen Machoattitüden anheimfallenden Ästhetik. Alle, nicht nur die berühmten Bilder des Hauses, werden durch den "Kakao" des Artisten gezogen, in dessen Utensilien für Hochseilakrobatik auch die Gugginger Art brut, Michelangelo oder Frida Kahlo wie auf bunten Marktständen dem Kitsch frönen. Herzaustausch neben Vergewaltigung. Ein glattes Parkett, auf dem die "Bilderbilder" (Kurator Carl Aigner) schon mal ausrutschen können.

Tigerlilly trifft Hasenbraten


Die Lust lässt nach, die Masse an Details von Angeeignetem genauer zu untersuchen. Hinter einem Paravent mit Plattitüden aufgespießter Mischwesen mit niemals nachlassenden Kopulationsgelüsten liegt eine ausgestopfte Kuh. Sie stammt aus dem Atelier des Künstlers, soll seine Affinität zum Tier vermitteln. Diese tut sich mit Vögeln, Tigern, Affen, Hunden und Hühnern in fast allen Gemälden kund: Tigerlilly trifft auf Hasenbraten, die Gänge in den Zoo in akademischen Zeiten mit Meisterklassenleiter Sergius Pauser am Schillerplatz haben Eindruck hinterlassen. Selbst Künstlertochter Deborah ist verstrickt in perverse Blicke auf das Haustier.

An deren Seite lauert für den vom Bilderwahn Befallenen der Tod als Skelett. Kitsch ist besser als der Glaube an die Wiedergeburt - ein Sengl hat Verbote früh übertreten und die Abstraktion und das Figurale vermengt als andere es noch fein säuberlich trennten. Hat angehäuft und gnadenlos am Fleischwolf gedreht für seine seltsamen, schrillen Bilderkästen, er bleibt ironisch beim "Almabtrieb im Tangoschritt".

Ausstellung

Sengl malt

Leopold Museum bis 8. Februar